Armin Linke im Ludwig Forum

Armin Linkes Weltarchiv überwältigt als grenzüberschreitendes Gesamtkunstwerk aus Bild, Ton, skulpturalen Stellflächen und Konzepten im Ludwig Forum.

Beim Betreten des bestechend choreografierten Ausstellungsparcours stellen sich als Erstes Pathos und Beklemmung ein. So groß, so tot ist also die Globalisierung! Wo sind denn die Menschen? Kommen die in dieser Megamaschine überhaupt noch vor?

Die großformatigen Abzüge von Linkes Expeditionen zu den Schaltstellen von Big Data sind mit größtmöglicher Kühle und Objektivität abgebildet. Das heißt aber keineswegs, dass ihre ästhetische Wucht dadurch geschmälert würde. Man atmet förmlich auf, dass jemand die Fotografie ihres pittoresken Ästhetizismus entledigt hat, von ihrer servilen Gefallsucht und dem eitlen Geschraube an diesem oder jenem Effekt, Lichtreflex oder zusätzlichen „Hingucker“ befreit. Selbstverständlich sind die Ausschnitte sorgfältig inszeniert. Aber diese Manipulationen geschehen wie absichtslos, was sie wie Fundstücke aus der Natur wirken lässt, die ohne menschliches Zutun quasi wie von selbst an Land gespült worden sind.
Den Fundstückcharakter der Exponate verstärken die eigens gefertigten Stative, die weniger wie museale Displaysysteme wirken, sondern auch hier, rein sachlich konzipiert und gestaltet, Werkstattcharakter signalisieren.

Der Knüller der Ausstellung ist aber das durch sämtliche Räume gespannte Netzwerk von Lautsprecherboxen, das mit kakophonem Gemurmel ein mentales World Wide Web um die Bilder herum erzeugt.
Das anfänglich schwer identifizierbare Raunen, Räuspern und Wispern entpuppt sich schnell als theoretischer Diskurs zu den gezeigten Arbeiten.
Dies ist kein später den Fotos hinzugefügter „Effekt“, sondern gehörte von Anfang an zur Gesamtkonzeption. Die Stimmen, die man vernimmt, gehören alle zum Kreis ausgewählter Wissenschaftler/-innen und Theoretiker/-innen, die dazu eingeladen waren, aus dem gewaltigen Konvolut von Linkes Fotoarchiv zur Globalisierung – inzwischen mehr als 50.000 Aufnahmen – Exponate für die Ausstellung auszuwählen und sich mit diesen theoretisch auseinanderzusetzen.

Es ist höchst lohnenswert, sich die Zeit zu nehmen, den akustischen Dialogen über Smart Technology, Big Data und Industrie 4.0 zu lauschen, denen man wider Erwarten, wenn man will, auch heitere Aspekte abgewinnen kann. So bietet das intensiv oberösterreichisch eingefärbte Englisch von einem der brillantesten Geister des Parcours, Peter Weibel, eine köstliche Hörerfahrung:
„Se most piepl sink sat storradsch […] miens matsch more sänn …“ („So denken die meisten Leute, dass Speicherung viel mehr bedeutet als …“)
Übrigens haben die guten Beziehungen des neuen Forum-Direktors, Andreas Beitin, zu Peter Weibel, seinem ehemaligen Chef im Karlsruher ZKM, diese überaus sehenswerte Ausstellung erst möglich gemacht.
Ludwig Forum, bis 18.06.

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