18 Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland pro Jahr auf dem Müll. Elf Millionen Tonnen gelten als vermeidbar. Der Endverbraucher ist dabei laut WWF und Verbraucherzentrale der größte Müllverursacher. Rund 82 Kilo Lebensmittel wirft jeder Deutsche im Durchschnitt jährlich weg. In jüngster Zeit bilden sich Organisationen, die – wie die seit 20 Jahren existierenden Tafeln – gegen Verschwendung und Überfluss ankämpfen und Lebensmittel retten wollen. Dabei bewegen sie sich teilweise in rechtlichen Grauzonen oder der Illegalität. Auch in Aachen wird die Szene immer größer. Birgit Franchy hat Aachen containert und Foodsharing Aachen begleitet.

1. Unterwegs mit „Aachen containert“

Montag, 13.02.2017, 22:30 Uhr: Geführte Tour zu den Hotspots des Abfalls
Hanna ist heute zum ersten Mal bei einer Container-Tour dabei. Ihre Eltern begrüßen das: Wurde auch Zeit, dass du dich für etwas engagierst, sollen sie gesagt haben. Hanna und ihre Freundinnen sind es leid, dass so viele Lebensmittel auf dem Müll landen, und wollen endlich selbst aktiv werden – außerdem kann das auch noch ihren Geldbeutel als Studentinnen entlasten.

In Aachen hat sich rund um Christian Walter die vielleicht aktivste Szene Deutschlands von Menschen, die containern, also von Supermärkten in den Müll geworfene Lebensmittel retten wollen, gebildet. Der 28-Jährige, der seit zehn Jahren aktiv ist, betreibt die Facebookseite „Aachen containert“ mit inzwischen rund 1.500 Followern. Und er hat ein Buch zum Thema geschrieben, das soeben erschienen ist. Besonders Fahrt aufgenommen haben die Aktivitäten aber, seit in Aachen zwei Menschen beim Containern erwischt wurden und von der Polizei wegen schweren Diebstahls angeklagt wurden. Walter hat daraufhin die Petition „Containern ist kein Verbrechen“ gestartet, die inzwischen bundesweit Wellen schlägt und bereits von über 100.000 Menschen unterzeichnet wurde.
Heute Abend hat Christian Walter zur geführten Tour geladen. Nach einer Einführung, bei der er über seine Beweggründe spricht, die aktuelle Lage zum Prozess schildert, über Rechtliches aufklärt und auch erklärt, welche Lebensmittel man aus Sicherheitsgründen besser nicht mitnehmen soll, zieht die Gruppe los. Sie besteht aus zwölf Leuten, von denen zwei Drittel zum ersten Mal dabei sind.
Zunächst pilgern alle zu einem großen Lebensmittel-Discounter in der Nähe. Derweil berichtet Walter über eine Packung Lego Star Wars, die er schon im Müll gefunden hat, oder davon, dass er selbst bislang Glück hatte und von Ordnungsamt, Security und Polizei nicht behelligt wurde.

Um an die Mülltonnen zu gelangen, müssen wir einfach nur über einen großen Parkplatz laufen. Die Container sind nicht abgeschlossen, was Christian Walter als stillschweigende Billigung des Containerns wertet. Früher seien mehr Mülltonnen verschlossen gewesen, berichtet er. Heute drückten die Supermärkte eher ein Auge zu. Er verteilt Handschuhe und gibt die Warnung aus, niemals ohne sie im Müll zu wühlen, immerhin seien dort alle möglichen Keime unterwegs, man wolle sich keine Infektion einfangen. Mit Taschenlampen ausgerüstet geht es in die Container. Aus ihnen werden säckeweise Lebensmittel herausbefördert. Da wir sehen wollen, was alles in der Tonne landet, holen wir alles raus. Finden Säcke mit Sushi – Achtung, nur das vegetarische mitnehmen –, aber auch Verpackungen mit Lebensmitteln, die erst in zwei Tagen ihr Mindesthaltbarkeitsdatum erreichen. Außerdem jede Menge Gemüse, Schachteln mit Eiern, die noch nicht abgelaufen sind, aber von denen eins beschädigt ist, Töpfe mit Kräutern und nochmal jede Menge Gemüse. Jeden Tag landen hier zwischen 30 und 50 Kilo Lebensmittel im Müll, Walter nennt die Ausbeute heute besonders groß. Während wir kaum aus dem Staunen herauskommen, stoßen weitere drei Aktivisten zur Gruppe, die offensichtlich gerade ihre Runde machen und schnell etwas in ihren Rucksack packen. Hanna, ihre Freundinnen und die anderen kommen jeweils auf zwei große Tüten voller Ware. Wir räumen schnell noch auf, denn man darf den Läden kein Chaos hinterlassen, wenn man geduldet werden will. Dann ziehen wir mit der Ausbeute von dannen.

