Unterwegs mit „Foodsharing Aachen“

Einen anderen Ansatz als Aachen containert verfolgt die deutschlandweit agierende Gruppe Foodsharing: Sie holt Lebensmittel direkt bei den Großhändlern und Supermärkten ab, bevor diese überhaupt im Müll landen, und verteilt sie kostenlos über FairTeiler, also an frei zugänglichen Stellen, wo sich jeder bedienen kann. Einen Termin zu bekommen, bei dem ich die Gruppe begleiten kann, erweist sich als schwierig. Kein Supermarkt möchte sich bei diesem Thema in der Presse sehen.
Die Läden, bei denen die Lebensmittel abgeholt werden, tragen danach übrigens keine Haftung mehr für die Ware. Jeder Foodsaver unterschreibt vor seiner ersten Abholung einen Haftungsausschluss für die abgebenden Betriebe, das heißt, der Foodsaver ist ab dem Moment, in dem er die Lebensmittel annimmt, dafür verantwortlich. Wer sich bei den Lebensmitteln bedient, sollte sich also im Klaren darüber sein, dass er selbst die Verantwortung für das trägt, was er verzehrt, und kein Laden haftbar gemacht werden kann.

Sonntag, 05.03., 12:00 Uhr: FairTeiler-Bau im Hirschgrün
Im Hirschgrün, einem Urban-Gardening-Projekt an der Richardstraße, hat sich Tomke von Foodsharing Aachen mit ein paar Kollegen getroffen. Hier stand bis vor kurzem ein FairTeiler – ein kleiner, öffentlich zugänglicher Verteilpunkt, in diesem Fall etwa in Größe und Form eines begehbaren Kleiderschranks –, über den die Gruppe kostenlos gerettetes Gemüse ausgegeben hat. Doch er ist abgebrannt. Da die Gruppe keine Drohungen erhalten hat und sich niemand über den FairTeiler beschwert hatte, geht sie davon aus, dass es „ein dummer Streich“ gewesen ist, dem der Kasten zum Opfer gefallen ist. Heute sind sie mit Werkzeug und Brettern angerückt und machen sich daran, einen neuen und viel größeren schrankartigen Kasten zu bauen, den Tomke entworfen hat. Die Beine werden in den Boden eingelassen und neben dem Kasten wird ein Spind aufgestellt, der abgeschlossen werden kann und der Werkzeug sowie Reinigungsmaterial enthält. Den FairTeiler müssen die Aktivisten nämlich täglich sauber halten – ein Unterfangen, an dem es manchmal in der Vergangenheit haperte. Die Materialien wurden aus Eigenmitteln und Spenden bezahlt.

Sonntag, 05.03., 15:00 Uhr
Heute findet das Monatstreffen von Foodsharing Aachen im Restaurant Pfannenzauber statt. Tomke hat gerade den neuen FairTeiler fertig aufgebaut und leitet nun die Veranstaltung. Gekommen sind zwölf Mitglieder und Interessierte – von rund 300 Foodsharing-Aktivisten in Aachen. Nach einer Vorstellungsrunde geht es ans Eingemachte. Welche Neuigkeiten gibt es? Wo werden Probleme gesehen? Welche neuen Ideen stehen gerade im Raum?
Sebastian und Todde sind zum ersten Mal dabei und interessieren sich für Hintergrundinfos und fragen nach Kooperationsmöglichkeiten. Brigitte und Günter sind täglich mit dem Abholen von Gemüse und Brot beschäftigt und betreiben zweimal die Woche in ihrer Garage eine Lebensmittelausgabe. Sie berichten, dass inzwischen viele Menschen von der Tafel zu ihnen abgewandert seien, weil man weder einen Nachweis vorzeigen noch etwas bezahlen müsse. Von einigen Kunden würden sie sich allerdings ein freundlicheres Verhalten und weniger Raffgier wünschen.
Petra und Stephanie engagieren sich ehrenamtlich für das „Café for you“ auf Gut Kullen. Hier gibt es ein kleines Kleiderlädchen; Flüchtlinge können Deutsch lernen und Petra wollte einen FairTeiler einrichten, der jedoch von der Kirche abgelehnt wurde, ein danach vorgeschlagener „Teilzeit-FairTeiler“ wurde hingegen genehmigt. Das bedeutet, dass Petra komplett für die Ausgabe und das Entsorgen von Resten zuständig ist. Jeden Donnerstag von 17:00 bis 19:00 Uhr gibt es nun eine kostenlose Verteilung von Lebensmitteln im „Café for you“. Petra sammelt die Lebensmittel dafür selbst bei Läden ein und transportiert bis zu 30 Kilo auf ihrem Fahrrad ohne Gangschaltung zum Café.

