Albrecht Bouts und das Antlitz der Passion

Der atmosphärisch aufgeladene Raum ist in mittelalterliche Düsternis getaucht: Von überall und nirgends schwebt Bach’sche Passionsmusik durch den Raum. In diesem Ambiente können die altmeisterlichen Andachtsbilder des Christus mit Dornenkrone und seiner Mater dolorosa ihre kathartische Wirkung bestmöglich entfalten.

Wellness-Christentum heutiger Prägung sucht man hier vergebens. Hier geht’s ums Ganze: um spirituelle Tiefe, um Transformation, um Schmerz. Diese Dornen bohren sich wirklich qualvoll ins Fleisch und die umwerfend gemalten Tränen lassen darüber hinaus keinen Zweifel, dass Bouts tausende Vorstudien angefertigt haben muss, um deren glasklaren Realismus zu erzielen.
Die zahlreichen Kopien ein und derselben Motive lassen unweigerlich an einen anderen tiefgläubigen Katholiken denken: an
Andy Warhol (der sein Image als oberflächlicher Glamour-Boy ja lediglich inszenierte).* Wie in der New Yorker Factory ließ Bouts in seiner Werkstatt dieselben Motive endlos vervielfältigen und verzichtete, wie auch Warhol, nicht auf mechanische Hilfsmittel. Statt des damals unbekannten Siebdrucks verwendete er allerdings perforiertes Papier als Schablone zum Durchpausen.
Beiden Künstlern gemeinsam ist ihr Geschick, nicht nur in kreativer Hinsicht, sondern auch auf dem Feld von Mitarbeiterführung, Verwaltung und Akquise.
Nach der Ausstellung sieht man Warhols Marilyn in neuem Licht: nicht mehr nur als glamouröses Objekt der Begierde, sondern als zeitlose Ikone und todesmutig lächelnde Schmerzensfrau einer unbarmherzigen Spaßgesellschaft.

* Von seinen Zeitgenossen weitgehend unbemerkt schlich sich Warhol täglich nach Mitternacht in die Kirche Saint Vincent Ferrer zum Gebet.

Suermondt-Ludwig-Museum, bis 11.06.

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