Ein Besuch bei Familie Schenk aus Anlass des Tages der offenen Gartentür am 25. Juni

Die Schenks sind alte Hasen, was die Teilnahme am Tag der offenen Gartentür angeht. Schon fast von Anfang an, also seit etwa zehn Jahren, sind sie ziemlich regelmäßig dabei. Die Reaktion der Besucher, die den Garten des Hauses Passstraße 78 betreten: sprachloses Staunen angesichts dieser Innenstadtoase, die man so hier nicht erwartet. Das gehe wirklich allen so, sagt Brigitte Schenk, die den Garten zusammen mit ihrem Mann Konrad angelegt hat. Seit 1984 leben und arbeiten die beiden in der Passstraße. Auch in diesem Jahr erwarten sie ein interessiertes Publikum, das sich die ein oder andere Anregung für die Gestaltung des eigenen Gartens holt. Viele der Besucher sind nämlich erfahrungsgemäß selbst Gartenbesitzer und schätzen den fachmännischen Austausch. Mancher kommt aber auch nur, um mal hinter die Kulissen zu blicken, denn die teilnehmenden Gärten liegen, so wie der Garten der Schenks, normalerweise im Verborgenen.

Eines der Glanzlichter des Gartens ist der imposante, mehr als einhundert Jahre alte Birnbaum. Die Sorte (Pastorenbirne) ist inzwischen selten geworden. Doch nach dreißig Jahren Birnenernte, gesteht Frau Schenk, komme das Obst einem auch irgendwann zu den Ohren heraus. Vor einigen Jahren kam sie auf die Idee, einen Teil der Ernte vor dem Haus abzustellen. Einfach so. Zum Mitnehmen. Damit war der Fairteiler geboren, der noch heute dort zu finden ist und mittlerweile von einer Nachbarin aus dem Nebenhaus betreut wird.

Das Teilen liegt Brigitte Schenk im Blut. Für die Sozialpädagogin, ehemalige Waldorferzieherin und „Waldorfmutter“, gehört die praxisorientierte Wissensvermittlung an Kinder zum Lebenscredo. Folgerichtig ist der Garten auch ein Raum zum Lernen. In der eigens eingerichteten Gartenwerkstatt wird allerlei aus Holz und Stein hergestellt, und man kann von Frau Schenk nicht nur nähen und schnitzen lernen, sondern auch, wie man Getreide mahlt und daraus selbst Brot backt. Im Vordergrund stehe neben dem Ergebnis immer der Weg und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, sagt sie. Jedes Kind soll etwas mit nach Hause nehmen. Auch im übertragenen Sinn (Anmeldung über die Webseite s. u.).

Zurück zum Garten. Dass hier eine so großzügige Grünfläche mitten in der Stadt entstand, ist unter anderem historisch bedingt. Aus der Vogelperspektive betrachtet, bildet sie ein Dreieck zwischen Passstraße, Ungarnstraße und Lombardenstraße. Das Hinterhaus, an das der Garten der Schenks anschließt, stand bis 1875 ziemlich einsam auf der grünen Wiese. Erst dann wurde die Passstraße eine „echte“ Straße mit der Bebauung, wie man sie heute dort vorfindet. Durch Glück und Geschick konnte Konrad Schenk 1998 den hinteren Teil des Nachbargrundstücks erwerben und damit den Garten erheblich erweitern. Vom Urzustand zeugt noch eine Mauer, die bewusst nur zur Hälfte abgebrochen wurde. Der Rest trennt den Garten nun auf interessante Weise in zwei Areale. Die Schenks haben ein Händchen, wenn es darum geht, mit vorhandenem Bestand zu arbeiten. Anstatt blind wegzureißen, was historisch gewachsen ist, wird vieles davon geschickt in die Gartengestaltung einbezogen. So entstehen kleinere grüne Inseln mit eigenem Flair. Ganz im hinteren Teil etwa, wo der Garten spitz zuläuft, sorgen altes Mauerwerk und eine umwachsende Hecke dafür, dass man bereits im Februar – ohne Wärmepilz – im Garten sitzen und die Sonne genießen kann. Geradezu paradiesische Zustände also, dank Mikroklima. Dass hier und da Gartengeräte und anderes herumstehen oder die Vielfalt des Gartens auf den ersten Blick kaum überschaubar ist, das gehört dazu. Konrad Schenk sagt, der Garten sei schließlich kein Showroom, sondern hier werde immer an irgendeiner Ecke gearbeitet.

