Für das Daytripper-Spezial „Endstationen im AVV“ habe ich mir eine hübsche Endhaltestelle östlich von Aachen ausgesucht. Sie trägt den etwas morbide klingenden Namen Schevenhütte Helenasruh, und die Linie 1, die an Wochentagen stündlich und an Wochenenden zweistündlich zwischen Lintert und Schevenhütte verkehrt, bringt mich für schlanke 3,60 Euro hin. Vom Bushof aus dauert die Fahrt nominell eine Stunde und zehn Minuten, also besser vorher nochmal Pipi machen. Die 1 ist eine der drei Linien, die Stolberg bedienen, und erwartungsgemäß um die Mittagszeit proppenvoll. Die Stimmung ist etwas gereizt. Eine kleine, verkehrsbedingte Verspätung lässt offenbar einige befürchten, dass sie wichtige geschäftliche Termine nicht wahrnehmen können, und sie nesteln demonstrativ nervös an ihren Plastiktüten herum. Ich bewundere den Busfahrer, der sich davon wenig beeindrucken lässt. Möglicherweise setzt die ASEAG hier speziell geschultes Personal oder ausgesucht stressresistente Fahrer ein. In Stolberg wird es merklich leerer und in Mausbach sitzen außer mir nur noch ein paar weitere Figuren verstreut auf den Sitzbänken herum. An der Endstation bin ich der letzte Fahrgast. Bingo. Der Wehebach rauscht direkt an der Haltestelle unter einem Brückchen hindurch und ich lasse mich von dem romantischen Anblick dazu verleiten, meinen Rundgang hier zu beginnen.

Umgehend umfangen mich Ruhe und Abgeschiedenheit des Ortes. Außer mir ist hier heute kaum jemand unterwegs. Nach wenigen hundert Metern komme ich am ehemaligen Freibad Jägerbusch vorbei. Die Anlage wurde 1936 mit Hilfe des Reichsarbeitsdienstes gebaut. Das für die damaligen Verhältnisse hochmoderne Betonbecken hatte eine Länge von 70 Metern und eine Breite von 25 Metern, was für die Zeit ungewöhnlich groß war. Kurz nach dem Krieg wurde das Schwimmbad aus hygienischen Gründen geschlossen, 1952 wiedereröffnet und schon 1961 stillgelegt. Weitere Versuche, das Bad zu erhalten, scheiterten, da es sich in den 1970er Jahren als nicht mehr zeitgemäß erwies, und 1977 wurde der Badebetrieb endgültig eingestellt. Man kann heute noch sehen, wie hübsch es dort einmal gewesen sein muss. Zum Bad gehörte seinerzeit auch eine Gaststätte, die noch bis zum Beginn der 2000er Jahre weitergeführt wurde, bevor sie ebenfalls ihre Tore schließen musste.

Bis zur Talsperre ist es nicht mehr weit. Der 1983 errichtete Damm ist baulich weniger reizvoll als das, was man an manch anderer Talsperre in der Region zu sehen bekommt, da es sich mehr oder weniger „nur“ um einen Erdwall handelt. Einen Staudamm eben und keine Staumauer, die per se spektakulärer aussieht. Natürlich beeindruckt der Damm durch seine schiere Größe, und die unberührte Natur rund um den Stausee, die sicher zu jeder Jahreszeit ihren Reiz hat, lädt zu ausgedehnteren Wanderungen ein. Die Aussicht von der Dammkrone aus ist superb und der im See stehende Entnahmeturm aus Beton verleiht der Szenerie etwas Surreales. Großbauwerke sind einfach immer eine Reise wert.

Einige Schautafeln dokumentieren Bau und Funktion der Talsperre. Wer sich für Technik interessiert, kann sich hier schlaumachen. Ansonsten gibt es außer ein paar Bänken nicht viel, was zum Verweilen einlädt. Offenbar wird der Ort nicht so häufig frequentiert, dass sich ein Gastronomiebetrieb lohnen würde. Der Rundweg setzt sich auf der anderen Seite fort und wartet auf der nächsten Kuppe mit einer Überraschung auf. Dort informiert das Rheinische Landesmuseum Bonn darüber, dass man es bei den paar unscheinbaren Hügelchen, die sich kaum in der Landschaft abzeichnen, mit den Resten einer eisenzeitlichen Fliehburg zu tun hat, die in zwei Bauabschnitten um 500 v. Chr. errichtet wurde. Eine Fliehburg bestand in der Regel aus schlichten Erdwällen, hinter denen man sich verschanzen konnte. Manchmal wurden dort auch Vorräte für den Fall einer längeren Belagerung gebunkert. Offenbar hatten die hier ansässigen Bauern seinerzeit keine freundlichen Nachbarn oder Grund, sich vor anderem Pöbel zu schützen. Es geht weiter durch gepflegte Schonungen und ausgedehnte Waldstücke. Hier und dort tut sich eine Lichtung auf. Wunderbares Wandern fernab jeden Alltagstrubels.

