Daytripper – Der Tagesausflugstipp

Der Liedtext von ABBA bezieht sich auf ein geflügeltes Wort, das mit einer verlorenen Schlacht zu tun hat. „Waterloo“ steht allgemein für eine große Niederlage, seit Napoleon Bonapartes Truppen am 18. Juni 1815 nahe einem kleinen Dorf namens Waterloo in ihrer letzten Schlacht gegen eine Allianz aus Engländern, Preußen, Niederländern und noch ein paar anderen Verbündeten unterlagen. Im Zuge des Wiener Kongresses war die Neuordnung Europas zu diesem Zeitpunkt bereits beschlossene Sache. Die Alliierten unter Wellington und Blücher bezwangen einen Napoleon, der nur noch ein Schatten seiner selbst war.

Waterloo liegt knapp 150 Kilometer westlich von Aachen und ungefähr 25 Kilometer südlich von Brüssel. Die Anfahrt dauert etwa eineinhalb Stunden, da das Tempolimit auf belgischen Autobahnen bei 120 Stundenkilometern liegt. Wir kommen am späten Vormittag an. Da hatte die Schlacht seinerzeit gerade eben begonnen.
Von Osten kommend brechen wir in südlicher Richtung zum Mémorial 1815 an der Ausfallstraße nach Charleroi durch. Eine taktische Meisterleistung, wie sich herausstellt, denn unter der Woche gibt es dort jede Menge freier Stellplätze. Der Name Mémorial 1815 bezieht sich selbstverständlich auf das Jahr der Schlacht. Eingeweiht wurde der so bezeichnete Neubau 2015 zum zweihundertjährigen Jahrestag. Über eine schicke, barrierefreie Rampe geht es hinab. Das Mémorial beherbergt den Souvenirshop und den Kassenbereich und ist zugleich der Eingang zum Löwenhügel und zum Panorama, die früher die beiden einzigen Sehenswürdigkeiten hier waren. Außerdem kommt man von hier ins Museum, das, wie sich bereits durch die Rampe andeutet, komplett unter der Erde liegt. An der Kasse kommt man gut mit Englisch oder Deutsch weiter. Überhaupt ist hier alles viersprachig beschildert oder vertont (EN, FR, NL, D).
Ziemlich übermütig wählen wir das teurere der beiden Kombitickets (Pass 1815, 20 Euro p. P.). Dafür dürfen wir uns alle sieben Stätten von historischer Relevanz in und um Waterloo ansehen. Der günstigere Pass Mémorial kostet 16 Euro p. P., erlaubt aber lediglich den Zugang zu vier Stationen. Wir wollen uns erst einmal einen Überblick vom Löwenhügel aus verschaffen.

Der Löwenhügel und das Panorama

Bereits auf dem Weg zum Hügel springen einem bunte Banner entgegen, die vollmundig ein atemberaubendes 3D-Erlebnis propagieren. Ich beschließe, die Beutelschneiderei nicht zu unterstützen und das auf gar keinen Fall auszuprobieren. Oben angekommen begrüßen uns weitere der aufdringlichen Banner, die nichts weiter tun, als einem die Aussicht zu verstellen. Was für ein Frevel. Der Legende nach wurde der Löwe aus dem Metall der Kanonen gegossen, die die Franzosen zurückließen. Tatsächlich stammen Material und Guss jedoch aus einem Stahlwerk in Lüttich. 1926 wurde das Monument eingeweiht. Wellington soll, als er sich die Attraktion zwei Jahre später ansah, nicht sehr angetan gewesen sein. „Sie haben mein Schlachtfeld verändert“, konstatierte er beleidigt. Ich mache ein paar Fotos von den hässlichen Bannern und biege um die Ecke. Da! 3D-Brillen! Endlich!! Ich zahle anstandslos drei Euro, um mir eine vierminütige Zusammenfassung der Schlacht anzusehen, in der blaue und rote Farbkleckse durch die Landschaft geschoben werden. Was für eine Enttäuschung. Ich bin zutiefst befriedigt darüber, dass ich mal wieder recht hatte.
Auch anhand einiger zweidimensionaler Schaubilder kann man sich die ganze Keilerei gut vergegenwärtigen. Moment, hatte ich das nicht gerade schon in der Zusammenfassung gesehen? Zum ersten Mal kommt mir der Begriff Redundanz in den Sinn. Wieder unten geht es in die Rotunde des Panoramas. Hier illustriert ein monumentales und höchst eindrucksvolles Rundumbild minutiös den Ablauf der Gefechte. Dazu werden Schlachtgeräusche als Dauerschleife eingespielt. Gut, das ist neu. Das 1912 errichtete Gebäude mit dem 110 Meter breiten und zwölf Meter hohen Gemälde wird seit 2015 selbst als historische Sehenswürdigkeit gewürdigt. Sehr sehenswert.