Noch gut erkennbar ist der Grundriss einer Fabrikhalle, die auf dem nach Norden angrenzenden Grundstück stand. Verblieben sind davon hüfthohe Mauern, die den Bereich gegen die anderen Gärten abgrenzen. Einen Hinweis auf das ehemals hier ansässige Gewerbe findet man bereits am Hauseingang. Dort prangen am Tor die Buchstaben A und G, verbunden zu einem hübschen Signet. Sie stehen für Anton Guillot, der hier eine Textilmaschinenfabrik betrieb. Die unternehmerische Laufbahn der Guillots begann in Aachen bereits im Jahre 1820 mit der Gründung der Textilmaschinenfabrik J. P. Guillot in der Rudolfstraße. Die beiden Söhne Franz und Anton erbten die Fabrik vom Vater und führten sie zunächst gemeinsam weiter. Später gründete Anton Guillot seinen eigenen Unternehmenszweig hier in der Passstraße. Da Anton Guillot keine männlichen Nachfolger zeugte, fiel das Unternehmen an seine Tochter und ihren Ehemann, der den schönen Namen Packbier trug. Die historischen Bilder verdanken wir wahrscheinlich einer Schwäche des Herrn Packbier. Dem Vernehmen nach verstand er nämlich nicht viel von der Branche, war aber bekannt dafür, „jeden krummen Nagel“ aufzubewahren. Die Fabrikhalle wurde 1978 niedergelegt und lange interessierte sich niemand dafür, was noch in den Kellern lagerte. So überdauerten auch etliche Glasnegative aus den 1930er Jahren die Zeit. Konrad Schenk hat sie schließlich wiederentdeckt und archiviert.

Wie in jedem Jahr erwarten den Besucher in der Passstraße ein freundlicher Empfang und eine kulinarische Aufmerksamkeit. Während im letzten Jahr selbst gemachter Holunderbeersaft gereicht wurde, wird es in diesem Jahr Kaffee und Kuchen (selbstverständlich auch selbst gebacken) geben. Der Garten wird von 14:30 Uhr bis 18:00 Uhr geöffnet sein. Weitere Details stehen auf der Webseite zum Tag der offenen Gartentür www.offene-gartentuer-aachen.de

Weitere Empfehlungen für den 25. Juni

Die meisten der Gärtnerinnen und Gärtner, die sich am Tag der offenen Gartentür beteiligen, nutzen ihr Anwesen ansonsten ausschließlich privat. Einige jedoch (so wie Brigitte Schenk) verbinden mit ihrem Garten ein professionelles Angebot. Sie kommen entweder aus dem therapeutischen Sektor (Kurse, Kräuterführungen, Naturheilkunde) oder bieten Naturprodukte an. Möglicherweise kann man also hier noch Interessantes für sich entdecken, was über die reine Betrachtung üppiger Flora hinausgeht.
Unbedingt empfehlenswert ist der Besuch der Gemeinschaftsgärten Hirschgrün (Richardstraße) und Vielfeld (Stadtgarten, hinter dem Neuen Aachener Kunstverein). Im Gegensatz zu den anderen Gärten ist hier Bürgerbeteiligung gefragt. Dort ist auch außerhalb des Tages der offenen Gartentür jeder gerne gesehen, der über ein wenig Freizeit verfügt und sich aktiv für das Grün in der Stadt engagieren möchte. Ein grüner Daumen ist dafür keine zwingende Voraussetzung und im Übrigen auch nichts Angeborenes.

Als besonders sehenswert schätzen wir weiterhin den Garten des Klosters der Armen-Schwestern vom heiligen Franziskus ein, der ein eher kontemplatives Erlebnis bietet, sowie den Garten der Familie Habeney (Johanniterstraße 26). Letzterer erstreckt sich über 1.300 Quadratmeter und liegt auf dem Dach einer Tiefgarage. Er beweist eindrucksvoll, wie man mit Phantasie und Engagement auch in der Innenstadt einen ertragreichen Nutzgarten anlegen kann.
Alle teilnehmenden Gärten und weitere Informationen findet man auf der Seite www.offene-gartentuer-aachen.de.

Brigitte Schenk betreibt eine eigene Website unter www.naki-garten-werkstatt.de.

Brigitte und Konrad Schenk
vor dem Gemüsegärtchen

 

zurück Die offene Gesellschaft – eine Privatveranstaltung?
weiter Eine Art Haus