Gewalt, Vergänglichkeit, Versagen. Männliche Rituale und Stereotype in den videografischen Arbeiten von Erik Levine

Während ich mir „Someone hears a shot.“ ansehe, der sich mit der Jagdleidenschaft von Erik Levines Vaters und dessen Ermordung im Jahr 1997 beschäftigt, erinnere ich mich an Rebecca Francis. Sie erlangte 2015 traurige Berühmtheit, als jemand ein Bild auf Twitter postete, auf dem sie neben einer von ihr erlegten Giraffe posiert. Francis wurde für kurze Zeit zur meistgehassten Frau in den sozialen Medien. Narzissmus ist keine männliche Domäne. Betrachtet Levine das Thema einseitig oder ist die Lesart, das Phänomen auf ein männliches zu reduzieren, die falsche? Auch später, als ich über die Absenz von Frauen in seinen Arbeiten lese, erschließt sich mir nicht, warum er sich vorrangig mit ritualisierter männlicher Gewalt beschäftigt, obschon die Autorin Leila Farsakh auf eine permanente Präsenz von Frauen im Off hinweist. Offenbar kommt man mit derlei Fragestellung nach dem gesellschaftlichen Kontext nicht weiter. Möglicherweise interessiert dieser Erik Levine aber auch nicht in dem Maße, wie man vermuten möchte.
Es könnten durchaus eher Zufall oder Gelegenheit sein, die ihm seine Sujets zuspielen und auf die er, bedingt durch die eigene Biografie, reagiert. Ein persönliches Gespräch und das aufschlussreiche Interview, das Hugh Davis eigens für den Katalog zur Ausstellung mit ihm führte, stützen diese These. Bevor er mit der Arbeit an „cocker“ begann, hatte er kaum eine Vorstellung davon, was ihn in den Hahnenkampf-Arenen Puerto Ricos erwarten würde, wo Männer ihre Hähne wie Söhne betrachten, um sie dann im letalen Kampf zu opfern. Während der Dreharbeiten zu „Kill Switch“ (in Arbeit) wurde er Teil der (männlichen) Gemeinschaft eines SWAT-Teams. Etwas Ähnliches wie diese Kameradschaft habe er zuvor nie erlebt, sagt er.
Um Dringlichkeit – um Leben und Tod – im universellen Sinne geht es ihm. Und um eine Unvoreingenommenheit, die manchmal schwer zu ertragen ist. Es sind die Einstellungen, die sich dem Expliziten verweigern, in denen sich Levine über den Voyeurismus und den dokumentarischen und moralischen Anspruch erhebt. In seinen unauffälligen Momenten ist das Werk extrem eindrücklich. Beispielsweise, wenn in „cold storage“ weiße Kittel und Gummistiefel in einem Schlachthaus einen bizarren Tanz aufführen, während wir wissen, was sich abseits des Bildausschnitts ereignet.
„As a Matter of Fact“ ist noch bis zum 24.09.2017 im Ludwig Forum Aachen zu sehen.

zurück Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie
weiter Köln ist nicht Paris, Mailand oder auch Berlin