Nic, der die erfolgreiche Facebook-Seite „Die verlassenen Orte“ betreibt, war dort und bringt damit noch einmal die verheerenden Auswirkungen von Atomkatastrophen ins Gedächtnis.

Nic (25) aus der Nähe von Düsseldorf ist in seiner Freizeit Fotograf, ein Urban Explorer. Er erkundet verlassene Orte, die man sonst im Alltag nicht zu Gesicht bekäme, wie alte Bahnhöfe, ehemalige Fabrikhallen, verwahrloste Krankenhäuser oder abgelegene Bunker. Das begeistert auch seine rund 138.000 Follower auf seiner Facebook-Seite „Die verlassenen Orte“. Anfang April hat er sie auf seine Reise in die Sperrzone Tschernobyl mitgenommen, an einen Ort, der seit der Nuklearkatastrophe am 26. April 1986 in Block 4 des dortigen Atomkraftwerks unbewohnbar ist und noch viele Jahrhunderte unbewohnbar bleiben wird.

Über den Dächern einer Geisterstadt: ein Blick in die Leere

Es ist früh, sehr früh sogar. Nic ist unterwegs an einen Ort, der geprägt ist von einer ganz eigenen Art der Verlassenheit – die Geisterstadt Prypjat. Sie wurde 1970 im Zusammenhang mit dem Bau des Kernkraftwerks Tschernobyl gegründet. Festgehalten hat er seine Eindrücke einerseits auf den über 1.700 entstandenen Fotos, aber auch in mehreren Videos. Vom Auto aus filmt Nic das ehemalige Kernkraftwerk in der Ferne. Im Halbdunkeln beschwört der Anblick eine fast schon postapokalyptische Stimmung herauf. Es ist sein zweiter Tag in der Sperrzone.
Schnitt. Man sieht Nic auf dem Dach eines Hochhauses mitten in Prypjat. Beim Blick in die Weite stellt sich kein Freiheitsgefühl ein. Die Vogelperspektive auf die Stadt mit ehemals 50.000 Einwohnern ist beklemmend durch die merkwürdige Stille, die herrscht. Während Nic später durch die einsamen Straßen der Stadt läuft, erfasst er das seltsame Gefühl mit der Aussage: „Man könnte fast meinen, alle Bewohner würden noch schlafen.“
Die Erkundungstour geht weiter. Diesmal kommt er in die ehemalige Mittelschule. Der Anblick von zahllosen Gasmasken in Kindergröße auf dem Boden eines Klassenraums habe ihn besonders bewegt, reflektiert er im Nachhinein. „Aber auch die Kindergärten in Kopachi, wo überall das Kinderspielzeug herumlag und die Bettgestelle noch rumstanden, waren Motive, die mich nachdenklich gestimmt haben.“ Auch das bekannte Riesenrad in Prypjat hat Nic fotografiert. Das Motiv ist ikonisch für die Geisterstadt. Am ersten Mai 1986 sollte der Rummelplatz eingeweiht werden, doch dazu kam es nie. Die gewonnenen Eindrücke im verlassenen Gebiet sind vielzählig und brauchen Zeit, um verarbeitet zu werden. „Im Hotel habe ich die Bilder nur noch gesichert und bin dann müde ins Bett gefallen. Erst zu Hause bei der erneuten Beschäftigung mit den Bildern habe ich das ganze nochmal Revue passieren lassen“, erzählt er.

Mit der Sperrzone Tschernobyl hatte Nic die Möglichkeit, nicht bloß einen verlassenen Ort, sondern ein ganzes verlassenes Gebiet zu fotografieren. Die schiere Größe führte dazu, dass er das Gelände recht zügig durchwandern musste.
„Auf der eine Seite hätte ich mich gerne länger an den einzelnen Stellen aufgehalten, um das Ganze nicht nur durch die Kamera zu sehen und die Eindrücke etwas sacken zu lassen. Aber das war im Rahmen der Zeit gar nicht möglich, in drei Tagen bin ich über 70 Kilometer zu Fuß gelaufen. Trotzdem habe ich nicht alles geschafft, was ich sehen wollte.“ Es war auch ein nicht ganz risikofreier Besuch. Einen Schutzanzug musste er zwar nicht tragen, aber ein Gerät zur Messung der Strahlung war sein ständiger Begleiter. Nic hatte allerdings erwartet, dass die Strahlungswerte noch höher wären. Für die kurze Zeit, die er sich dort aufgehalten hat, war die Strahlung nicht bedenklich. Natürlich gibt es einige Hotspots, an denen die Strahlung sehr hoch ist, so zum Beispiel in Waldgebieten, da Bäume die Strahlung gut speichern.