Erst einige Kilometer weiter kreuzt man wieder die L 25 und kommt nach einem weiteren sehr aparten Stück Wanderweg an der Bushaltestelle Hotel Roeb aus. Das Hotel Roeb, das 1883 als Gaststätte eröffnet und 1885 in ein Hotel umgewandelt wurde, legte den Grundstein für den Fremdenverkehr in Schevenhütte, das um die Jahrhundertwende als Luftkurort bekannt und beliebt war. Zumindest legen Postkarten aus der Zeit diese Einschätzung nahe. Das Hotel firmiert seit 1983 unter dem Namen Wehebacher Hof. Wer mag, kann hier auch speisen. Ich laufe zurück zu Helenasruh, um mir nochmal die komplette Wanderung zu vergegenwärtigen, und stelle dort fest, dass ich einen Teil des Rundwegs ausgelassen habe, den ich jetzt noch schnell ablaufe. Nicht auszudenken, wenn ich den Bienenlehrpfad und den ehemaligen Schiefersteinbruch verpasst hätte!

Eine Infotafel weist darauf hin, dass der Betrieb im Steinbruch seit 2011 ruht, und erzählt die interessante Geschichte des lokalen Natursteins. In der Nähe entdecke ich weitere Schilder, die auf die geschichtsträchtige Vergangenheit des Ortes Schevenhütte hinweisen. Direkt gegenüber der Endhaltestelle steht beispielsweise das Haus Helenasruh, was auch den Namen der Haltestelle erklärt. Es handelte sich ursprünglich um ein Wohnhaus, das später eine Forststation und zeitweise eine Raststätte war, in der es eine Kegelbahn gab, die, wie seinerzeit üblich, aus gestampftem Lehm bestand. Neugierig geworden, laufe ich wieder in den Ort und finde weitere Schilder.

Jetzt hat es mich gepackt. In Schevenhütte, der Name deutet es an, wurde bereits im 15. Jahrhundert Eisen verhüttet. Bis zum beginnenden 19. Jahrhundert spielte Holzkohle bei der Eisenproduktion eine große Rolle. Der Anschluss des Rheinlands an Preußen (1815) und das damit verbundene Abwandern der Produktion ins erzreichere Ruhrgebiet sowie der technische Fortschritt (Einsatz von Koks und Dampfmaschinen bei der Verhüttung) führten schließlich zum Erliegen der hiesigen Produktion, auch wenn sich ein gewisser Tilman Joseph Esser vehement gegen den Trend stemmte und noch bis zu seinem Tod (1855) eine Gießerei in Schevenhütte betrieb. Sein Geburtshaus steht noch heute. Genau gegenüber befanden sich der „Hötteplei“ (Hüttenplatz) und der Hochofen von Schevenhütte. Neben weiteren historischen Gebäuden, die immerhin erhalten blieben und noch benutzt werden (sehenswert sind u. a. Haus Jülich sowie die St.-Joseph-Kirche und das St.-Joseph-Pfarrhaus), gibt es eine Reihe „toter“ Gaststätten aus späteren Jahren. Ich schieße eine Bildstrecke des Trauerspiels. Zwischendurch findet sich ein interessanter Hinweis auf die Rolle von Schevenhütte im Zweiten Weltkrieg, das kurzzeitig zum Frontdorf wurde, als sich eine Division der amerikanischen Armee hier festsetzte. Wochenlang erduldeten die US-Soldaten zusammen mit den Einheimischen, die sich dem Evakuierungsbefehl verweigert hatten, den Beschuss durch sich neu formierende deutsche Einheiten. Die Episode erinnert daran, dass wir uns hier direkt am nördlichen Rand des berüchtigten Hürtgenwalds befinden, der im Zweiten Weltkrieg so verlustreich umkämpft war wie kaum eine andere Region Westeuropas.

Die Zeiten des industriellen Aufschwungs und des relativen Wohlstands sind längst perdu, und während man in den 1920er Jahren und der Nachkriegszeit hier sicher noch vom Fremdenverkehrsboom träumte, scheint sich das heute mehr oder weniger erledigt zu haben. In der Ortsmitte hat sich der Imbiss „Schlemmerbud Schevhött“ auf durchfahrende Motorradtouristen spezialisiert (im Juli Betriebsferien!). Eine Tankstelle, einen Kiosk oder andere Einkaufsmöglichkeiten sucht man vergebens. Wer einen Tagesausflug plant, sollte sich also nicht auf die örtliche Gastronomie verlassen, sondern sich besser ein Picknick einpacken. Möglicherweise gibt es an der Peripherie noch das ein oder andere gastronomische Kleinod zu entdecken, aber vor Ort konnte man mir darüber keine Auskunft geben. Mit Butterbrot und Thermoskanne ist man zumindest erstmal auf der sicheren Seite.

Um es noch einmal mit einer Inschrift an St. Joseph zu sagen: Wanderer, verweile! Schevenhütte ist einen Ausflug wert (oder auch zwei) und dank der Verkehrsanbindung herrlich einfach und für fast kein Geld zu erreichen. Für mich ein guter Einstieg in das Endhaltestellenthema, der große Lust auf weitere Erkundungen dieser Art macht.

Kurzinfo zur Wehebachtalsperre bei eifel.info: www.eifel.info/a-wehebachtalsperre
Die „Geschichtsschilder“ in Schevenhütte im Überblick www.schevenhuette.com
Die Schlemmerbud: www.schlemmerbud.de

zurück Ein van der Ast kehrt heim
weiter Plattenteller: The Lost Tapes – s/t (LP)