Die Geschichte von NeutralMoresnet, neu erzählt von David Van Reybrouck

Von Neutral-Moresnet hat man als Aachener schon gehört oder gelesen. Für 103 Jahre (von 1816 bis 1919) existierte der 3,44 Quadratkilometer große Zwergstaat südwestlich von hier zwischen dem damaligen Preußen und den Niederlanden bzw. zwischen Preußen, den Niederlanden und Belgien, das 1830 seine Unabhängigkeit erlangte. Dort, wo auch heute drei Staatsgrenzen aufeinandertreffen – am Dreiländereck –, kam es 1815 im Zuge der Neuordnung der europäischen Grenzen durch den Wiener Kongress (siehe auch → Daytripper Waterloo) zu der wohl kuriosesten Staatsgründung Europas. Die Zinkerzvorkommen der damaligen Grube Altenberg (nahe Kelmis) weckten Begehrlichkeiten, denn der Rohstoff für das neuartige Metall, dessen Vorzüge gerade erst entdeckt worden waren, versprach ein lukratives Geschäft. Da sich jedoch zwischen Preußen und der niederländischen Krone – auch nach mehr als 50 Sitzungen – partout keine Einigung über den neuen Grenzverlauf erzielen ließ, blieb das umstrittene Gebiet bis auf weiteres neutral. Damit war Neutral-Moresnet geboren, und was lediglich als Provisorium gedacht war, überdauerte mehr als ein Jahrhundert. Der flämische Historiker und Journalist David Van Reybrouck hat die Geschichte des Ortes noch einmal neu erzählt. Historisch fundiert zwar, aber mit Mitteln der Belletristik und auf sehr poetische Weise. Sein Essay ist nun in Buchform in deutscher Übersetzung erschienen. Im Mittelpunkt der Recherche steht Emil Rixen, der 1903 als uneheliches Kind eines Dienstmädchens und eines Düsseldorfer Unternehmers in Neutral-Moresnet zur Welt kam. Van Reybrouck stützt sich auf Interviews, die er mit Nachfahren von Emil Rixen führte. Die reale Geschichte des Mannes, der im Laufe seines Lebens fünfmal die Staatsbürgerschaft wechselte, ohne jemals eine Grenze überschritten zu haben, bildet den Hintergrund der historischen Ereignisse. Nach der Lektüre von „Zink“ kann man sich lebhaft vorstellen, wie die Bewohner jenes Staatsgebildes, von dem heute nurmehr 60 verwitterte Grenzsteine im Preuswald zu sehen sind, durch die Geschicke europäischer Machtpolitik „immer wieder eingeschmolzen und verformt“ wurden, wie Van Reybrouck es formuliert.

Lesenswert ist „Zink“, wenn man sich für die regionale Geschichte, aber auch den größeren, europapolitischen Zusammenhang interessiert, und darüber hinaus ist es ein äußerst unterhaltsam und kenntnisreich geschriebenes Buch.
Wer selbst auf Spurensuche nach dem versunkenen Staat gehen möchte, sollte damit im Göhltalmuseum in Kelmis beginnen. Dort sind etliche Artefakte aus der Zeit von Neutral-Moresnet zu sehen. Das Museum soll demnächst erweitert werden und umziehen, noch befindet es sich aber mitten in Kelmis (Maxstraße 9-11).
David Van Reybrouck: Zink
Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, ISBN: 978-3-518-07290-5, Taschenbuch, 86 Seiten, 10,00 Euro

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