Die Website „Back in Time“ präsentiert faszinierende Postkartenmotive von Gebäuden der sozialen Architektur in Belgien

Etienne Vercouter aus Brüssel sammelt Postkarten mit Architekturaufnahmen von Ferieneinrichtungen, Kinderheimen, Krankenhäusern, Sanatorien, Hotels und Schwimmbädern. Viele der Gebäude existieren heute nicht mehr. Über 1.000 Motive von rund 40 Locations haben mittlerweile den Weg auf seine Website „Back in Time“ gefunden, die er seit 2008 betreibt. Eine beeindruckende Bildersammlung von Bauten, die größtenteils in den 1930er bis 1950er Jahren entstanden sind. Wir haben mit Etienne über seine Motivation, Architekturstile und die Rückseiten der Karten gesprochen.

MOVIE: Wie hast du dieses sehr spezielle Feld der Architektur, die soziale Architektur, entdeckt?
Etienne Vercouter: Meine Leidenschaft für Architektur im Allgemeinen erwachte vermutlich Ende der 70er, als ich als Teenager alle verlassenenen Gebäude besuchte, die ich fand, sozusagen als früher Urban Explorer, der seiner Zeit voraus war. 😉 1987 entdeckte ich ein Foto vom Sanatorium in Tombeek (→ Abbildung 04) in einem Buch, das sich mit belgischer Architektur beschäftigte. Total fasziniert von diesem riesigen Kreuzfahrtschiff, das in einer friedlichen Landschaft ankerte, machte ich mich dorthin auf und gab mich als Sohn eines Patienten aus, um hineinzugelangen.
Ich nahm die Gelegenheit wahr, es rauf und runter zu erkunden, und ich kam gerade noch rechtzeitig, denn zwei Monate später schloss es endgültig seine Pforten. Danach war es zu 25 Jahren Vernachlässigung und Vandalismus verurteilt. Es war dieses traurige Schicksal, das mich dazu brachte, mich leidenschaftlich für Gebäude mit einer sozialen Berufung, die oft genug das gleiche Schicksal erlitten, zu interessieren.

Warum teilst du diese Fotos nur in Form von Postkarten? Und woher stammen sie?
Gute Frage. Kurz nachdem ich das Sanatorium von Tombeek besucht hatte, stieß ich bei eBay zufällig auf ein Paket von 25 Postkarten und zwei Broschüren. Ich kaufte sie und, davon angefixt, fing ich an, das Gleiche mit allen anderen Gebäuden zu machen, die ich entdeckt und/oder besucht hatte. Der Online-Kauf (RIP Yezz, RIP Kapaza, SecondeMain, Delcampe etc.) ist bis heute meine Haupt-Nachschubquelle. 2008 war ich es leid, immer nur aktuelle Fotos von vandalisierten Gebäuden im Internet zu sehen, und ich beschloss, die Gebäude „vor dem Anfang des Endes“ zu zeigen und meine Schätzchen online zu teilen. Das Schwierige dabei war, dass Poster, Bücher, Broschüren, Presse-Artikel, Videos oder Postkarten nicht gleichermaßen auf einem großen Computermonitor funktionierten wie auf einem Smartphone, also suchte ich nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner und entschied mich für eine reine Postkarten-Website.

Es ist sehr bemerkenswert, wie viele Motive von einer einzigen Location produziert worden sind. Gab es eine Zeit, in der besonders viele Karten gedruckt wurden?
Es ist in der Tat erstaunlich für die Internetgeneration, anzunehmen, dass Postkarten nur sehr bekannte Touristenorte zeigen oder kleine Kätzchen als Puppe verkleidet. Ganz im Gegenteil, man kann sagen, dass sie quasi die Attachments der Tweets oder Facebook-Posts ihrer Zeit waren. Darüber hinaus erreichten sie ihren Höhepunkt während des Ersten Weltkriegs. Zusätzlich zu den Massenpostkarten arbeiteten viele Postkartenverlage auch für private Kunden und Firmen, deswegen gibt es so viele Serien, die sich einzelnen Freizeit- und Ferienanlagen, Kinderheimen, Krankenhäusern usw. widmeten. Auf „Back in Time“ ist ein Fünftel der Karten in den 30ern gedruckt worden, während der überwiegende Anteil auf die Nachkriegsjahre bis Anfang der 80er entfällt.

