Der Fahrradkurier 2.0: Warentransporte mit Logistikkonzepten und Elektromobilität

Kurierdienste per Fahrrad können auf eine Tradition zurückblicken. Um 1900 gehörten sie zum normalen Stadtbild, noch bevor Autos große Popularität erlangten. Heute erleben sie eine Renaissance. Wir sprachen mit Jörg Albrecht von CLAC über die neuen Ansätze seines Lieferdienstes und die Anforderungen der Zeit.

Was hat dich motiviert, den Kurierdienst CLAC für Aachen ins Leben zu rufen?
Auf die erste Idee kam ich nach Gesprächen mit Kunden und meiner Wahrnehmung auf der Straße. Unsere damaligen Kunden aus dem Einzelhandel berichteten von der Herausforderung schneller und unkomplizierter Lieferungen innerhalb von Aachen versenden zu können. Gleichzeitig nahmen die Lieferungen durch große Online-Händler zu. Inspiriert durch Initiativen aus anderen europäischen Städten wie zum Beispiel Kopenhagen und die damals noch recht neuen, elektrisch unterstützten Lastenfahrräder wuchs das Konzept.

Warum haben andere Fahrradkuriere in Aachen ihren Betrieb eingestellt? Was macht ihr besser oder anders?
Ein wesentlicher Markt früherer Radkuriere war der Transport von Dokumenten und Datenträgern im Rucksack. Diese Transporte werden heutzutage fast vollständig durch E-Mails oder Online-Datenübertragungen ersetzt. Dies sieht man auch am auch stetig abnehmenden Briefaufkommen bei der Post. Wir transportieren heute fast ausschließlich nicht-digitalisierbare Güter, also Dinge, die man nicht per Internet übertragen kann. Dass dieses Segment seit einigen Jahren deutlich wächst, sieht man tagtäglich auf der Straße in Form von immer mehr Lieferfahrzeugen. Statistiken zeigen, dass 50 bis 80 Prozent aller kleinteiligen Lieferungen auf Lastenfahrräder verlagert werden können. Diese Transporte sind dann nicht nur oftmals schneller, sondern auch platzsparender auf der Straße, emissionsfrei und nicht zuletzt auch preisgünstiger.
Aber das ist nicht der eigentliche Trick. Wir haben so ziemlich alles über den Haufen geworfen, was in der Branche üblich war. Wir haben keine Telefonisten, keine Disponenten, keine Funkgeräte, keine Papierquittungen. Wir haben eine eigene Software entwickelt, die den gesamten Prozess von der Beauftragung durch den Kunden über die Koordinierung und das Tracking jedes einzelnen Transports bis hin zur Abrechnung möglichst weit automatisiert. Das System ist auch für die Nutzung durch andere Kuriere freigegeben. In Aachen können unsere Kunden damit nicht nur auf Lastenradtransporte zugreifen, sondern auch auf einen Autokurier, der Transporte bis 600 Kilogramm möglich macht, sowie auf über 120 Taxis. Letztendlich führt das zu niedrigeren Transportkosten, weniger innerstädtischen Staus und einem Vorteil für unsere Kunden. Sie können mit uns einen Lieferservice für ihre Kunden anbieten, ohne sich selbst um Fahrzeuge und Personal kümmern zu müssen.

Ihr entwickelt gerade mit dem Projekt „Smart Emma“ eine Bestellplattform und einen Kurierdienst, der Waren von Einzelhändlern und auch frische Waren von Supermärkten und Restaurants zu Endverbrauchern liefert. Ist das das neue Einkaufen?
Dass Online-Bestellmöglichkeiten von Waren aller Art seit Jahren boomen, ist deutlich. Amazon, eBay, Zalando, Lieferando und Lieferheld sind Namen, die sicherlich fast jeder schon einmal gehört, wenn nicht gar selbst genutzt hat. Vor einigen Monaten ist auch REWE in die Lieferung von online bestellten Lebensmitteln eingestiegen, und Amazon Fresh hat mit der Lieferung in einigen deutschen Großstädten bereits begonnen. Was diese Plattformen alle gemein haben: Sie sind groß und zentralisiert. Als kleiner, inhabergeführter Einzelhändler hat man es in diesem Umfeld schwer, Schritt zu halten. Die Projektpartner im Smart-Emma-Projekt versuchen gemeinsam und im engen Kontakt mit lokalen Händlern, eine Plattform zu entwickeln, die dem Händler vor Ort auch lokalen Online-Handel einfach, schnell und unkompliziert ermöglicht. Die Bestellabwicklung und Lieferung von frischen Lebensmitteln stellt dabei sozusagen die Königsdisziplin dar. Wenn wir es schaffen, zum Beispiel frischen Fisch oder tiefgekühltes Eis unter Beachtung aller Hygienestandards und anderen Vorgaben innerhalb von Aachen zu liefern, dann können wir auch alle anderen Waren problemlos liefern. Schließlich müssen wir bei Büchern oder Schuhen nicht auf eine Kühlkette achten.

