Michel Houellebecq, einer der umstrittensten Autoren der Gegenwart, ist bühnentauglich geworden. Mehr noch, der provocateur par excellence – er sieht sich selbst als Bettler der Liebe – wird von Bühne zu Bühne gereicht, verstört und wühlt auf, als wäre er der Laplace’sche Dämon, ein kleiner unruhiger Geist, der in Kenntnis unserer Vergangenheit in der Lage ist, die Zukunft zu determinieren. Eine unschöne, von radikal islamischen Werten geprägte Zukunft, in der die Freiheit des Geistes nur noch als vage Erinnerung in den Köpfen der Angepassten lebt.
Regisseurin Ewa Teilmans verteilt den verstörenden Text auf drei Rollen. Karl Walter Sprungala ist François, der von Fleischeslust zerfressene, nihilistische Ich-Erzähler. Elke Borkenstein verkörpert alle Frauen im Leben dieses zerrissenen Mannes, und Rainer Krause erweckt J. Karl Huysmans, das Alter Ego François’, zum Leben. Kletternd und herumirrend im Labyrinth des Lebens – repräsentiert durch eine mit Neonröhren bestückte, durchaus imposante Metallkonstruktion – verlieren sich François und Co. im Unausweichlichen.
Die Wucht, mit der Sprungala knappe drei Stunden lang all die Erbärmlichkeit, Wut, Zweifel und Gier des Antihelden auf die Zuschauer schleudert, ist phänomenal und überwältigend. Aber in dieser Überwältigung liegt das Manko der Inszenierung. Die 272 Seiten des Buches wurden auf gefühlte 270 gekürzt, das beeindruckende Spiel der Akteure wird unter dem kolossalen Gewicht des Textes begraben. Kleine Verschnaufpausen bietet nur der Chor, der ganz im Sinne griechischer Dramen in die Handlung integriert wird und je nach Bedarf die wütende, strafende oder verzweifelte Masse repräsentiert. Leider wurden die wundersamen Töne aus der Feder des Komponisten Anno Schreier durch Sprecheinlagen aufpoliert, die weder richtig überzeugen noch zum besseren Verständnis der Handlung beitragen.
Eine Inszenierung, die durchaus seriös ist, jedoch statt Verstörung nur Erdrücken hinterlässt. Was sagt Prinz Hamlet, der beim Anblick diverser Totenschädel auf der Bühne unwillkürlich vor dem geistigen Auge auftaucht? „Der Rest ist Schweigen.“ (ek)

Unterwerfung –Nach dem Roman von Michel Houellebecq
Theater Aachen, Bühne | Inszenierung: Ewa Teilmans, Bühne und Kostüme: Andreas Becker, Komposition: Anno Schreier
So, 02.07., 18:00 Uhr | Mi, 05.07., 19:30 Uhr | So, 16.07., 18:30 Uhr

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