Vom Laufrad zum Hightech-Sprinter: eine Miniaturgeschichte des Fahrrads

Die Draisine

War der indonesische Vulkan Tambora an der Erfindung des Fahrrads maßgeblich beteiligt, wenn nicht sogar der Auslöser? Gesichert ist jedenfalls, dass sich durch den massiven Ausbruch im Jahre 1815, bei dem rund 150 Kubikkilometer Staub und Asche in die Atmosphäre geschleudert wurden, das weltweite Klima über Jahre abgekühlt hat. Die Folge war das sogenannte Jahr ohne Sonne 1816 mit Ernteausfällen und Hungersnöten. Die Futtervorräte gingen 1816/1817 ebenfalls massiv zurück, was ein Pferdesterben nach sich zog.

Europa kurz nach der napoleonischen Ära war ein Kontinent, in dem das Pferd das Transportmittel Nummer 1 war. Und weil Not bekanntlich erfinderisch macht, kommt hier Karl von Drais, ein Forstbeamter, ins Spiel. Er hatte bereits Ende 1813 einen „Wagen ohne Pferde“ zum Patent angemeldet, mit vier Rädern und einer Kurbel als Antrieb. Doch trotz eines Gutachtens, das Großherzog Karl Ludwig in Auftrag gab, und einer Vorführung beim Wiener Kongress war dem Gerät kein Erfolg beschieden. Drais baute bis 1817 an einer einspurigen Version mit zwei Rädern, die dann am 12. Juni Premiere hatte – die Geburtsstunde des Fahrrads. Das neue Fahrgerät basierte auf einer lenkbaren Vorderachse und einem Sattel in der Mitte einer horizontalen Achse. Angetrieben wurde es durch abwechselndes Abstoßen der Füße vom Boden. So erreichte die Draisine immerhin eine maximale Geschwindigkeit von 15 Kilometern pro Stunde. Während das Fahrzeug allerdings in den deutschen Ländern nur als Postfahrzeug zum Einsatz kam und sich darüber hinaus nicht durchsetzen konnte, stieß es im angelsächsischen Raum als „Hobbyhorse“ auf wesentlich größere Resonanz.

Der Pedalantrieb

Die Erfindung des Pedalantriebs beim Zweirad war vermutlich 1861. Der Franzose Pierre Michaux erhielt eine Draisine zur Reparatur. Sein Sohn, der sie nach Instandsetzung zum Besitzer zurückbrachte, klagte darüber, dass das Fortbewegen über lange Strecken ermüdend sei, und schlug vor, das Gefährt ähnlich wie einen Schleifstein mit einem Tretlager auszustatten. Nach diversen Experimenten entwickelte der Vater schließlich eine Version mit Pedalen an einer Tretkurbel direkt am Vorderrad. Während der Weltausstellung 1867 in Paris wurden zwei Exemplare dieses Vélocipède vorgeführt und erfreuten sich großen Zuspruchs.

Das Hochrad

Während die Draisine zumindest von den groben Proportionen einem modernen Fahrrad entfernt ähnelt, gab es zunächst noch eine andere Form des Rads, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus dem Velocipèd, das erstmals Pedalantrieb hatte, entwickelt wurde. Es besaß zwei unterschiedlich große Räder – ein hohes Vorderrad und ein kleines Hinterrad. Der Zweck des hohen Rads war eine bessere Kraftübertragung und dadurch eine höhere Geschwindigkeit. Da der Fahrer jedoch über dem Rad saß, gestalteten sich der Auf- und Abstieg recht mühselig und die Unfallgefahr war beträchtlich höher, schwere Unfallfolgen inklusive. Nach einem Produktionsengpass aufgrund des Deutsch-Französischen Krieges 1870/1871 wurde es weitgehend vom sogenannten Sicherheitsfahrrad abgelöst.

Das Sicherheitsfahrrad

Ende der 1870er Jahre wurden vermehrt Fahrräder konstruiert, bei denen sich der Schwerpunkt des Fahrers nach hinten zwischen die Räder, die nun wieder gleich groß waren, verlagerte. Voraussetzung dafür war ein funktionierender Kettenantrieb. Nachdem sich der Reifen als Standard durchgesetzt hatte, wurde auch der ursprüngliche Schnelligkeitsvorteil des Hochrads wieder wettgemacht. Der charakteristische rautenförmige Rahmen setzte sich durch, und wie die Illustration unten links aus dem Jahre 1895 zeigt, änderte sich die Anatomie des Fahrrads seitdem nicht mehr grundlegend.

Die Reifen

Nachdem die ersten Versionen eines menschengetriebenen Zweirads wegen der mangelnden, sprich nicht vorhandenen Federung etwas despektierlich als Bone Shaker, also Knochenschüttler, bezeichnet wurden, kam die Wende zu mehr Fahrkomfort mit der Erfindung des luftbefüllten Reifens aus Gummi durch den Briten John Boyd Dunlop. Eigentlich Tierarzt von Beruf operierte er in seiner Praxis häufiger mit Gegenständen aus Kautschuk und machte sich Gedanken über Einsatzzwecke für dieses Material. 1887 konstruierte Dunlop im Alter von 47 Jahren seinen ersten luftbefüllten Gummireifen, zunächst umwickelt mit Stoffstreifen aus einem Kleid seiner Frau. Die Legende besagt, dass sich Dunlop über den Lärm des Dreirads von seinem Sohn geärgert haben soll. Und so absolvierte Dunlop junior im Jahre 1888 die erste Probefahrt eines bereiften Fahrzeugs. Dunlop fertigte eine kleine Auflage von 50 Stück der Reifen an und wollte seine Erfindung einige Monate später zum Patent anmelden. Allerdings war schon 40 Jahre zuvor von seinem schottischen Landsmann Robert William Thomson eine ähnliche Erfindung patentiert worden, hatte sich aber nicht durchsetzen können und das Patent lief aus. So konnten auch Konkurrenten die Idee von Dunlop aufgreifen und vermarkten.

1891 gelang dem Franzosen Édouard Michelin mit der Erfindung eines Luftreifens mit Schlauch der wirtschaftliche Durchbruch. Innerhalb weniger Jahre wurde Michelin zum Marktführer im Geschäft mit Fahrradreifen. 1894 wurde das Konzept für Autoreifen adaptiert. Édouard Michelin ist auch der Erfinder von Bibendum, dem berühmten rundlich-bereiften Michelinmann.

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