Tomke berichtet von neuen Ideen. Die Gruppe hat ein Gartenhäuschen geschenkt bekommen, nun wird ein Platz gesucht, wo es aufgestellt und als FairTeiler eingesetzt werden kann. Für ihr Fahrrad hat sie einen Mini-FairTeiler gebaut, den sie immer mit Gemüse befüllt und durch die Gegend karrt. Jeder kann sich bedienen. Und wenn ihr Rad nicht unterwegs ist, stellt sie den Miniladen auf einen Stromkasten in der Straße. Ihr schwebt noch ein größerer mobiler Marktstand vor. Positiv aufgenommen wird die Nachricht, dass im Westpark aufgrund einer Initiative der Bleiberger Fabrik ein neuer FairTeiler entstehen soll.
Demnächst steht auch wieder eine Schnippelparty an, die von den Foodsharern veranstaltet wird. Dort kann jeder mit Brettchen und Messer vorbeikommen und mit der Gruppe Gemüsegerichte kochen. Wenn viel los ist, kommen bis zu 200 Leute. Die Organisation von Veranstaltungen sei manchmal schwierig, vor allem, wenn neue Mitglieder Aufgaben übernehmen wollten, dann aber nicht mehr auftauchten. Dauerbrenner ist das Thema Müll. Ein Zero-Waste-Lifestyle ist die Benchmark, aber es gibt Massen an Müll, die entsorgt werden müssen, sei es von Verpackungen oder von schließlich doch liegen gebliebenem Gemüse. Außerdem gebe es bei den FairTeilern immer wieder Probleme, wenn sich doch niemand für die Entsorgung von Müll zuständig fühle. Für das Image von Foodsharing sei es aber wichtig, die FairTeiler sauber zu halten.

Auch das eigentliche Problem, also die Wurzel des Übels, wird angesprochen: mehr Aufklärung bei den Verbrauchern. Solange jeder sich wünsche, auch kurz vor Ladenschluss noch alle Sorten Brot und Brötchen zu erhalten, könne sich nichts verändern. Gerade der Bereich Brot sei ein riesiges Problem. 25 % der Ware von Bäckereien lande auf dem Müll bzw. könne von Essensrettern abgeholt werden. Zum Schluss wird eine Änderungen angekündigt: Foodsharing Aachen soll bald ein Verein werden. Das sei inzwischen nötig und der Dachverband bitte alle Ortsgruppen, sich professionell aufzustellen.
Der jüngste Teilnehmer der Gruppe, Elias, 4 Jahre und der Sohn von Jessie, hat die ganze Zeit ruhig am Tisch gesessen und gespielt. Auch er helfe manchmal mit und könne schon schwere Taschen tragen, erklärt er. An Nachwuchs mangelt es also keineswegs. Auf dem Weg nach draußen komme ich am FairTeiler-Kühlschrank vorbei. Eine Frau, die der Szene um den Kaiserplatz zugeordnet werden kann, bedient sich gerade und nimmt einen frischen Salat raus. Unmengen Brot und Brötchen liegen auch noch bereit. Außerdem Backmischungen, bei denen das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Brot zähle in hartem Zustand als Sperrmüll. Ob man dies denn nicht noch für Tiere abgeben könne, will ich wissen. Jessie winkt ab – alle Stellen würden mehr als reichlich erhalten.
Es ist also mehr als genug für alle da und damit kann auch der Vorwurf entkräftet werden, mit dem sich die Foodsharer manchmal konfrontiert sehen: Sie nähmen den Tafeln das Essen weg.

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