Die Realität durch Nics Kamera: die Ästhetik des Verfalls

Die Resonanz seiner Follower ist durchweg positiv. Viele sind froh, dass Nic ihnen die bewegenden Einblicke in die ehemals belebten Gebäude und Straßen der Sperrzone bietet. Grundsätzlich, so Nic, fotografiere er nicht wahllos irgendwelche Details bei seinen Erkundungen, sondern fange immer da an zu fotografieren, wo er den Raum betrete. So ist es, als ob die Betrachter, die seine Bilder sehen, einen virtuellen Rundgang mit ihm erleben. Sein Anliegen sei es, den Betrachtern das Gefühl zu vermitteln, selbst da gewesen zu sein.

Die Fotografie bietet verschiedene Möglichkeiten, um Realität zu inszenieren. Bei einem Ort wie Tschernobyl stellt sich die Frage, wo die Grenzen der ästhetischen Bearbeitung liegen. Man fragt sich: Darf man das überhaupt? Sollte man einen Katastrophenort als fotografisches Motiv ästhetisch in Szene setzen?
Aus diesem Grund war es Nic wichtig, die Bilder nicht zu überzogen, sondern realitätsnah darzustellen, und daher hat er auch zusätzlich die Videos gefilmt. Gleichzeitig ist es ihm wichtig, seinen eigenen Stil und Wiedererkennungswert zu haben. Die Motive in Tschernobyl waren allerdings anders als die verlassenen Orte, die er sonst fotografiert. Aber auch hier hat er versucht, mit der Stimmung, die die Bilder seiner Ansicht nach ausdrücken sollen, zu arbeiten: „Es hätte nicht gepasst, wenn ich die Bilder in einem warmen Licht stehen lassen hätte. Ich habe versucht, jedes Bild der Ernsthaftigkeit der Situation angemessen darzustellen. Die Farben etwas entsättigt, damit es einfach diese Stimmung bekommt.“ Ohne Bearbeitung zeigt er seine Bilder nicht, auch wenn viele neugierig auf die Originalaufnahmen sind. „Ich will den Look meiner Bilder schon wahren. Für mich gehört das dazu, nur das fertige Foto zu zeigen. Natürlich sehen die Bilder anders aus als in der reinen Abbildung der Kamera. Aber das mache ich seit vielen Jahren so, das wird auch immer so bleiben.“

 

Die Faszination am Verfall und der Reiz des Unerwarteten

Woher kommt Nics Interesse an der Erkundung und Fotografie von Orten, die von der Gesellschaft, ehemaligen Bewohnern und Eigentümern zurückgelassen – im Fall von Tschernobyl natürlich unfreiwillig – und dem Verfall ausgesetzt worden sind? Seit mittlerweile acht Jahren betreibt er das Hobby, welches auch sein Hauptberuf sein könnte angesichts der Zeit, die er investiert. Zum Beruf will er es nicht machen, da er nicht unter kommerziellem Druck geraten will. Ihm gefällt vor allem das Überraschungsmoment: „Was mich am Erkunden der Sachen sehr reizt, ist, dass ich nie wirklich weiß, was mich erwartet. Ich weiß nicht, wie groß der Bunker ist, was hinter der nächsten Ecke in der großen Industrieanlage noch kommt, was sich hinter der nächsten Tür in einem Haus befindet.“ Aber auch die ästhetische, fotografische Seite fesselt ihn sehr: „Wenn die Sachen so runtergekommen sind, wenn der Putz von der Decke bröselt, Sonnenlicht dazu, das sieht einfach schön aus.“ Für Bunker hat er ein besonderes Faible, aber auch Krankenhäuser findet er spannend. „Alte Pathologien mit ein bisschen Nervenkitzel machen auch Spaß“, verrät er. Verrückt machen darf man sich aber nicht, etwas, was Nic schnell gelernt hat. „Da, wo der Kopf was sehen will, sieht er auch was“, meint er. „Wenn ich in einem leeren Krankenhauskeller in der Abenddämmerung fotografiere und dann denke: Oh, war da gerade was, folgt mir jemand?, dann ist es vorbei.“

