Thomas Adès’ Frühwerk stürmte und drängte sich auf die ersten Plätze der zeitgenössischer Operngeschichte. Gleichzeitig wird ein „Don Giovanni der Generation Monica Lewinsky“ geboten.

Aus dieser Schublade kommt er nicht mehr raus: Thomas Adès mag den Olymp der zeitgenössischen Musik schon zigfach erklommen haben (hat er), er mag Wunderkind gewesen sein, wie er will (ist er; die Oper, um die es hier geht, hat er mit gerade mal 24 geschrieben), sein Leben lang wird es aber Thomas Adès’ Markenzeichen bleiben, den ersten Blowjob der Operngeschichte vertont zu haben.
Dieser wird vollzogen – und wohlgemerkt auch gesungen! – im träumerisch halluzinierten Rückblick der in den 1940er bis 1960er Jahren berühmt-berüchtigten Herzogin von Argyll, einer Galionsfigur des englischen Hochadels, die aufgrund ihres libertären Lebenswandels von einer bigotten Justiz der Unzucht schuldig gesprochen und in den Ruin getrieben wurde, während die Sensationspresse sich nicht entblödete, sie als Dirty Duchess zu brandmarken.

„She doesn’t look happy. She looks rich“, wird die Herzogin im Libretto besungen. Um der tödlichen, wie in Watte gepackten Distinguiertheit ihrer Existenz zu entkommen, waren ihr zahlreiche Affären, gerne auch klassenübergreifend mit gerade verfügbaren Domestiken, eine willkommene Abwechslung – ebenso wie allen anderen Figuren der Oper übrigens auch, einschließlich ihres heuchlerischen Ehemanns.
So lässt Ludger Engels sein in edles Tuch gehülltes Ensemble in einem notgeilen Danse macabre über die Bühne balzen und scharwenzeln, den Blick fest aufs nächste Techtelmechtel, die Hand entschlossen aufs eigene Genital gerichtet – wie Michael Jackson auf Propofol-Entzug.
Engels inszeniert dies zwar explizit, aber an keiner Stelle spekulativ. Die verschiedenen Zeitebenen des herzoglichen Stream of Consciousness versinnbildlicht er durch die Doppelbesetzung der Duchess mit der Sängerin Eva Bernard als junger und Elisabeth Ebeling als gespenstisch durch die Zeiten wandernder, alt gewordener Duchess. Geradezu berauschend ist der exquisite Farbklang von Bühne und Kostümen von Moritz Junge, der die Requisiten eines aristokratischen Stilempfindens zu einem luxuriösen Augenschmaus verwebt. Sein nächstes Engagement führt den talentierten Bühnen- und Kostümbildner geradewegs zur New Yorker Met.

Adès’ Musik quillt über vor jugendlichem Sturm und Drang. Ähnlich wie der Stream of Consciousness der Duchess fließen die musikalischen Motive übergangslos ineinander über – nur schneller, opulenter und frappanter. Zwischen dem leitmotivischen Tangothema des Anfangs und des Schlusses ergießt sich ein überbordendes Fest an Ironie, Spielfreude und wildgewordenen Schlagzeugbatterien.
Ein vitaler Eklektizismus aus 30er-Jahre-Gassenhauern, Zirkuswirbeln, Sandalenfilm-Fanfaren (Miklós Rózsa lässt grüßen) fügt sich zu reichen, ungewöhnlich orchestrierten Klangkaskaden – war das gerade eine Melodica? – in atemloser Dichte. „Alles rennet, rettet, flüchtet!“, und über dem ganzen Tumult schwebt immer klar erkennbar die Handschrift von Thomas Adès.
Das Orchester hat alle Hände voll zu tun, bei den wieselflinken Ideenflügen des Komponisten mitzuhalten, was dem jungen Dirigenten Justus Thorau auch weitestgehend bravourös gelingt. Wie ein achtarmiger Verkehrspolizist regelt er im stummfilmreifen Affenzahn die nach allen Seiten davonbrausenden Klangströme, bremst, treibt, lockt und gebietet energisch Einhalt. Nur manchmal gelingt es ihm nicht, den von Adèsʼ Temperament getriebenen Drang seiner Musiker nach Lautstärke zu zähmen; z. B. an der Stelle nicht, in der ein Glockenspieler versucht, mit einer ganz eigenen Definition von Fortissimo ins Guinness-Buch der Rekorde zu kommen.

Ein aufwühlender Abend für alle, die bei einer Oper weniger das Gemütvolle suchen, sondern interessante Klangfarben, Rhythmen und eigenwilligen Umgang mit musikgeschichtlichen Zitaten schätzen. Eine (klammheimliche?) Freude daran, der englischen Aristokratie beim Untergehen zuzusehen, kann natürlich auch nicht schaden. Ludger Engels zeigt das genüsslich, ohne jede Häme und mit viel Stil.
Powder Her Face | Oper von Thomas Adès
Theater Aachen – Bühne | Musikalische Leitung: Justus Thorau, Inszenierung: Ludger Engels, Bühne und Kostüme: Moritz Junge | Aufführungen im April: 09.04., 15:00 Uhr

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