Elina Finkel inszeniert Tschechows Abgesang auf die russische Aristokratie als kurzweilige Tragikomödie.

Der 1903 geschriebene „Kirschgarten“ ist das letzte der großen Dramen von Anton Tschechow, deren eminente Bedeutung für die Theatergeschichte mit den Dramen Shakespeares vergleichbar ist.
Wie immer bei Tschechow sind die Protagonisten wie gelähmt vom damals en voguen Ennui – der melancholisch gefärbten Langeweile der Reichen und Schönen.
Beispielhaft zeigt sich das an der Gutsbesitzerin Ranewskaja, die nach fünf Jahren im Exil in die russische Heimat zurückkehrt, nachdem sie in Paris an einer Liebesgeschichte gescheitert ist und in Saus und Braus alles Geld verprasst hat.
Eine klare Rettung vor dem drohenden Ruin weist ihr der Kaufmann und Emporkömmling Lopachin: Sie soll ihren wunderschönen, riesigen Kirschgarten abholzen und das Grundstück parzellenweise an Urlauber verpachten. Ihre sentimentalen Erinnerungen an den Garten ihrer Kindheit sind ihr aber wichtiger als der schnöde Mammon.

Nun ließe sich das hervorragend als schwermütige Tragödie mit salbungsvollen Seufzern und viel russischer Seele erzählen. Tatsächlich wurde aber Tschechow zeitlebens nicht müde, darauf zu bestehen, dass seine Dramen Komödien sind, dass seine handlungsunfähig in selbst ausgehobene Abgründe starrenden Figuren zwar herzzerreißend, aber letztendlich Witzfiguren sind.
Ganz in diesem Sinne lässt Elina Finkel von der ersten Sekunde an mit einem stummfilmreifen Zusammenstoß von Philipp Manuel Rothkopf und Marie Hacke die Korken knallen. Nele Swanton als Tochter des Hauses flutscht wie ein Flummiball über die Bretter, Torsten Borm als Ranewskajas verschwenderischer Bruder ruiniert sich die Zähne für die Kunst, indem er dem Begriff „Dauerlutscher“ eine abendfüllende Bedeutung gibt, während Simon Rußig als ewig wichtigtuender Student Tiefsinniges mit Unsinnigem zu einem intellektuell kurzweiligen Cocktail verrührt.
Ganz Diva ist Katja Zinsmeister als Gutsbesitzerin. Hervorragend ausstaffiert von Doey Lüthi sieht sie an dem Abend  so glänzend aus, wie sie die an Irrsinn grenzende Widersprüchlichkeit ihrer Figur zur Entfaltung bringt. Besonders ihre Darstellung ist exemplarisch für Tschechows Meisterschaft als schonungslos objektiver Beobachter des Menschenzoos, der die Fundstücke seiner Analyse mitfühlend und humorvoll zum Leuchten zu bringen versteht wie kein anderer.

Der Kirschgarten von Anton Tschechow
Theater Aachen – Bühne | Inszenierung: Elina Finkel, Bühne: Norbert Bellen, Kostüme: Doey Lüthi | Termine im Mai: 13., 18., 26., jeweils 19:30 Uhr

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