Auf den Spuren von „Toni Erdmann“ in Aachen

„Toni Erdmann“, der Überraschungserfolg von Maren Ade, erhielt 2017 eine Oscarnominierung für den besten nicht-englischsprachigen Film und wurde im März sechsmal für den Deutschen Filmpreis nominiert. Gedreht wurde er 2014 unter anderem an verschiedenen Orten in Aachen. Wir durften den Spuren zu einer Location folgen.

Wenn der Location-Scout dreimal klingelt

An einem heißen Sommertag 2013 klingelte es an der Tür von Susanne Kleins* verwunschenem Haus. Heute sagt sie: „Ich war unvoreingenommen, denn ich ließ den jungen Mann mit seiner Kamera einfach herein und in den Garten, um ein paar Fotos zu machen.“ Der junge Mann arbeitete als Location-Scout für Komplizenfilm, die Produktionsfirma von Maren Ade, und war auf der Suche nach geeigneten Drehorten für den Film „Toni Erdmann“. Warum Aachen?
Susanne Klein weiß nur so viel: „Der Film musste teils in NRW gedreht werden, denn er bekam Geld von der  Film- und Medienstiftung NRW.“ Überhaupt machte sie sich zu dem Zeitpunkt keinerlei Gedanken und wollte nur gerne ein paar junge Leute bei ihrer Arbeit unterstützen. Die Bilder gefielen und bald rückte Maren Ade mit mehreren Mitarbeitern und Kameramann an, um erste Innenaufnahmen aufzunehmen.

Die Absage und die Zusage

Dann folgte die Absage. Das Haus habe zu viele Fenster und dadurch seien auf den Aufnahmen zu viele Spiegelungen zu sehen. Vier Wochen später der Anruf: Maren Ade wolle das Haus doch unbedingt als Spielort und habe ein paar Szenen so umgeschrieben, dass es mit der Tageszeit und dem Licht passe und keine Spiegelungen zu erwarten seien.
Zu dem Zeitpunkt hatte sich Susanne Klein immer noch keine weiteren Gedanken gemacht. „Das Drehbuch las ich erst, nachdem ich dem Dreh schon zugestimmt hatte. Als ich die Masturbationsszene las, war das das einzige Mal, dass ich Zweifel bekam“, gibt sie zu. „Aber die spielte ja zum Glück in Bukarest und nicht bei uns im Haus“, lacht sie heute über ihre Bedenken. „Außerdem gibt sie auch einen guten Blick auf unsere Gesellschaft preis.“
Bukarest war in drei Monaten bereits abgedreht, als die ganze Crew nach Aachen kam.

Sieben Tage Dreh, sieben Minuten Film

Heute hat Susanne Klein einen anderen Blick auf Filme, gibt sie zu. Und das liegt an dem immensen Aufwand, den die Dreharbeiten bedeuten. Eine komplette Woche war die 50-köpfige Crew nur mit den Dreharbeiten in dem Haus der Kleins beschäftigt.
Allein vier ganze Tage wurden für den Umbau des Erdgeschosses benötigt. Bevor es losgehen konnte, wurde jedes Detail haarklein abfotografiert, um die Wohnung nach dem Dreh wieder in den Originalzustand versetzen zu können. Und dann ging es los: neue Lampen aufhängen, das Sofa, Stühle und Sessel beziehen, den Flügel in den Wintergarten transportieren und überall Scheinwerfer installieren. In der Woche waren die Parkplätze der ganzen Straße gesperrt, auf einer Wiese in der Nähe standen Kostümwagen und das Catering für das komplette Team und nachts kam sogar Security ins Haus, um das Equipment zu bewachen.
Susanne Klein: „Zu dem Zeitpunkt hatte ich ja das Drehbuch gelesen und sah zum ersten Mal die Namen der Schauspieler. Ich habe dann alle gegoogelt und war sehr überrascht, was für Persönlichkeiten bei uns waren. Peter Simonischek hat sich einen Stuhl in unsere Minigarderobe gestellt und saß dort in den langen Wartepausen und las unsere Kochbücher!“ Immer wieder kommt Susanne Klein auf den Aufwand zu sprechen. So wurden die einzelnen Szenen zehn bis fünfzehn Mal abgedreht. Das ganze Drumherum habe sie weniger als glamourös empfunden, sondern als harte Arbeit. Beim Catering, wo sie mit den Darstellern und der Crew am Tisch saß, habe sie sehr nett mit allen geplaudert und erkannt, um was für ein hartes Geschäft es sich handele: „Das sind ja keine Festangestellten. Sie sind für diesen Dreh gebucht und müssen dann auch so lange von zu Hause fort sein. Und sie hatten ja teils kleine Kinder zu Hause“, erzählt sie.
Im Film dauert die fertige Szene sieben Minuten. Es handelt sich um die Geburtstagsszene von Minute neun bis 15, in der Toni Erdmann (Peter Simonischek) geschminkt bei seiner Exfrau auftaucht und auf seine – dauertelefonierende – Tochter Ines (Sandra Hüller) trifft. Die Details wie Bilder, Bücherregal, Servierwagen und Küchenequipment entstammen dabei dem Kleinʼschen Haushalt. In der Szenenschlusssequenz sitzt Sandra Hüller telefonierend vor der Haustür.

Um Geld ging es dem Ehepaar Klein bei der Sache nicht: „Wir haben eine Entschädigung bekommen und unser Flügel wurde im Anschluss gestimmt. Ansonsten haben wir alles haargenau so zurückerhalten, wie es vorher war.“ Nur in der Küche erinnert eine kleine runde Stelle an eine Stange, an der Scheinwerfer befestigt waren. „Dort ist der Putz kaputt gegangen, aber das wollte ich extra als Erinnerung so lassen“, lacht Susanne Klein. Und auf dem Tisch lag ein Kochbuch, das Peter Simonischek besonders gerne durchgeblättert hat, mit seiner und Sandra Hüllers Widmung.
Dass der Film so große Erfolge feiern würde, habe sie damals nicht geahnt: „Unsere Küche ist jetzt in 60 Ländern zu sehen“, so Susanne Klein. Und das war, als sie es das letzte Mal im Radio hörte. Laut Komplizenfilm wurde der Film inzwischen in 100 Länder weltweit verkauft.

* Name von der Redaktion geändert

Auch in unserer Mai-Ausgabe: Interview mit Sandra Hüller

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