Von unsinnigen Mindesthaltbarkeitsdaten und dem Sinn von guten Warenwirtschaftssystemen

Wenn Supermärkte keine Waren in den Müll werfen würden, würden wir hier nicht übers Containern schreiben. Dass sie aber naturgemäß ein Interesse daran haben, möglichst wenig wegzuwerfen, ist auch klar. Von den rund elf Millionen Tonnen Lebensmitteln, die laut Schätzung der Verbraucherzentralen in Deutschland in der Tonne landen, verursachen Supermärkte rund 5 bis 10 % der Menge, während Verbraucher für über 50 % der Menge verantwortlich sind. Wir haben mit dem Inhaber eines großen Aachener Supermarktes über Müllaufkommen, Gegenmaßnahmen und Resteverwertung gesprochen. Aufgrund des heiklen Themas wollte er anonym bleiben.

Ist Ihrer Einschätzung nach die Menge der weggeworfenen Lebensmittel in den letzten Jahren größer geworden?
Nein. Wir versuchen, so wenig wie möglich wegzuwerfen, und das ist in den letzten Jahren eher einfacher geworden, denn wir arbeiten mit einem sehr guten Warenwirtschaftssystem. Mit konsequenter Pflege der Daten kann man da immer besser arbeiten. Sie müssen sich vorstellen: Wir wollen nichts wegwerfen, denn das geht ja von unserem Gewinn ab. Von der Frischware landen rund 1,5 % im Abfall und 3 % vom Gemüse. Leider sind es bei Brot und Salatbar 5 %, denn das muss ja immer ganz frisch sein.
Als Durchschnittswert kann man sagen, dass insgesamt 2,5 % der Lebensmittel wegen Bruch oder Verderb im Müll landen.

Welche Optionen haben Sie, mit Lebensmitteln, die nicht mehr im Regal angeboten werden, umzugehen?
Wir versuchen, schon im Vorfeld so damit umzugehen, dass das nicht vorkommt. Unsere Mitarbeiter haben eine hohe Verantwortung. Ware, die bald abläuft, muss im Regal vorne stehen. Rückt das Mindesthaltbarkeitsdatum in unmittelbare Nähe, reduzieren wir die Ware um 30 %. Es gibt Kunden, die da gerne drauf zurückgreifen und sogar danach fragen. Eine andere Möglichkeit ist, Ware, die bald abläuft, zur Verprobung aufzustellen. Dann können Kunden testen, ob das vielleicht etwas für sie ist. Und zuletzt kann man Ware an die Tafeln abgeben oder an Tierheime oder Zoos. Das wird von vielen Läden praktiziert.

Thema Verbraucher: Erwartet dieser immer frische Ware, die jederzeit erhältlich sein soll? Wer ist gefragt, um Verschwendung zu vermeiden: der Verbraucher, der Gesetzgeber oder der Hersteller?
Wir erwarten von uns selbst, dem Kunden immer gute Ware anzubieten. Auf der anderen Seite sind in unserer Gesellschaft viele Menschen sehr verwöhnt. Sie wollen immer nur das Beste. Schwierig ist das gerade im Fleischbereich. Wir können nur wenige Teile eines Tieres verwerten, denn viele wollen einfach nur das Filet. Da versuchen wir schon mal, Anregungen zu geben, was man aus anderen Teilen Gutes zubereiten kann.
Oder bei Gemüse: Die meisten Käufer wollen ausschließlich kalibriertes Gemüse. Wenn wir von einem regionalen Bauern krummes Gemüse kaufen, geben wir es billiger an den Endverbraucher ab. Wir müssen meist jedoch einen Mitarbeiter danebenstellen, der erklärt, dass dieses Gemüse mindestens genauso gut ist, dann kauft der Kunde es auch.
Wir sehen einen Teil unserer Verantwortung darin, den Verbraucher aufzuklären. Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist so ein Thema, bei dem viel mehr Aufklärung stattfinden muss. Man hat den Menschen eingetrichtert „das Mindesthaltbarkeitsdatum ist überschritten – das kann man nicht mehr essen“. Aber das ist ein Irrglaube! Wir setzen darauf, schon Kindergärten und Schulen einzuladen und den Kindern viele Dinge zu zeigen. Natürlich sollen sie hier keine verdorbene Milch trinken. Aber man kann ihnen durchaus zeigen, wie das aussieht und wie das riecht und worauf sie sonst achten sollen, um selbst herauszufinden, ob etwas noch gut ist oder nicht. Man kann sie auch den Unterschied zwischen Bio und Nichtbio kosten lassen oder Obst und Gemüse probieren lassen, das nicht aussieht wie die Norm. All das ist wichtig.