Die meisten Gebäude wurden zwischen den 1930er und 1950er Jahren erbaut. Gibt es einen bestimmten Zusammenhang im Hinblick auf den architektonischen Stil? Was verbindet diese Gebäude?
Abgesehen vom Look and Feel sind die zeitgenössischen Gebäude oft die 2.0-Versionen ihrer Vorgänger. Die signifikantesten innovativen architektonischen Standards für die medizinischen Gebäude und Freitzeiteinrichtungen wurden Anfang der 30er definiert und konkretisiert. Das Sanatorium von Tombeek zum Beispiel war das erste, das zwei unterschiedliche „Verkehrszonen“ (Treppenhäuser, Korridore) bot, sodass die Kranken nie oder so wenig wie möglich mit den Nicht-Kranken in Berührung kamen. Die Schlafräume der Kinderheime sind seit dieser Zeit konsequenterweise satellitenförmig um das Hauptgebäude herum angeordnet, welches unter anderem als Speisesaal diente. In dieser Hinsicht bewundere ich die intelligente Gestaltung der Sitze im Heim RTT Oostduinkerke, die es ermöglicht, den Boden zu wischen, ohne stundenlang alle Stühle auf die Tische stellen zu müssen (→ Abbildung 11).

Was ist typisch belgisch an dieser Architektur? Siehst du Unterschiede im Vergleich etwa zu Frankreich, den Niederlanden oder Deutschland?
Ich habe das Gefühl, dass der Erste Weltkrieg neben einer allgemeinen Euphorie auch die regionalen und nationalen Eigenheiten der Architektur beendete. Die Entwicklung der Kommunikationsmittel steigerte den internationalen Austausch von technischen und ästhetischen Innovationen mittels Thinktanks wie etwa De Stijl oder Bauhaus. Nimm zum Beispiel das Sanatorium von Tombeek, das 1937 von Maxime Brunfaut erbaut wurde. Es ist eine fast identische Kopie des Sanatoriums von Paimio, das der finnische Architekt Alvar Aalto vier Jahre zuvor entworfen hatte. Die Unterschiede liegen im Detail. Man könnte sagen, dass es keine typische belgische Architektur gibt, aber typisch belgische Details in der Architektur.

Viele der Postkartenmotive zeigen Kinderheime, Sanatorien oder Kinderkrankenhäuser. Einige davon haben einen sehr surrealen Charakter, manche erinnern mich an das Sanatorium in Thomas Manns „Zauberberg“.
Welch reichhaltige Kultur! Dieser brillante Roman von Thomas Mann, der die Klassenunterschiede zwischen den bourgeoisen Bewohnern eines Sanatoriums nahe Davos herauskristallisierte, wurde 1924 veröffentlicht, zu einer Zeit, in der in Belgien die Forderungen der Arbeiter schließlich erhört wurden, was zur Schaffung von Kinderheimen und Sanatorien für die Unterprivilegierten führte. Abgesehen davon teile ich deinen Eindruck in gewisser Weise; viele Postkarten zeigen raue Lebensumstände und traurige Gesichter, die Mitleid für die Kinder, die dort gelebt haben, wecken.

Du kennst vermutlich die Website „Ugly Belgian Houses“. Denkst du, es wäre zutreffend, deine Seite als „Pretty Belgian Houses“ oder zumindest „Interesting Belgian Houses“ zu bezeichnen? 😉
Ich mag diese Website, der Autor ist begabt und hat, genau wie ich, einen sehr speziellen Zugang zur belgischen Architektur – lustiger als meiner, der eher traurig, weil nos-talgisch ist. Aber letztendlich – was für den einen schön ist, ist für den anderen hässlich und anders herum. Das Gleiche gilt für die Gebäude auf meiner Seite. Geschmäcker sind verschieden; ich denke aber, dass es vor allem auch eine Frage der Zeit ist: Der Jugendstil (1890–1910) musste bis in die 80er warten, um endlich anerkannt und geschützt zu werden, dasselbe gilt für den Modernismus (1920–1939) in den 90ern oder für den Expo-Stil (1950–1970), der bis ins 21. Jahrhundert warten musste, bis er Anerkennung und Respekt erhielt. Und, um deine Frage zu beantworten (danke für das versteckte Kompliment ;)), „Back in Time“ sagt perfekt, worum es geht, aber wenn du darauf bestehst, könnte man alle belgischen UrbEx-Websites als „We’re pretty Belgian Houses“ bezeichnen.

