Die Tour de France startet dieses Jahr nach fünfundzwanzig Jahren zum ersten Mal wieder in Deutschland, und dann auch noch in Düsseldorf, also gleich um die Ecke. Und das Beste: Am 2. Juli wird das Peloton voraussichtlich um 14:00 Uhr den Aachener Marktplatz passieren. Was liegt näher, als sich selbst aufs Rad zu setzen und einen Teil der Etappe abzufahren, zumal man das gut mit einem Tagesausflug in die Region verbinden kann? Die Idee klingt gut, bis ich an Fronleichnam unausgeschlafen, unvorbereitet und untrainiert um 10:29 Uhr am Marktplatz stehe und mir klar wird, dass bis nach Herve, meinem anvisierten Ziel, und zurück über 60 Kilometer vor mir liegen. Nicht nur meine Kondition, sondern auch meine Ausrüstung lassen zu wünschen übrig und mich beschleicht kurz die Ahnung, dass ich das alles bitter bereuen könnte.

Die Jakobstraße hinauf und die Lütticher Straße hinaus läuft zunächst alles wie geschmiert. Schon 3,5 Kilometer geschafft, die Sonne lacht und ich fliege dem Ziel förmlich entgegen. 10:45 Uhr, Stadtgrenze. Warum kommt hier eine Steigung? Ich steige nach 500 Metern ab und schiebe bis zur Waldschenke. Ein Rückschlag, aber ich liege ja noch gut zwei Wochen vor dem Feld. Hinter Kelmis wieder eine Steigung. Die Sache fängt an keinen Spaß mehr zu machen. Wer tut sich sowas an? Ich quäle mich den Berg hinauf. Oben angekommen, glaube ich das Gröbste hinter mir zu haben. Ich irre. In Henri-Chapelle wartet die nächste böse Überraschung in Form einer mörderischen Steigung auf mich. Seltsam, dass sie mir bisher, bei gelegentlichen Ausfahrten mit dem Auto, nie aufgefallen ist. Um 13:00 Uhr erreiche ich Henri-Chapelle. Die Anfangseuphorie ist dahin. Ich habe ein taubes Gefühl in den Hoden und überhaupt keine Lust mehr, mir etwas Witziges dazu auszudenken. Nach wenig mehr als der Hälfte der Strecke bin ich kurz davor aufzugeben, gebe mir aber eine letzte Chance.

Gottlob, es wird flacher. Hinter Meubles Cezar, einer Landmarke des schlechten Geschmacks, kann ich endlich meine Qualitäten als Rouleur unter Beweis stellen. Wenn nur der Gegenwind nicht wäre. Dennoch, ich schöpfe wieder Hoffnung. Ankommen ist die Devise. Die Tour folgt der stark befahrenen N3, auf der man der Mittagshitze schutzlos ausgesetzt ist. Eine Stunde später erreiche ich Battice. Dort wollte ich mir eigentlich den Bunker, das Fort de Battice, ansehen, verpasse aber die richtige Abfahrt. Das Örtchen macht einen netten Eindruck, doch ich ziehe durch bis Herve, wo ich erschöpft, aber glücklich um 14:30 Uhr ankomme. So sehen Sieger aus!
Herve ist eine Enttäuschung. Außer einem Kraftfuttermischwerk, künstlichen Kühen, zwei oder drei Kirchen und einem Fußballplatz gibt es nicht viel zu sehen. Von hier aus sind es nur noch 30,5 Kilometer bis Lüttich, und der Einfluss der einstigen Industriemetropole macht sich bemerkbar. Verglichen mit den malerischen Dörfchen links und rechts der N3 wirkt der Ort ziemlich unromantisch. Ich kurve unentschlossen herum und mache mich schließlich auf den Rückweg. Es geht also wieder nach Battice. Ich lege einen Stopp im Ortszentrum ein und hole mir in der Pâtisserie L. Sarré, die mir schon auf der Hinfahrt aufgefallen war, eine Gozette aux Pommes. Es ist ohne Übertreibung die beste Apfeltasche, die ich je gegessen habe.

Das Fort finde ich diesmal prompt. Die Verteidigungsanlage, die 1939 fertiggestellt wurde, fiel bereits 1941 nach kurzer und erfolgloser Gegenwehr den deutschen Besatzern in die Hände. Hier beginnt der Radweg Linie 38, dem ich für die Rückfahrt bis Hombourg folgen werde. Die Strecke ist zwar ein paar Kilometer länger, bietet gegenüber der N3 aber einige Vorteile. Es gibt so gut wie keine Steigungen und keinen Autoverkehr, dafür aber jede Menge schattenspendender Bäume. Ideale Bedingungen für den Heimweg.

Der Radweg verläuft auf der ehemaligen Bahntrasse der Strecke Montzen–Lüttich und führt durch Thimister, Clermont-sur-Berwinne und Aubel. In den 1980er Jahren verkehrten hier die letzten Güterzüge. Leider unterläuft mir in Hombourg ein kleiner Navigationsfehler, und die letzten Kilometer über Sippenaeken, Gemmenich und Vaals bringen mich schließlich doch noch an die Grenzen der Belastbarkeit. Ich schiebe mehr, als dass ich fahre. Um 19:00 Uhr bin ich schließlich wieder zu Hause.

Diese 104. Auflage der Tour de France werde ich ich mit anderen Augen verfolgen. Vielleicht positioniere ich mich an die Steigung vor Henri-Chapelle, um den Protagonisten, die dort mühelos hochziehen werden, meinen Respekt zu zollen. Sie werden bereits über vier Stunden unterwegs sein und 164 Kilometer in den Beinen haben, wenn sie dort ankommen. Auch die verbleibenden rund 39,5 Kilometer werden sie mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von ca. 40 km/h zurücklegen. Verglichen mit meiner Durchschnittsgeschwindigkeit von ungefähr 8 km/h ist das, nun ja, mehr als beeindruckend.
Text & Fotos: Eckhard Heck

Fort de Battice

Führungen in deutscher Sprache finden von März bis November an jedem letzten Samstag im Monat um 13:30 Uhr statt. Die Teilnahmegebühr beträgt 5,00 Euro. Weitere Infos unter www.fort-battice.net

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