Die offene Gesellschaft – eine Privatveranstaltung?


17. Juni, Tag der offenen Gesellschaft. In ganz Deutschland sollten Tafeln gedeckt werden, um die Demokratie mit Freunden und Fremden zu feiern und zu diskutieren – und wobei sollte das besser gehen als bei einer gemeinsamen Mahlzeit? Eine schöne Idee, dachte ich und begab mich auf die Suche. An zehn Orten wurde in Aachen zu offenen Tafeln eingeladen. Drei Orte, die als öffentlich markiert waren, wollte ich besuchen.

17:15 Uhr: Hirschgrün
Etwa sieben, maximal zehn Menschen haben sich zusammengefunden und bereiten etwas für die Schnippelparty vor. Auf dem Spielplatz direkt nebenan tummeln sich unabhängig davon Kinder verschiedener Nationalitäten, viele Mütter mit Kopftüchern sitzen am Rand. Ich bin zu früh, denke ich und ziehe weiter.
17:30 Uhr: Depot Talstraße. Etwa fünf Menschen bereiten eine Tafel vor. Erwartet werden ca. 30 Freunde und Bekannte ab 18:00 Uhr. Ich bin zu früh und ziehe zur nächsten Tafel. Ein paar Meter weiter steht ein glatzköpfiger Mittdreißiger auf der Straße. Brüllt dem Nachbarn zu: „Die Ausländer müsste man alle nach Hause schicken. Wenn ich jünger wäre, würde ich es persönlich machen!“ Er fühlt sich also alt und machtlos – mit rund 35. Ich ziehe weiter.
Im Stadtpark werde ich fündig. An der Minigolfbahn hat der Betreiber schön eingedeckt. Sogar Tischdecken mit dem Offene-Gesellschaft-Logo sind am Start. Menschen machen sich Gedanken, füllen Zettel mit Ideen aus, was die Gesellschaft offener machen soll. Junge Menschen plaudern, ältere Herren spielen Schach, die Stimmung ist gut, die Gäste kommen aus verschiedenen Ländern und neben Mettbrötchen gibt es süßes Helva.

Motiviert gehe ich die Runde zurück, haben sich die anderen Veranstaltungen gefüllt?
18:20 Uhr: Depot Talstraße. Die Gruppe ist mit etwa zehn Personen überschaubar geblieben. Drei Anwohner halten sich zwar in der Nähe auf, bleiben aber an ihrem offensichtlichen Stammplatz unter sich. Die Gruppen scheinen sich gar nicht zu bemerken – jeder macht sein Ding in seinem Bekanntenkreis.
Und im Hirschgrün? Gegen 18:45 Uhr ist es auch hier (immer noch? wieder?) sehr überschaubar. Die Gruppe bleibt für sich, die Mütter mit den Kopftüchern auf dem Spielplatz ebenso. Ach ja, es ist auch noch Ramadan, für ein Zusammentreffen mit muslimischen Mitbürgern also ein unpassender Zeitpunkt, da diese am frühen Abend noch nichts zu sich nehmen dürfen. Hätte man sie sonst herübergebeten? Wären sie der Einladung gefolgt?

Erkenntnis des Tages: Offenheit ist eine gute Idee, aber sie kommt nicht von selbst. Sie ist Arbeit. Leute ansprechen, aktiv einladen. Und für wen gilt es? Hätte man auch den 35-Jährigen an die Tafel zum Gespräch bitten sollen, zumindest in ein Gespräch über Demokratie verwickeln? Hätte man etwas bewirken können oder bleibt das alles Wunschdenken? Vielleicht hätte ich noch zum Theater gehen sollen und hätte die offene Gesellschaft dort gefunden – aber dafür war ich nach dem Nachmittag nicht mehr offen genug.

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