Die Farm d’Hougoumont

Rund zwei Kilometer vom Panorama entfernt liegen die Reste der Farm d’Hougoumont, unseres nächsten Ziels. Wer den Fußweg scheut, kann einen Shuttle-Bus nehmen. Der Ort erlangte besondere Bedeutung, da er heftig umkämpft war und bis zuletzt von den Soldaten der Koalition gegen die Franzosen gehalten wurde. Das Ereignis ging als Schlacht in der Schlacht in die Geschichtsbücher ein. Das Anwesen ist erst seit 2015 für die Öffentlichkeit zugänglich und der Besuch wird dringend empfohlen, nicht zuletzt, weil in einer Multimedia-Show der exakte Hergang der Auseinandersetzung noch einmal visualisiert wird.

Das Museum im Mémorial

Wir laufen zurück und nehmen uns das Museum vor. Es ist das Herzstück der neuen Anlage. Da die Ausstellungsstücke nur rudimentär beschriftet sind, empfiehlt es sich, Gebrauch von den Audioguides zu machen, die an der Kasse ausgegeben werden. Das Museum ist ein Erlebnis und man muss es sich ansehen. Schon, um den Eintrittspreis nachvollziehen zu können. Neben einer halben Armee in Originalgröße gibt es eine mindestens 30 Meter lange Zeitleiste, auf der minutengenau die Bewegungen der Truppen …
Die Suche nach einer ehrlichen belgischen Frittenbude führt uns zurück ins Zentrum von Waterloo und bleibt leider erfolglos. Tipp: Neben der allgegenwärtigen Systemgastronomie ist vor allem zu meiden, was „organic“ im Namen führt, es sei denn, man möchte, dass der Ausflug ein finanzielles Waterloo wird.

Darf keinesfalls fehlen: der Verlauf der Schlacht aus der Luft. Ballonreplika im Museum im Mémorial 1815.

Das Musée Wellington

Das kleine Museum befindet sich im Ortskern an der Chaussée de Bruxelles. Auch hier empfiehlt es sich, den Audioguide zu bemühen. Während im Museum im Mémorial alles prächtig präsentiert ist, aber auch ein wenig staffagenhaft daherkommt, wirkt (und ist) hier, im ehemaligen Hauptquartier Wellingtons, alles sehr authentisch. Recht prosaisch wird einem vor Augen geführt, wer so alles womit niedergestreckt wurde. Auch wie und was man alles so amputierte und in welchem Bett der bedauernswerte Invalide dann doch zugrunde ging, wird keineswegs verschwiegen. Bei allem Respekt für die Bemühungen der Tourismusbeauftragten der Wallonie: Hier finden wir endlich das, was wir von Belgien erwarten, nämlich Totalimprovisation in Sachen Geschichtspräsentation. Grandios.
Diesmal haben wir uns auf die Sieger konzentriert und am Ende hat es dann für Napoleons Hauptquartier und den Hof Mont-Saint-Jean, auf dem es eine Brauerei gibt, die „Waterloo – Das Bier der Tapferkeit“ braut, nicht mehr gereicht. Wir kommen wieder!

Mémorial 1815 | 1815, Route du Lion, 1420 Braine-l’Alleud, Belgien
www.waterloo1815.be

365 Tage im Jahr geöffnet: 01.04.-30.09.: 9:30-18:30 Uhr, 01.10.-31.03.: 9:30-17:30 Uhr

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