Angefangen hat die Faszination für die Fotografie solcher Locations, als er als Sechszehnjähriger mit Freunden ein „Gruselhaus“ in der Nähe von Köln besucht hat. Schnell entdeckte er, dass es noch mehr solcher verlassener Gebäude gibt. Auch solche, die wenig heruntergekommen sind, in denen die Einrichtung noch zum Großteil wie vor 20 Jahren vorhanden ist und in denen man förmlich spürt, wie sich der Alltag in den vier Wänden abgespielt haben muss. Zum Beispiel in vielen ehemaligen Wohnhäusern in Belgien. Unter anderem durch Internetforen und den Austausch mit anderen Urban Explorers hat er zu Beginn schnell die verschiedensten verlassenen Orte gefunden.

Der Urban Explorer als unauffälliger Gast: nichts verändern, keine Ortsangaben

Für Nic hieß es zu Beginn erstmal Learning by Doing. Der gelernte Automobilkaufmann, der jetzt aber hauptberuflich in den Rettungsdienst gehen möchte, hat sich die Theorie und Praxis der Fotografie weitgehend selbst beigebracht. „Freunde haben mir dann irgendwann geraten, doch eine Facebook-Seite zu erstellen. Die Resonanz war gut und seitdem geht es kontinuierlich bergauf.“ Mittlerweile ist er mit Kamera- und sonstigem Equipment professionell ausgestattet und hat ein geschultes Auge beim Entdecken möglicher Objekte. Das Finden sei ein Zusammenspiel aus vielen Faktoren und insgesamt recht aufwändig. „Das ergibt sich einerseits durch das Ansehen von Luftaufnahmen oder durch Zeitungsartikel, aber auch im Austausch mit anderen Fotografen oder indem man Bilder von anderen aufmerksam durchsieht, um Hinweise zu entdecken. Aber auch, unterwegs einfach die Augen offen zu halten, ist wichtig, man entwickelt einen Blick dafür.“ Meistens stellt er sich eine Route mit allen Sachen, die geplant sind, zusammen und unternimmt dann eine Tagestour, um die Orte effizient abzuklappern. Das Herausgeben der Adresse nach außen ist in der Urban-Explorer-Szene ein No-Go, das gehört zum Ehrenkodex. Genauso soll nichts an den Orten verändert werden. „Fakt ist, wenn eine Adresse bekannt ist, dann dauert es nur wenige Wochen, bis der Ort vandaliert, besprayt, geplündert wurde. Neue Leute, die auf den Zug aufspringen, halten sich oft nicht an den Ehrenkodex“, erzählt Nic.

Viele Urban Explorer gehen aus Sicherheitsgründen immer zusammen auf Erkundung. Für Nic wäre das nichts, er geht am liebsten alleine. Baufälligkeit ist bei leer stehenden Gebäuden immer wieder ein Thema. Damit die Erkundungstour nicht zur Unfalltour wird, sind etwas Erfahrung und das Bauchgefühl zu beachten wichtig. Auch die richtige Ausrüstung – so wie Schuhwerk mit fester Sohle und Stahlkappe – sollte nicht fehlen. Bisher ist bei ihm immer alles glatt gelaufen: „Klar kann es auch mal brenzlig werden, wenn der Boden etwas poröser ist oder man klettern muss. Generell gilt aber: nichts überstürzen und ein bisschen Menschenverstand einschalten“, erklärt er und lacht.