Wer sind eure Kunden? Was transportiert ihr zum überwiegenden Teil?
Unsere Kunden sind alle, die innerhalb von Aachen Dinge aller Art transportieren wollen, die 200 Liter Volumen und 100 Kilogramm Gewicht nicht überschreiten. Wir transportieren so zum Beispiel für unsere Kunden Aktenordner zum Steuerberater, wichtige Dokumente zum Amt oder zum Gericht, Proben vom Arzt ins Labor, Berufsbekleidung zum Studentenwerk, Bestellungen vom Supermarkt zum Kunden, Essen vom Restaurant oder eilige Medikamente aus der Apotheke. Manchmal wissen wir aber auch nicht, was wir transportieren, denn selbstverständlich schauen wir nicht in verpackte Kartons. Das Briefgeheimnis gilt auch für uns. Nur Lebewesen, Gefahrstoffe und Wertsachen transportieren wir nicht.

Eure Fahrräder werden mit einem Elektroantrieb unterstützt. Sind Pedelecs inzwischen technisch ausgereift?
Generell ein klares Ja. Aber natürlich gibt es Unterschiede zwischen den Antriebs- und Akkusystemen und den verschiedenen Ausstattungsvarianten der Pedelecs. Das gilt für normale Fahrräder genau wie für Lastenfahrräder mit zusätzlichem Elektromotor. Wir probieren derzeit verschiedene Radmodelle aus, um herauszufinden, welches Modell letztendlich das bessere für uns ist. Wir stellen an unsere Pedelecs aber auch professionellere Anforderungen, als dies bei einer normalen privaten Nutzung der Fall wäre. Ich kann jedem nur empfehlen, zum Fahrradhändler seines Vertrauens zu gehen und dort mal ein Pedelec auszuprobieren. Wer dies noch nie erlebt hat, wird überrascht sein, wie sehr sich das Gefühl, Rad zu fahren, verändert. Natürlich entwickelt sich der Markt weiter. Vermutlich werden wir in fünf Jahren Pedelecs kaufen können, von denen man heute nur träumen kann.

Welche Hürden/Hindernisse gibt es? Das begrenzte Ladegewicht/-volumen? Das Wetter? Die unsicheren Verhältnisse im Straßenverkehr?
Unser Ladevolumen oder das maximale Transportgewicht stellen in der Praxis eigentlich nie ein Hindernis dar. Schließlich wollen wir keine LKWs ersetzen. Bei kleinteiligen Lieferungen sind wir sehr gut aufgestellt und spätestens, wenn in Aachen das drohende Dieselfahrverbot im nächsten Jahr zumindest in Teilen Realität wird, werden wir noch stärker beweisen können, dass der Wechsel vom Diesel-Lieferfahrzeug auf unsere Radtransporter überhaupt keinen Nachteil darstellt, sondern ganz im Gegenteil. Das Aachener Wetter ist deutlich besser als sein Ruf. Unsere Transportboxen und Rucksäcke sind allesamt wasserdicht. In den letzten Jahren gab es auch im Winter nur insgesamt wenige Stunden, in denen wir nicht fahren konnten.
Mit den Verhältnissen im Straßenverkehr haben unsere Kuriere täglich zu kämpfen. Glücklicherweise haben wir aber bisher kaum Probleme mit Unfällen. Eine bessere, sicherere und durchgängige Infrastruktur wünschen wir uns aber in jedem Fall. Hier hat Aachen im Vergleich mit anderen europäischen Großstädten noch einiges aufzuholen. Mein Wunsch, dass hier Politik, Verwaltung und Polizei etwas mehr Entschlossenheit zeigen würden, käme mit Sicherheit nicht nur uns, sondern allen Radfahrern von 8 bis 80 zugute. Von manchen Auto- und Busfahrern wünsche ich mir da die Einsicht, dass wir auf der Straße gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer sind und eher zu einer Verbesserung für alle beitragen.

Fährst du auch privat noch Fahrrad? Wirst du die Tour de France verfolgen?
Ich fahre innerstädtisch beruflich wie privat fast nur Rad. Aber auch unsere Kuriere, die teilweise bis zu 100 Kilometer pro Tag in Aachen radeln, fahren privat dann noch begeistert Rad. Das erste Juliwochenende steht offenbar ganz im Zeichen des Rades. Am letzten Junifreitag findet die Critical Mass statt, am Samstag der Aachener Fahrradtag und am Sonntag die Tour de France. An diesem Wochenende ist dann auch noch das Radrennen rund um den Dom und zum ersten Mal ein Promi-Lastenradrennen, für das wir unsere Lastenfahrräder zur Verfügung stellen. Ich freue mich sehr auf dieses Wochenende und werde sicherlich auch die Tour de France verfolgen, auch wenn ich privat eher auf das Mountainbike steige.

Kontakt:
www.clac.at/aachen

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