Dienstag, 14.02.2017, 12:00 Uhr: Gemüsepfanne mit Pesto à la Abfall von gestern
Christian Walter steht in seiner Küche und bereitet eine Gemüsepfanne zu – natürlich mit containertem Gemüse. Dazu gibt es ein Pesto, das er mit Ware aus dem Müll zubereitet hat, und eine Schafskäsecreme – containert. Im Regal über der Küchenzeile stehen zig Gewürze. Auch diese wurden entsorgt, nachdem das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen war – auch wenn Gewürze eigentlich gar nicht schlecht werden können.
Auf dem Boden stehen Kartons mit Aufklebern „Containern ist kein Verbrechen“, daneben Kisten mit Plakaten. Das Material wird nach ganz Deutschland verschickt. Die Gruppe hat eine Spendenaktion ins Leben gerufen, um einen Anwalt für den Prozess gegen die beiden Kollegen, die angeklagt wurden, zu besorgen. 2.500 Euro sind zusammengekommen, davon konnte auch Infomaterial gedruckt werden, das rege angenommen wird. Christian Walter erzählt, dass er sich so engagiert, um eine große Öffentlichkeit zu schaffen und die Menschen zum Nachdenken über Konsum anzuregen. Bei seinen Führungen gibt er auch immer Tipps, wie man selbst vermeidet, zu viel wegzuwerfen: Nicht hungrig einkaufen gehen, nicht auf Lockangebote hereinfallen … Bei seiner ersten Führung im Sommer letzten Jahres seien 60 Menschen mitgegangen, das Interesse sei definitiv da und immer mehr junge Menschen würden aktiv, so seine Erfahrungen. Er hofft, dass Containern möglichst bald legalisiert wird, wenn schon nicht verhindert werden kann, dass so viele Lebensmittel von den Supermärkten entsorgt werden.

Dienstag, 21.02.2017, 22:30 Uhr: Was bieten Discounter und Bioläden heute an?
Die Läden haben geschlossen, die Mitarbeiter sind gegangen und Christian Walter zieht wieder los. Heute wollen wir einen Discounter und einen Biomarkt besuchen, um zu sehen, was dort anfällt. Letzte Woche habe der Biomarkt Ware in einer Kiste neben die Tonnen gestellt, erzählt Christian Walter – wahrscheinlich für die Containerer. Heute ist das nicht der Fall. In der Tonne finden wir Pastinaken, Beerenobst, Rote Bete, Topinambur, Massen an Suppengemüse und einen weiteren bunten Gemüsemix. Bei den Discountern sind heute neben Lebensmitteln auch viele Sträuße Tulpen dabei, außerdem viele saftige, frische Kohlköpfe und jede Menge Chipstüten – die nächste Party ist gerettet.

01:00 Uhr: Christian steht in der Küche. Es sei wichtig, das ganze Gemüse so schnell wie möglich zu reinigen, also noch heute Nacht. Schließlich lag es bereits im Müll. Von den Kohlköpfen entfernt er die Außenblätter und wäscht jeden Kopf gründlich sauber. Morgen wird er sich an die Verteilung machen.

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