Wahrscheinlich sind die Rückseiten der Postkarten auch äußerst interessant. Wie viele der über 1.000 Karten, die du gesammelt hast, wurden tatsächlich als Postkarten verschickt? Und gibt es Anekdoten zu den Rückseiten zu erzählen?
Drei Viertel meiner Postkarten wurden versendet, und du hast recht: Was geschrieben wurde, lässt einen oft das Foto vergessen, das auf der Vorderseite abgedruckt wurde. Ich denke da an zwei gegensätzliche Beispiele: Eine Karte wurde Ende April 1941 von einer Frau gesendet, die ihren Mann warnte, sie werde ihren Aufenthalt am Meer abkürzen, um bald nach Hause zurückzukehren, weil „hier jeder sagt, dass bald der Krieg erklärt wird“. Eine andere Karte wurde 1942 von einem alten Baron, der im Hotel Le Grand Veneur (→ Abbildung 15) residierte, an eine Gräfin gesendet. Kein Wort über den Krieg, aber Beschwerden über Stromausfälle und die mittelmäßige Qualität des Fasans. Auf der anderen Seite berühren mich die Postkarten, die von Kindern an ihre Angehörigen gesendet wurden, am meisten. Ich meine dabei sowohl, was geschrieben wurde, als auch die Art und Weise. Bis Anfang der 60er wurden die Eltern mit „Vous“, also mit „Sie“ statt „Du“, angeredet, die Texte waren lang und ansprechend geschrieben, in einer dekorativen Handschrift und ohne den kleinsten Rechtschreibfehler. Danach wurden die Texte allmählich unentzifferbare Kritzeleien oder noch schlimmer – es gab gar keinen Text mehr, sondern nur noch die Unterschrift des Kindes!

Deine Kollektion wirkt wie ein Kompendium der sozialen Architektur seit den 1930er Jahren. Hast du Feedback von Architekten oder Verlagen erhalten?
Ich habe nie Feedback von Architekten der Gebäude erhalten – sie sind zu alt oder bereits verstorben –, aber ich bekomme regelmäßig Anfragen (denen ich immer positiv antworte) von Buchverlagen, TV-Produzenten, Ausstellungsmachern, Eigentümern der Gebäude, die kein Archiv mehr haben, oder auch von netten und neugierigen Journalisten wie euch. Ich erhalte manchmal Nachrichten von Leuten, die in den Einrichtungen, die auf meiner Website gezeigt werden, gearbeitet haben. Das ist sehr berührend, denn sie berichten mir von Erinnerungen und Anekdoten, nur um mir zu danken, weil sie Fotos ihrer alten Arbeitsstätte wiedergefunden haben.

Wie würdest die derzeitige zeitgenössische soziale Architektur in Belgien beschreiben, verglichen zu der von früher?
Die zeitgenössischen Standards in puncto Sicherheit, Umweltschutz und Stadtplanung wie auch der Kosten-Aspekt lassen wenig Spielraum für den Mut und die Risikobereitschaft, wie sie frühere Architekten praktizierten. Ich fühle demnach nicht sehr viel, wenn ich vor diesen neuen Gebäuden stehe. Auf der anderen Seite falle ich oft auf die geschickte Renovierung manch alter Gebäude herein, die neuen Techniken und Materialien ersticken sie nicht sondern geben ihnen eine Dosis Frischluft, die ihren ursprünglichen Geist wieder erscheinen lässt.

Über 1.000 Postkarten auf
www.backintime.be

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