Liebe Leser,
es gibt derzeit einige gute Serien auf Netflix. „Better Call Saul“ und „Master of None“ zum Beispiel. Was ich damit sagen möchte, ist: Es gibt wirklich gute Serien auf Netflix. Sogar Filme. Währenddessen können Sie die Hose ausbehalten und Milch direkt aus der Tüte trinken. Sie können diesen Monat aber auch zwölf Euro dafür investieren, sich nachfolgende Filme mit den Nacho-Schmatzgeräuschen fremder Menschen untermalen zu lassen:

Die amerikanische Popkultur steckt im Marvel-Hamsterrad. Zu erfolgreich hat es der Comic-Verlag über die Jahre hinweg verstanden, die goldenen Zitzen selbsternannter Filmgeeks und Comic-Nerds ab-, aber nicht trocken zu melken. Nach DC versuchen jetzt auch die Universal Studios ein ähnliches, dutzende Filme und Crossovers umspannendes Film-Franchise aus der Taufe zu heben.
Statt Comic-Helden müssen hier aber die Universal Monsters der 30er Jahre als Vorlage dienen, wobei deren schummrig-schaurige Streifen, die in maximal drei schlecht ausgeleuchteten Kellerkulissen spielten, natürlich nichts für den modernen Filmliebhaber sind.
Dieser verlangt nach mindestens einer großangelegten Actionzerstörungssequenz im Mittelteil, bis am Ende Gotham City/Metropolis/London von einer Alienentität/Ultron/Der Mumie zerstört werden, wenn es die Avengers/Die Justice League/Tom Cruise nicht zu verhindern wissen (voraussichtlich ab 08.06., Cineplex).
Stattdessen empfehle ich, Die Mumie (1999) mit Brendan Fraser und Rachel Weisz noch einmal gegenzuprüfen. Ein Streifen, bei dem die Filmschaffenden auf merkwürdige Weise einfach daran interessiert schienen, einen unterhaltsamen Abenteuerfilm zu drehen.

Markenbekanntheit = berechenbare Zuschauergröße = Profit. Was bei „21 Jump Street“ noch originell erschien, ist zu einem weiteren faulen Trend geworden. Ehemals erfolgreiche TV-Serien werden durch den Comedy-Wolf gedreht, ohne Rücksicht oder Respekt vor der ursprünglichen Formel, wie lächerlich sie rückblickend auch erscheinen mag. So ist es letztlich egal, ob wir uns zu Zack Efron und The Rock oder Jonah Hill und Channing Tatum das Popcorn ins Gesicht werfen. Baywatch ist das filmische Äquivalent zu einer 90er Party, die voll ist mit Post-2000er-Geburtsjahrgängen (voraussichtlich ab 01.06., Cineplex). Für eine persönliche Einschätzung zu Wonder Woman (voraussichtlich ab 15.06., Cineplex) oder Transformers 5 (voraussichtlich ab 22.06., Cineplex) beginnen sie, diesen Text von oben an erneut zu lesen.
Um in diesem Monat wenigstens eine Empfehlung aussprechen zu wollen: Dass das Sterben an sich sich etwas ziehen – ja vielleicht sogar etwas langweilig – sein kann, fängt Der Tod von Ludwig XIV. trefflich ein. Für Große und Kleine, denen noch das eigene Raucherbein zum Bestaunen fehlt (voraussichtlich ab 29.06., Apollo).
Ihr Thomas Glörfeld

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