Kunsthaus NRW

Unsere vor gut einem Jahr hier niedergeschriebenen hymnischen Erwartungen an den neuen Chef des Kunsthauses NRW in Kornelimünster haben sich inzwischen eindringlich bestätigt. Die „zartbräunliche Angestaubtheit“ des ehrwürdigen Etablissements hat sich im Laufe eines Jahres tatsächlich zu einem „Kraftplatz ofenfrischer Kunst aus diesem unserem schönen Bundesland“ gewandelt. (Zitate: Moviebeta 12/15)

So kommt das Gastspiel der zehn ausgewählten jungen KünstlerInnen der „new talents – biennale cologne“ auf lässige Weise contemporary und sexy daher.
Hat man Bastian Hoffmanns typischen 70er-Jahre-Steinhaufen (Carl Andre, die Dreiunddreißigste) erst mal links liegen lassen und Elisabeth Windischs unhandliche, sich im Eingangsbereich breitmachende Installation mit Zinkwanne und pittoresk verstreuten Wasserkanistern in der Schublade „irgendwann noch mal gucken“ abgelegt, ist alles Darauffolgende nur noch contemporary und new.

Allen ausgewählten jungen Künstlern scheint bewusst zu sein, dass in diesen unseren Zeiten des Übergangs (oder des Transits, wie Tim Berresheim zu sagen pflegt) niemand einen Schimmer hat, was Kunst eigentlich ist und was sie bezwecken soll. Sicher ist nur, dass die Moderne langweilt,* aber das Neue, das ihr nachfolgen soll, noch nicht in Sicht ist. Ein überaus begrüßenswerter Zustand für talentierte junge Menschen, den die hier versammelten „new talents“ dazu nutzen, sich exakt die Freiheiten zu nehmen, die sie benötigen, um für eine erquickliche Randale auf dem Kunstspielplatz zu sorgen.

Umwerfend ist z. B. die Frechheit, mit der Roman Kochanski ausgerechnet das mieseste aller No-Go-Genres aufgreift, um daraus mit virtuosem Witz delikate, interessante Bilder zu machen. Seine Leinwände sind mit eben der dekorativen Spachteltechnik gestaltet, mit der ganze Legionen unterbezahlter, skrupelloser Fließbandmaler Südostasiens drittklassige Kunst- und Dekoläden dieser Welt mit „Waldstimmungen“, „Sonnenuntergängen“ und – am allerschlimmsten – mit abstrakten „Improvisationen“ überfluten. Die Intelligenz und der Geschmack, mit der Kochanski diese Unsitte für seine eigenen hehren Zwecke vereinnahmt, erinnert an die entwaffnende Kaltschnäuzigkeit, mit der Anselm Reyle vor ca. zehn Jahren der damals mausetoten Kunst des Informel zu neuer Blüte verhalf.
Vera Drebusch visualisiert ihre Kapitulationserklärung vor den unlösbaren Problemen von Raum, Zeit und Welt in einem überbordenden Konvolut an Kunstbüchern, Fotografien und visualisierten Gedichten, deren Gemeinsamkeit die trashig-dokumentarische Anmutung und der ehrfurchtgebietende Universalismus einer spätgeborenen Renaissance-Künstlerin ist.

Ein köstliches Highlight ist das Video von Benjamin Ramirez Pérez, in dem ein Model des Typs Dressed-to-Kill-Konditoreifachfrau aus den 80ern sich von einem anonymen „Versuchsleiter“ mit einer Pipette Wasser ins Gesicht tröpfeln lässt und daraufhin für den Rest des Films, nun ja …: „weint“.

* Ich weiß, dass dich die Moderne nicht langweilt, Nikos, aber an dich richtet sich diese Rezension ja auch nicht.
Kunsthaus NRW, Kornelimünster, bis 23.04.

zurück LuForm
weiter Food-Love – Es ist genug für alle da