Vier Generationen und 90 Jahre Filmfamilie Stürtz

„Mein Bruder ist der Samstag, ich bin der Sonntag“, beschreibt Moritz Stürtz (26) die Arbeitsteilung, die er und sein Bruder Sebastian (29) seit ihrer frühen Jugend im Kinobetrieb der Eltern übernommen haben. Inzwischen führen die beiden Stürtz-Nachfahren die Stürtz-Kinodynastie in der vierten Generation fort. „Wir fragen uns oft, wie unsere Eltern das früher geschafft haben, so viel zu arbeiten. Damals wurde noch viel mehr selber gemacht. Selbst bei den Umbauten und Umzügen haben sie immer mitgearbeitet. Mein Vater hat teilweise sogar die Lautsprecher selber gebaut.“ Die Eltern führten damals mehrere Kinosäle in Alsdorf und bauten 1997 den Cinetower ebenfalls zum Kino aus. In dieser Zeit setzen Moritzʼ erste Erinnerungen ein: „Ich war sieben und fasziniert davon, wie die Böden gegossen wurden. Das war Fließbeton mit Glitzer darin und die Arbeiter standen mit Spikes im Beton, damit keine Spuren bleiben.“
Im Cinetower hatte er auch sein erstes prägendes Kinoerlebnis: „Meine Mutter musste etwas erledigen und parkte mich im Film ‚Titanic‘, der damals bei uns lief. Aber die Erledigung dauerte zu lange, und da ist die Titanic untergegangen. Ein Schock für mich!“ Das Erlebnis erzählt sich die Stürtz-Familie heute noch, ebenso wie die Begebenheit, dass der Film damals ein ganzes Jahr durchlief.

Metropolis in Alsdorf

Die Stürtz-Jungs wuchsen also im Kino auf, Taschengeld gab es nicht, dafür halfen sie schon im zarten Alter von zwölf Jahren aus und lernten alle Arbeitsbereiche von Saal über Kasse bis Popcorntheke kennen, bis sie im Alter von 16 Jahren selber den ganzen Ablauf meistern und die Vorführungen durchführen konnten. Sebastian übernahm den Kinobetrieb in einem Haus am Samstag, sein Bruder am Sonntag. Damit war klar, dass auch die vierte Generation in den Kinobetrieb einsteigt. Über 90 Jahre ist es inzwischen her, dass Onkel und Tante ihres Großvaters 1925 in Alsdorf eine Gastwirtschaft mit Tanzsaal eröffneten.
Damals kam das Filmezeigen in Deutschland gerade erst auf, und die beiden Gastwirte nutzten ihren Saal ab ca. 1928 für Stummfilmvorführungen. Ob einer der Klassiker „Nosferatu, eine Symphonie des Grauens“ (von 1922) oder der wegweisende Sciencefiction-Film „Metropolis“ (von 1927) den Ausschlag gab, ist nicht überliefert, aber die Familie fand Gefallen am Filmgeschäft und 1938 eröffnete Nichte Maria Stürtz in der Alsdorfer Rathausstraße das Atrium-Theater mit 619 Plätzen.

Im Zweiten Weltkrieg geriet ihr Bruder Leo Stürtz in russische Kriegsgefangenschaft. Als er zurückkehrte, stieg auch er in das Filmgeschäft ein und baute 1952 das Gloria Theater mit 656 Plätzen. Familie Stürtz achtete immer auch auf die neueste Technik, so gehörten die Alsdorfer Kinos ab 1963 zu den ersten deutschen Häusern, die vollautomatisch betrieben werden konnten. Leo Stürtz war vom Krieg gezeichnet. Sowohl er als auch seine Schwester verstarben früh.
Leos Frau Thea und Sohn Leo junior übernahmen das Zepter. Leo Stürtz junior arbeitete bereits mit zwölf Jahren im elterlichen Betrieb mit. Seine Leidenschaft gehörte ganz besonders der Tonqualität. Er interessierte sich für die Technik und den Bau von Lautsprechern. 1978 sorgte er für Dolby-Surround-Anlagen und lag dadurch wieder vorne. In Alsdorf konnte mit dem James-Bond-Film „Moonraker“ der erste deutsch synchronisierte Kinofilm in 4-Kanal-Technik gezeigt werden.
Als Leo Stürtz Vater wurde, war es klar, dass auch seine Söhne im Kino aufwuchsen.
„Wir konnten auch mal mit Freunden eine Vorstellung besuchen“, so Sebastian „aber danach mussten wir den Saal aufräumen.“ Die beiden Brüder schätzen bis heute, dass sie Bescheidenheit und Wertschätzung gelernt haben. Wenn Sebastian Stürtz von seinen Highlights im Kino erzählt, sind es auch nicht die großen Sensationen, von denen er berichtet, sondern davon, wie er zum ersten Mal den grünen Knopf für den Filmstart drücken durfte: „Heute wissen außer meinem Bruder und mir gerade mal drei von unseren 150 Mitarbeitern noch, wie man 35-mm-Filme vorführt“, erzählt er stolz.