Reis und Salz, die ablaufen – machen Haltbarkeitsdaten denn immer Sinn?
Selbstverständlich nicht. Das ist Blödsinn. Es gibt Produkte, die einfach nicht schlecht werden. Kaffee, Essig und Senf gehören auch dazu. Aber da sie Mindesthaltbarkeitsdaten haben, sind wieder unsere Mitarbeiter gefragt. Sie müssen die Waren dann wieder vorne ins Regal stellen, bevor sie abläuft. Aber das sind sowieso Produkte mit einem hohen Durchlauf, in der Regel kommt es nicht dazu, dass sie bei uns ablaufen. Und der Kunde sollte wissen, dass diese Produkte im Grunde nicht schlecht werden können!

Wären Maßnahmen wie in Frankreich, wo Lebensmittelhändler dazu verpflichtet werden, ungenutzte Lebensmittel weiterzuverwerten (als Spende, Tiernahrung, Kompost etc.), auch hierzulande sinnvoll?
Das halte ich für unnötig. Besser sollte jeder Laden seinen Einkauf optimieren. Es geht ja auch um das eigene Geld.

Welche Möglichkeiten gäbe es aus Ihrer Sicht, um solche Mengen an nicht mehr verkaufbaren Lebensmitteln erst gar nicht aufkommen zu lassen? Auch konkret in Ihrem Supermarkt?
Wir haben es schon benannt: Ein gutes Warenwirtschaftssystem, das auf künstlicher Intelligenz basiert. Vor fünf Jahren habe ich das nicht für möglich gehalten und hätte geschworen, dass unsere Mitarbeiter das am besten draufhaben. Aber richtig gute Ergebnisse erzielen wir mit dem neuen System – das natürlich von den Mitarbeitern gepflegt werden muss. Da weiß man wirklich ganz genau, welche Joghurtsorte wann wie oft gekauft wird. Selbst das Oster- und Weihnachtsgeschäft wird besser durchschaubar. Und natürlich immer: Aufklärung des Kunden, denn die größten Mengen werfen die Menschen zu Hause weg.

Soll Containern legalisiert werden?
Nein. Das ist nicht wirklich zumutbar für die Läden, denn viele Menschen, die containern, lassen leider doch vieles auf dem Parkplatz liegen und wir räumen immer hinterher. Es liegt in der Verantwortung jedes Ladens, ob er die Container abschließt oder nicht.
Besser finde ich Lösungen wie Foodsharing, da kommen Menschen die Waren direkt abholen. Leider gibt es dabei aber eine rechtliche Grauzone. Ich müsste als Ladenbesitzer rechtlich abgesichert von der Verantwortung freigesprochen werden, dass ich haftbar gemacht werden kann, wenn sich doch mal jemand den Magen verdirbt.

Nehmen Sie selbst Lebensmittel mit nach Hause, die Sie nicht mehr verkaufen können, um sie vor der Tonne zu retten? Essen Sie abgelaufene Lebensmittel?
Ja! Jeden Tag. Ich kann schlecht Lebensmittel wegwerfen. Wir nehmen jeden Tag ein kleines Kistchen mit Waren mit zerrissenen Verpackungen und verblötschter Frischware mit. Auch ein Obstsalat aus nicht einwandfrei aussehendem Obst ist lecker! Da wir alle arbeiten, haben wir eine Köchin. Sie musste sich erst daran gewöhnen, dass sie sich immer flexibel auf diese Ware einstellen muss.

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