Es ist kurz vor Ostern. Gelbe und weiße flauschige Puschelküken, winzige Häschen und Insekten aus Pfeifenputzern, bemalte Holz-eier, alte Osterkarten und zig Sorten Weidenkörbchen nebst hölzernem Ostergras und Osterdekotütchen, Osteranhänger und verschiedenste Kuschelhasen hängen, liegen und stehen überall in dem 50 Quadratmeter großen Ladenlokal. Dabei sind Stücke, die es sicherlich nur noch hier zu kaufen gibt, denn Rolf Held sortiert nichts aus. Zu Karneval, Ostern, zur Kommunion und zu Weihnachten kommt die Saisonware, die noch keinen Abnehmer gefunden hat, aus dem vollgestopften Keller wieder in die Regale. Und das seit 55 Jahren. Dabei ist auch ein kleiner Kunststoffosterwagen, gezogen von einem Kunststoffosterhasen. Dieses Modell aus den 60er Jahren habe ich vor sicher 14 Jahren einmal in einem Anflug von Nostalgie hier gekauft. Nun sehe ich seinen Bruder wieder im Regal. „Das ist aber der Letzte!“, bekräftigt Rolf Held. Sollte er nicht verkauft werden, wandert er mit der anderen Saisonware in den Keller und wartet auf seinen Einsatz im kommenden Jahr.
Das Ladenlokal ist gerammelt voll. Tausende Artikel sind es laut Rolf Held. Nachbestellungen werden immer noch ohne Computer getätigt.
Als Rolf Held den Laden im April 1962 von seinem Großonkel übernahm, handelte es sich noch um einen reinen Fachhandel mit Tabak- und Schreibwaren. Damals war Held mit 18 Jahren noch minderjährig und stand bereits seit seinem 13. Lebensjahr im Berufsleben. Nach dem Krieg hatte er die Schule in der Reumontstraße besucht und war bereits mit 13 Jahren abgegangen, um im Elektro-großhandel zu arbeiten.
Als sich die Gelegenheit bot, den winzigen Laden von Großonkel und Großtante zu übernehmen, zauderte Rolf Held nicht lange. Er lieh sich 17.000 DM von seinem ehemaligen Chef und startete mit Elternbürgschaft in die Selbstständigkeit. Der Laden war damals viel kleiner als heute. Die Eheleute Beiss hatten vormals ihr Geschäft in der Südstraße 5. Als dieses jedoch im Krieg zerstört wurde, zogen sie in die Südstraße 49. Vom kleinen Verkaufsraum war damals noch ein kleines Büro mit wenigen Quadratmetern abgezwackt, im Hinterstübchen wurde genächtigt, dahinter kam noch eine kleine Küche. Rolf Held baute dies alles zu den heutigen Räumlichkeiten um. Als der Großneffe sich dann auch noch entschied, Zeitschriften ins Sortiment aufzunehmen, war der Onkel nicht so angetan. „Du wirst dich noch ruinieren“, soll er gesagt haben. „Wenn er wüsste, was ich heute alles verkaufe, würde er sich im Grabe umdrehen“, so Rolf Held. War der Onkel doch damals stolz, ein reines Fachgeschäft zu führen.

Als in der Südstraße noch die Werkkunstschule ansässig war, verkaufte Held sehr gut an Schreibwaren und Zeichenutensilien. Immer noch führt er Bleistifte in 20 Sorten, jedoch kaufen die Menschen viel weniger Schul- und Zeichenbedarf als früher bei ihm.
Rolf Held hat in den Jahrzehnten den Wandel in der Südstraße mit offenen Augen beobachtet. Ganz genau kann er noch die Geschäfte der florierenden Einkaufsstraße aufzählen: Drei Metzger, zwei Bäcker, eine Apotheke, zwei Drogerien, ein Milchladen, ein großes Lebensmittelgeschäft, Kurzwaren und zwei Blumenläden, ein großes Textilwarenhaus, Friseur und zwei Elektroläden, Bilderrahmenladen und eine Reinigung zählte die Straße, die auf der Zufahrtsschneise von der Innenstadt zum alten Klinikum in der Goethestraße lag. Die Menschen legten auf ihrer Tour mit der Straßenbahn immer gerne einen Zwischenstopp in der Südstraße ein, um sich mit Waren einzudecken oder aber Geschenke für den Besuch im Krankenhaus zu besorgen.
Zuerst war es die Straßenbahn, die 1974 den Betrieb einstellte. „Man wollte damit mit der Zeit gehen“, bedauert Rolf Held das Einstellen des Betriebes noch heute – dann schloss 1984 auch das Krankenhaus seine Pforten und es folgte der Umzug nach Melaten. Die absolute Blütezeit des Einzelhandels in der Südstraße war damit beendet und immer mehr Läden schlossen ihre Pforten.

Geblieben sind viele Stammkunden von Held. Teils kennt er sie, seit er den Laden übernommen hat. Die Bildzeitung, Zigaretten, Brötchen? Kaffee süß und blond oder ein Tütchen mit sauren Zuckerstangen – Rolf Held weiß, wer was bekommt, und die Kunden schätzen das. Viele haben hier schon als Kind ihre Süßigkeiten gekauft und kommen heute noch. Der besondere Charme des Ladens lässt sich noch an einer ganz besonderen Begebenheit ablesen. Eine ältere Dame aus der Nachbarschaft langweilte sich nach dem Tode ihres Mannes und nachdem sie in Rente gegangen war. Vielen dürfte Frau Vöge noch in Erinnerung sein: Die frühere Verkäuferin und eine Bekannte von Helds Mutter tauchte in seinem Kiosk auf, um ehrenamtlich nebenbei auszuhelfen. Es sollten 25 Jahre werden, an denen Frau Vöge täglich auf der Matte stand. „Und zwar noch bevor ich da war!“, erinnert sich Rolf Held. An jedem Werktag half sie im Laden aus, bis sie mit 93 Jahren plötzlich verstarb. „Ich konnte noch viel von ihr lernen“, resümiert Rolf Held heute.

Ob eines seiner Kinder den Laden übernehmen wird, weiß Rolf Held noch nicht so genau. Derzeit denkt er aber noch nicht ans Aufhören, und so wird man sich auch weitere Jahre noch an seinen Schätzen bedienen können.

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