Jenseits vom Eden

Auch nach dem Erwerb des Alsdorfer Wasserturms vor 20 Jahren gingen die Innovationen immer weiter. Die Soundanlagen lockten Besucher aus der ganzen Umgebung. Es folgten weitere Meilensteine: Als in Aachen der große neue Kinopalast 2004 zum wiederholten Male pleiteging, wagte Familie Stürtz den Schritt von Alsdorf in die nächstgrößere Stadt. Es folgte der Kauf von Eden (2008) und Capitol (2014). Großmutter Stürtz arbeitet weiterhin im Familienbetrieb. 50 Jahre war sie im Einsatz. Zuletzt mit über 70 Jahren am Saaleinlass in Alsdorf. Als ihre Enkel ihr stolz von einer Neuerung im Kino berichteten, konnte sie nur lachen. „3D? Das soll neu sein? Das hat-ten wir schon 1975, als wir ,Der weiße Hai‘ gezeigt haben!“

Filme in Japanisch, Türkisch oder Russisch

Mit ihrem Sinn für Innovationen konnte Familie Stürtz bislang allen großen Krisen im Kinogeschäft trotzen. „Phasen des Kinosterbens gab es viele“, so Moritz Stürtz. Sein Vater berichtet von der Krise der 70er Jahre, da wurde gerade das Fernsehen immer populärer. Dann folgten Video, DVD und illegale Downloads, jedes Mal begleitet von Kinos, die das Geschäft aufgaben. Wer den Zeitpunkt für Innovationen verpasst, der ist raus. Mal ist es neue Technik, die gefragt ist, mal sind es großzügigere Sitzmöbel mit mehr Beinfreiheit, dann wieder exklusivere Angebote, wie sie im Capitol zu finden sind, das mit Bar und Retrolook lockt und für Veranstaltungen gemietet werden kann. Um sich Anregungen zu holen, fahren Stürtzens auch nach Berlin, um sich in anderen Häusern umzuschauen. „Vom Ticketpreis kann heute kein Kino leben“, gibt Moritz Stürtz zu bedenken. Das Geld verdiene man mit der Popcorntheke und den Getränken. Das Programm, das die Familie in ihren Häusern anbietet, ist zudem vielfältiger als auf den ersten Blick erkennbar. Man arbeitet auch mit anderen Anbietern wie der VHS zusammen und zeigt kleine Reihen, außerdem gibt es Filme mit deutschen Untertiteln in türkischer und russischer Sprache, die sehr gut angenommen werden. „Wir haben nicht den Anspruch, Menschen zu erziehen. Wir sind froh, wenn die Familien aus den Häusern kommen und etwas gemeinsam unternehmen. Manchmal können die Kindern kaum noch ihre Muttersprache, aber die Großeltern nur Türkisch, dann sehen sie sich gemeinsam den Film an, das ist doch schön“, so Moritz Stürtz.
Ein Überraschungserfolg war „One Piece – Gold“, ein Anime-Film. Man hatte sich entschieden, ihn auf Japanisch zu zeigen, und rechnete mit einem Flop. Dann standen 300 Menschen vor der Tür und es wurde ein zweiter Saal hinzugenommen. „Zum Glück haben wir hier Mitarbeiter, die sich extrem gut mit Filmen auskennen und immer wieder innovative Vorschläge machen“, so Moritz Stürtz. Um auch selber mitreden zu können, war ihm wichtig, einen Blick auf die andere Seite zu werfen. Er hat eine Ausbildung zum Kaufmann für audiovisuelle Medien und eine Zusatzfortbildung Filmtheaterkaufmann. Als Abschlussarbeit hat er bei einem Kurzfilm Regie geführt.

Wehe dem, der mit dem Popcorn raschelte

Ins Kino geht die junge Stürtz-Generation auch gerne. „Nur viel zu selten“, so Moritz Stürtz. „Zuletzt habe ich ,La La Land‘ im Capitol gesehen. Ein Film von herausragender Qualität!“ Bruder Sebastian kann im eigenen Kino nicht abschalten: „Ich schaue immer nur: Ist alles sauber? Wie benehmen sich die Mitarbeiter? Sind sie freundlich zu den Gästen?“ Und da fällt ihm eine letzte Anekdote ein: „Früher war es ja so, da wurde der Film immer manuell lauter gedreht, zum Beispiel wenn Leute im Publikum lachten. Da mussten die Besucher viel leiser sein. Wenn einer zu viel mit dem Popcorn geraschelt oder geredet hatte, wurde er kurzerhand vom Vorführer vor die Tür gesetzt.“

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