Am 12. April starb der japanische Regisseur, Videokünstler und Theoretiker Toshio Matsumoto im Alter von 85 Jahren. Ursprünglich ein Dokumentarfilmer, begann er bald, die Gattung mit Avantgarde-Elementen neu zu definieren, was er Neo-Dokumentarismus nannte und durch Erweiterung mit subjektiven Eindrücken ihren manipulativen Charakter zur Schau stellen sollte. Hauptsächlich auf dem Gebiet des experimentellen Kurzfilms aktiv, drehte er auch vier lange Spielfilme.
Der erste davon, „Bara no sôretsu“ (aka Funeral Parade of Roses / Pfahl in meinem Fleisch, 1969), sicherte ihm direkt einen Platz in der internationalen Filmgeschichte: Es dürfte kaum einen anderen Film geben, der so viele wilde Ideen aufgreift und verdichtet, von experimenteller Montage über Selbstreflexion bis zur Durchbrechung der vierten Wand wird der Zuschauer auf einen irren, unvorhersehbaren Trip geschickt. Die Handlung variiert zum Teil den Ödipus-Stoff, jedoch mit Transvestiten als Protagonisten – der liebevolle, ungeschminkte Blick auf geschminkte Männer war im Kino dieser Zeit auch keineswegs selbstverständlich. Man kann sich gar nicht bunt genug ausmalen, wie sehr dieser Film das damalige Publikum überrollt haben muss – das Beste ist aber: Er hat auch knapp 50 Jahre später nichts von seiner Wucht verloren. (Falls jemand an dieser Stelle noch Namedropping braucht: Kubrick bezeichnete diesen Film als seine Hauptinspiration zu „Clockwork Orange“.)
Betrachtet man Matsumotos weniger bekannten anderen Langfilme, fällt auf, dass sich diese stilistisch wie inhaltlich stark voneinander unterscheiden, als hätte es der Regisseur darauf angelegt, keinerlei Autoren-Handschrift zu hinterlassen. „Shura“ (Pandemonium, 1971) beginnt wie ein klassisches Samurai-Kammerspiel, unterwandert mit zunehmender Laufzeit dann aber den Realitätsstatus des Gezeigten, um mit einem halluzinatorischen Finale zu enden. „The War of the 16 Year Olds“ (1973) ist ein ruhiges Coming-of-Age-Drama über die japanische Nachkriegsgeneration mit mystischen Elementen, während sein grandioses Spätwerk „Dogra Magra“ (1988, siehe MOVIE 08/15) ein schwindelerregendes Spiel mit Erzählin-stanzen ist, das den Zuschauern ähnlich wie der Erstling ständig den Teppich unter den Füßen wegzieht.
Gute Reise, Toshio! Einen Querschnitt seiner Kurzfilme kann der geneigte Leser auf der lobenswerten Avantgarde-Ressource www.ubu.com einsehen.

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