Sie war 13 Jahre alt und „kannte nicht mal das Vaterunser“, erzählt Dr. Werner Tschacher, der zum Thema Hexenverfolgung promoviert hat und nächste Woche in Zuge der Reformationsausstellung zu einem Vortrag ins Centre Charlemagne kommt.

Als sie von jesuitischen Seelsorgern befragt und vielleicht auch vom Scharfrichter gefoltert wurde, gab sie sich offenbar störrisch und bereitete „viel Mühe“. Vermutlich, weil sie – der schwarzen Magie angeklagt – nicht gestehen wollte, wurde sie bei lebendigem Leibe verbrannt. Die Rede ist von einem namenlosen 13-jährigen Mädchen, das in Aachen 1649 als letzte Hexe auf den Scheiterhaufen geworfen wurde. Was sie verbrochen hat und welchen Zauber sie vollzogen haben soll, ist nicht überliefert. Bekannt ist nur, dass sie zu einer „vagabundierenden Sippschaft“ gehörte und „ruchlose Eltern“ hatte. Vielleicht ging es um Mord, vielleicht um den Verkauf von Zaubermitteln, vielleicht um die Angst vor Fremden.
Ihre Familie fand bereits vor ihr den Tod: Ihr Vater und ihre fünf Brüder waren im Umland gerädert worden, ihre Mutter auf der Flucht erschossen. Ein Jesuitenpater hat den Fall dokumentiert, waren doch die Jesuiten zuständig, sich um die Seelsorge der Verurteilten zu kümmern. So wird lobend hervorgehoben, dass die Priester erfolgreich eine Belehrung des wegen des Lebenswandels ihrer Eltern in religiösen Dingen unwissenden Mädchens erreicht hatten. Als sie sich bei der letzten Anhörung reuig zeigt, Christus zitiert, das letzte Frühstück vor ihrer Hinrichtung verweigert und bittere Tränen vergießt, rührt sie durchaus die Augenzeugen, kann ihr Schicksal aber nicht abwenden.

Das Mädchen ist das siebte dokumentierte Todesopfer von insgesamt 11 niedergeschriebenen Hexenprozessen in Aachen, die sich zwischen 1598 und 1649 ereignet haben. Eine relativ geringe Zahl, wenn man bedenkt, dass während der europäischen Hexenverfolgung 50-60.000 Menschen hingerichtet wurden. Nicht auszuschließen ist, dass es auch in Aachen weitere Opfer gab, sind doch die meisten Unterlagen aus der Zeit im Jahre 1656 beim großen Stadtbrand vernichtet worden.

Privatdozent Dr. Werner Tschacher, der in Aachen promoviert hat, bis 2015 Kurator am Centre Charlemagne war und heute an der Uni Köln ist, hat Zeugnisse dieser Zeit zusammengetragen.
So existieren beispielsweise Dokumente, die die Verbrennung auf dem Scheiterhaufen als kostspielige Hinrichtungsart ausweisen. Es entstanden erhebliche Material-, Dienstleistungs-, und Transportkosten, die aufgebracht werden mussten. Dokumentiert wurde alles, bis hin zum verköstigten Wein, der allen an der Hinrichtung Beteiligten zustand.
Das Vermögen der wegen Hexerei Verurteilten wurde in der Regel vom Stadtrat konfisziert, ein Drittel erhielt der Denunziant. Zu den wenigen wohlhabenden Opfern der Hexenverfolgungen in Aachen gehört Katharina von Thenen.

Angeklagt wurden die Frauen laut Tschacher beispielsweise wegen Schadenszauber, böse Magie, Liebeszauber und Teufelspakt. Wurde eine Ernte durch Hagel zerstört, konnte dies der seltsamen Nachbarin zugesprochen werden, die bestimmt einen Pakt mit dem Teufel hatte. Verliebte sich ein Ehemann in eine andere Frau, hatte diese ihn verhext – es gab viele Gründe Frauen (und Männer) an den Pranger zu stellen. In Aachen kamen sie in den Kerker ins Grashaus oder in die Acht, das Gerichtsgebäude auf dem Katschhof. Hier wurden sie der „peinlichen Befragung“ – der Folter – unterzogen, bis sie ihre Sünden gestanden. Wer unter der Folter gestand, die als legales Beweismittel galt, war verloren und wurde in der Regel bei lebendigem Leibe verbrannt, in einige Fällen auch vor der Verbrennung in einer Art Gnadenerweis enthauptet. Manche Frauen wurden, meist aus unbekannten Gründen oder weil sie nicht gestanden hatten, nicht hingerichtet, sondern nach ihrer öffentlichen Auspeitschung aus der Stadt gejagt: ein soziales Todesurteil.
Aus der Stadt ging es über die Königstraße und Maastrichter Straße zum Hexenberg. Dort über der Stadt wurden die Hinrichtungen ausgeführt. Der Begriff „Muffeter Weg“ stammt auch noch aus dieser Zeit, weil dort eine modrige Luft wegen der Leichen herrschte.
Heute steht auf dem Hexenberg – der immer noch diesen Namen trägt – eine Gedenktafel zur Erinnerung an die hingerichteten Frauen. Einem Ersuch diese zu rehabilitieren ist die Stadt Aachen im Jahr 2010 nicht nachgekommen.

Dr. Werner Tschacher kommt am 13.07.2017 um 18:00 Uhr nach Aachen.
Er rekonstruiert in seinem Vortrag „Hexenverfolgungen im Zeitalter der Reformation und Gegenreformation. Die Prozesse in der Reichsstadt Aachen und ihr Kontext“ die Abläufe und Hintergründe der Prozesse vor dem „Königlichen Schöffengericht zu Aachen“, die in die Zeit der Aachener Religionswirren (um 1530 bis 1614) und der Gegenreformation fielen. In diesem Zusammenhang soll die Frage beleuchtet werden, was über die Opfer und ihre Verfolger gesagt werden kann und ob möglicherweise konfessionelle Konflikte den Hintergrund für die Aachener Hexenprozesse gebildet haben könnten.

Abbildung oben: Blick auf den Katschhof, in der Bildmitte von rechts auf den Platz hineinragend die „Acht“, nachbearbeitete Darstellung im Skizzenbuch Albrecht Dürers, 1520. Bilder unten: Gedenktafel am Hexenberg, Fotos Birgit Franchy

zurück Die Erfindung der Wahrheit
weiter Paris kann warten