Saftige Tomaten, Zucchini, Sellerie, Rote Bete, Frühlingszwiebeln und Paprika – was Christian Walter (28) für unser Mittagessen im Wok zu einer schmackhaften Gemüsepfanne zusammenmixt, hat er nicht gerade im Supermarkt oder beim Landwirt seines Vertrauens besorgt – nein, wir haben es am Vorabend aus dem Abfallcontainer eines örtlichen Discounters geangelt und damit davor bewahrt, wie rund elf Millionen Tonnen Lebensmittel in Deutschland auf dem Müll zu landen. Christian Walter containert und kämpft dafür, das Containern zu legalisieren.

Auf den Tisch statt in den Container

Wie lange containerst du schon?
Seit inzwischen zehn Jahren. Damals habe ich mit einem Bekannten über die Lebensmittelverschwendung gesprochen und wir haben damit angefangen, Lebensmittel zu retten.

Wird heute mehr weggeworfen als vor zehn Jahren?
Nein, das kann ich nicht sagen. Allerdings containern immer mehr Menschen.

Du betreibst seit vier Jahren die Facebook-Gruppe „Aachen containert“ und hast die Petition „Containern ist kein Verbrechen“ gestartet. Damit lenkst du derzeit großes Interesse auf das Thema, bereits weit über 100.000 Menschen haben die Petition unterschrieben, was ist hier los?
Uns geht es direkt um mehrere Dinge. Einmal um einen ganz konkreten Fall: In Aachen sind derzeit zwei Menschen angeklagt, die containert haben und von der Polizei wegen schweren Diebstahls angeklagt wurden. Dazu muss man wissen: Weggeworfene Ware darf man nicht etwa einfach so mitnehmen. Sie gehört dem Laden und dann dem Müllunternehmen. Wenn man Ware im vermeintlichen Wert von über 50 Euro mitnimmt, begeht man schweren Diebstahl. Ebenso macht man sich strafbar, wenn man zum Beispiel über einen Zaun klettert, um das Gelände zu betreten.
Ganz konkret möchten wir derzeit darauf einwirken, dass die Klage fallen gelassen wird oder die beiden freigesprochen werden. Wir haben uns auch um einen Anwalt gekümmert, der die beiden vertreten soll, und haben Geld gesammelt, um ihn zu bezahlen. Dabei sind über 2.500 Euro zusammengekommen und wir konnten noch Infomaterial drucken.
Wir möchten, dass das Thema breit in der Öffentlichkeit, aber auch in der Politik diskutiert wird. Uns ist wichtig, die Lebensmittelverschwendung immer wieder in den Fokus zu rücken und im Bestfall zu erreichen, dass Containern legal ist.

Wollt ihr durch das Containern erreichen, dass von den Läden weniger weggeworfen wird?
Da mache ich mir recht wenig Hoffnung. Ich denke, in der Marktwirtschaft ist das schwer möglich. Die Läden müssen immer viel frische Ware vorhalten, um keine Kunden zu verlieren. Man muss sich auch vor Augen führen, dass der Anteil, den die Läden wegwerfen, nur etwa 5-10 % der Gesamtmenge ausmacht, die weggeworfen wird. Jeder einzelne Bürger wirft im Jahr geschätzte 82 Kilo Lebensmittel weg. Das sind fast die Hälfte der elf Millionen Tonnen. Manche sprechen von 40 % andere sogar von 60 %. Außerdem wird ein großer Prozentsatz direkt bei der Produktion vernichtet, weil er nicht ins System passt. Da ist auf allen Ebenen ein Umdenken nötig.

Stellst du fest, dass die Menschen umdenken wollen?
Ja, immer mehr Menschen sind unzufrieden mit dem, was sie sehen. Überall auf der Welt. Junge Menschen werden wieder zunehmend politisch aktiv. 70 % der Leute, die bei uns mitmachen und sich für das Thema interessieren, sind junge Studenten.
Auch die Läden machen mit. Früher waren Container abgeschlossen und Türen verriegelt. Heute billigt man unsere Touren. Auch mit Securitys hatten wir bisher Glück, es gab nie wirklich Ärger. Immer mehr Läden gehen auch Kooperationen mit Tafeln und Foodsharing-Initiativen ein.

Hast Du Tipps für Endverbraucher? Wenn doch diese den meisten Müll verursachen.
Da halte ich mich an die gängigen Tipps: mit Einkaufszettel einkaufen gehen. Nicht hungrig einkaufen. Nicht von Lockangeboten verführen lassen ...

Klappt das bei dir? Kaufst du überhaupt in Läden ein?
(lacht) Nein, das klappt bei mir auch nicht immer. Ich kaufe ganz gerne mal im Laden ein, allerdings kaum Gemüse oder Brot.

Wie oft gehst du containern?
So zweimal die Woche. Ich gebe überschüssige Ware dann auch zum Foodsharing. Oder ich koche gerne für viele Menschen.

Was sind die komischsten Dinge, die du bisher gefunden hast?
Zwei Container mit Weihnachtsgestecken Anfang Dezember. Vielleicht wurden sie zu früh geliefert? Viele Kartons Schnapspralinen. Reis und Salz – komisch deshalb, weil es ja nicht schlecht werden kann. Pfannen und Messer, wahrscheinlich von einer Kochshow. Zwei Kisten Fairtrade-Schokolade. 450 gelbe Cherrytomaten – da habe ich dann literweise gelbe Soße gekocht. Eine Packung Lego Star Wars, wo wohl ein Teil fehlte. Und eine Leinwand. Außerdem 40 Sushi-Startersets.

Warum wurden die Sachen weggeworfen, die wir hier verkochen? Sie sehen doch gut aus.
Wenn eine Tomate oder ein Paprika in der Packung matschig ist oder die Zucchini zerbrochen, wollen die Endverbraucher die Packung nicht kaufen und sie landet auf dem Müll. Manchmal sind Packungen auch einfach nur verdreckt.

Hast du Tipps zum Thema abgelaufene Sachen? Was kann man noch essen?
Und was sollen Menschen beachten, die auch mal containern möchten?
Finger weg von abgelaufenem Fisch, Fleisch und Eiern. Eine Lebensmittelvergiftung sollte man nicht riskieren. Manchmal finden wir Sushi. Dort besser nur das vegetarische mitnehmen. Sonst alles sehr gut abwaschen. Vorsicht bei Beerenobst wie Himbeeren: Man kann sie nicht wirklich gut waschen, denn sie zerfallen schnell. Dann besser einkochen.
Beim Containern immer Handschuhe tragen! Man weiß nicht genau, in was man hineingreift! Die Handschuhe immer wechseln. Achtung auch bei großen Mengen von Sachen, die noch nicht abgelaufen sind. Das kann ein Rückruf sein, da sollte man sich im Netz kundig machen.
Wer einmal mitgehen will, kann sich an uns wenden.

Adressen:

www.facebook.com/AachenContainert/
aachencontainert.blogsport.de/
www.change.org/p/staatsanwaltschaft-aachen-containern-ist-kein-verbrechen12

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