Tourismus auf verstrahltem Terrain

An den Orten entflieht er gerne dem Alltag. „Das ist eine ganz eigene Stille, die dort herrscht. Das ist sicherlich nicht was für jedermann“, gibt Nic zu bedenken. In Tschernobyl hatte er zwar einen Guide, der sich um die Genehmigung und Organisatorisches gekümmert hat, ist jedoch auch meistens alleine unterwegs gewesen. Dennoch ist Tschernobyl nicht wie die anderen verlassenen Orte. Es ist kein unbekannter, versteckter Ort, sondern eine Gegend, die durch eine Katastrophe radioaktiv verseucht wurde, der Super-GAU erschütterte die Welt. Irgendwie paradox und befremdlich ist es daher, dass seit einigen Jahren Scharen von Touristen das im Umkreis von 30 Kilometern gesperrte Areal besuchen. Reiseveranstalter bieten Touren durch das Gebiet an. Die Katastrophe wird konsumierbar gemacht. In der Sozialforschung wird diese Art von Tourismus Katastrophentourismus oder auch Dark Tourism genannt. Doch was treibt Menschen dazu, sich an Orte des Grauens zu begeben, statt einen Strandurlaub zu buchen?
Nic wollte schon seit einigen Jahren Tschernobyl besuchen. Die gewisse Ausstrahlung und auch das Bedrohliche hatten seine Neugier geweckt. Doch der Tourismus war lange Zeit ein Faktor, der ihn abgehalten hat: „Durch andere Bekannte und durch Bilder, die ich gesehen habe, war mir bewusst, dass da schon was los ist. Das kann ich auch bestätigen. Allerdings nicht so viele aus unserer Region, sondern viele, die aus der Ukraine oder Slowakei, also den umliegenden Ländern, kamen und dann für einen Tag da waren.“ Ein bisschen erschrocken hat es ihn aber doch, wie viel letztendlich los war: „Es war schon viel Tourismus, man muss sich natürlich fragen, ob das so angemessen ist an diesem Ort.“ Die Frage nach der Motivation der Besucher ist sicherlich eine interessante und bringt auch eine moralische Komponente mit ein. „Einige Besucher haben sich dort hingesetzt und angefangen, was zu essen.“ Das sollte man in der verstrahlten Umgebung auf keinen Fall tun. Das Beispiel zeigt: Man sollte sich mit dem Ort, an dem man ist, schon beschäftigen und vor allem dem Ganzen mit genügend Respekt gegenübertreten, findet Nic.

Tschernobyl als Mahnmal, Tihange als schwebende Bedrohung

Wissenschaftliche Untersuchungen haben allerdings zur Aufstellung der These geführt, dass Besuche von Katastrophenstätten einen positiven Effekt auf das moralische Empfinden der Besucher haben. Am Beispiel Tschernobyl könnte eine Sensibilisierung gegenüber den Gefahren von Atomkraft stattfinden. Nics Besuch und seine Bilder haben in unserer Region natürlich einen aktuellen gesellschaftlichen und politischen Bezug: Das Kernkraftwerk Tihange und sein Gefahrenpotential sind nur 60 Kilometer Luftlinie von Aachen entfernt. Nic ist zwar kein grundsätzlicher Atomkraftgegner, doch in Bezug auf Tihange ist er sich sicher: „Wenn etwas in umliegenden Werken passiert, wird das weitaus schlimmer als in Tschernobyl, da das in einem ziemlichen Ödland liegt, drum herum ist nicht viel. In einem dicht besiedelten Ballungsgebiet wie hier sieht es wirklich übel aus.“

Die genaue Zahl der Tschernobyl-Opfer bleibt im Dunkeln. Umstritten ist auch, wie viele Menschen durch gesundheitliche Spätfolgen erkrankt sind und noch erkranken könnten. Einigkeit herrscht bisher darüber, dass mehrere Dutzend der Aufräumarbeiter, Liquidatoren genannt, direkt an der Strahlenkrankheit gestorben sind. Auch ein Zusammenhang zwischen Tschernobyl und dem Anstieg von Schilddrüsenkrebs ist unstrittig, besonders bei Menschen, die im Kindes- oder Jugendalter der Tschernobyl-Strahlung ausgesetzt waren.

Mit seinen Fotografien in der Sperrzone Tschernobyl hat Nic nicht nur die bizarre Trostlosigkeit eines atomar verseuchten Ortes, den vor über 30 Jahren über 300.000 Menschen Hals über Kopf verlassen mussten, um umgesiedelt zu werden, eingefangen, sondern trägt auch dazu bei, dass Tschernobyl als Mahnmal der verheerenden Auswirkungen eines atomaren Unfalls präsent in den Köpfen aller Leute bleibt.

www.die-verlassenen-orte.de
www.facebook.com/dieverlassenenorte

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