1. Theorie: In Aachen gibt es ein paar Enthusiasten, die sich dem Radfahren mit besonderer Note verschrieben haben. Sie nennen ihre Boliden Bikes und stecken viel Zeit und Liebe ins Customizing, sprich das Modifizieren ihrer Räder.

Ich habe mich mit den Jungs und Mädels vom Raw Cruiser Rats B.C. Aachen im Homeburgers, dem Fast-Food-Franchise der Vielfalt, in der Komphausbadstraße verabredet. Passt, denke ich zuerst. Und dann auch wieder nicht. Das Ambiente bietet jedenfalls eine Steilvorlage für die Frage, was es eigentlich auf sich hat mit diesem verwässerten und mittlerweile auf alles und jedes anwendbaren Begriff „Custom Culture“. Aus Freude am höchst individuellen Design wurde irgendwann nach dem dritten Aufguss ein Trend, der mit auswechselbarer Retroästhetik und Urban-Style-Attitüde blendet. Dahinter stehen inzwischen eine ganze „Custom-Industrie“ und etliche Marken, die aus dem Identifikationsdrang der Kids Kapital schlagen.
Nun gut, das müsse man zunächst mal alles nicht so eng sehen, klären mich die Rats auf. Schließlich gehe es in erster Linie immer noch darum, sein eigenes Ding zu machen, also tatsächlich etwas Authentisches zu kreieren. Und, so wird mir glaubhaft versichert, speziell in der Bike-Szene würden allzu forsche Kommerzialisierungsversuche bisher immer noch vehement von den Kunden abgestraft. Ich glaube das gerne, weil ich Idealist bin. Außerdem ist mir sehr sympathisch, dass die Rats der Do-it-yourself-Philosophie deutlich näherstehen als der durchschnittliche, konsumverstrahlte Sneaker-Träger. Sie verteidigen mit Eigensinn und Kreativität ihr kleines Soziotop und betrachten davon abgesehen die Sache sowieso eher als Hobby.

Irgendwann kommen wir dann doch noch über Barbershops, Raupenbahnen und den deutschen Emigranten Ignaz Schwinn, dem wir das Schwinn Stingray, den Vorläufer des Bonanzarads, verdanken, zum eigentlichen Anlass des Interviews: Custombikes. Die Unterschiede zwischen Beachbike, Chopper, Lowrider oder Stretchcruiser erscheinen dem Laien marginal. Jedenfalls leiten sich die Bezeichnungen von Motorrädern ab, was die viel spannendere Frage aufwirft, warum die Rats überhaupt Fahrrad fahren statt Motorrad. Die naheliegende Antwort: Es ist eine vollkommen andere Art der Fortbewegung, die man mit dem Fahren eines Motorrads schon deshalb nicht vergleichen kann, weil man viel langsamer unterwegs ist. Ich höre aus der Aussage ein gewisses Understatement heraus. Ebenfalls wichtig: Fahrräder kann man höchstpersönlich und praktisch uneingeschränkt modifizieren.

2. Praxis: Wir sind zum Fotoshooting verabredet und zu meiner Feuertaufe, meiner ersten Fahrt mit einem Custombike.

Kurz den Sattel einstellen und los gehtʼs. Erster Eindruck: Die Eingewöhnung geht schnell und der Fahrspaß stellt sich schon nach wenigen Runden auf einem Parkplatz ganz von selbst ein. Man sitzt tief. Sehr tief. Ungefähr auf Kinderwagenhöhe. Das ist ungewohnt, führt aber zusammen mit der Sitzhaltung (Arsch tief, Beine nach vorne) dazu, dass man ganz automatisch in einen anderen Fahrmodus umschaltet. Die Rahmensymmetrie legt defensives und entspanntes Fahrverhalten geradezu nahe. Die lange Bauart verursacht keinerlei Probleme. Lenker und Pedale sind ohne irgendwelche Verrenkungen oder unnatürliche Dehnungen zu erreichen, und man kommt sich (zumindest selbst) nicht vor wie der sprichwörtliche Affe auf dem Schleifstein. Zu beachten ist, dass man in den Kurven die Tretkurbel in die Horizontale bringt. Sonst schleifen aufgrund der geringen Bodenfreiheit schon mal die Pedale auf der Straße. Außerdem lenkt sich das Bike, bedingt durch die dicken Reifen, etwas behäbiger als ein normales Fahrrad und reagiert allgemein träger. Wir fahren die Jülicher Straße runter und dann rüber ins Frankenberger Viertel und ernten an jeder Ecke bewundernde Blicke und wohlwollende bis euphorische Kommentare. Danach kann mir keiner mehr erzählen, dass es hier nicht auch um ein Ego-Ding geht.

3. Fazit: Ein Custombike zu fahren macht mächtig Spaß. Vor allem in einer Gruppe und wenn man eine Affinität zum Schrauben hat.

Die Raw Cruiser Rats sind für den Einstieg die beste Adresse in Aachen. Wer sie kennenlernen will, der geht einfach am ersten Mittwoch des Monats abends zu Homeburgers und stellt sich vor. Jenseits der Grenze, in den Niederlanden und Belgien, boomt die Szene. Auch dort kann man sich nach Clubs umsehen. Wer bereits entsprechend bereift ist, sollte sich den 26. August merken. Dann findet der dritte Rats Ride Aachen statt.
Eckhard Heck

Facebookseite der Raw Cruiser Rats:
www.facebook.com/RawCruiserRats

Facebookseite von zwei der Rats, die demnächst ein kleines Customizing-Business starten:
www.facebook.com/BikaholikBicycleCompany

Anschaffungskosten

Einsteigermodelle sind ab 300 Euro zu haben. Man bekommt dafür einen soliden Rahmen mit allem dran, was es für die Fahrtüchtigkeit braucht. Der Einstieg ist also finanzierbar, aber dann fängt der Spaß für den Aficionado natürlich gerade erst an, denn es geht ja darum, ein unverwechselbares Gefährt sein eigen zu nennen. Der Stolz des Besitzers steigt in der Regel in dem Maße, in dem ein Bike vom Basismodell abweicht.

Custom Culture

Beim Customizing geht darum, Serienmodelle technisch und optisch aufzuwerten und nach den eigenen Vorstellungen zu verändern. Anfangs eine Leidenschaft und aus der kalifornischen Hot-Rod-Szene hervorgehend, entwickelte sich in den 1960er Jahren eine ganze Bewegung, die Custom Culture. Als einer ihrer Urväter gilt der Fahrzeugkonstrukteur Ed Roth, der auch das beliebteste Maskottchen der Szene, die grantige Ratte Rat Fink, erfunden hat.

zurück Roadkill – Aufzeichnungen eines Untrainierten
weiter Glörfelds kurzer Prozess – Juli 2017