Wie ich im falschen Ort landete, des angehenden Sportwagendiebstahls verdächtigt wurde und zum Glück nicht in den Bus kotzte

Eins mal vorweg: Ich wollte nicht nach Mariaweiler. Aber ich war dort. Wohin ich wollte, das war Morschenich. Dort bin ich allerdings nicht gewesen.

Und das kam so.
Oder sollte ich erst einmal erzählen, warum ich nach Morschenich wollte? Ich hatte mir gedacht, ich könnte meinen Ausflug zu einer Endstation des AVV nutzen, um in diesem kleinen Ort vorbeizuschauen, der dem Tagebau Hambach zum Opfer fallen soll. Ich wollte mir ein Bild davon machen, ob bereits alle Menschen umgesiedelt wurden und vielleicht auch noch einmal beim Hambacher Forst vorbeigehen. Ich hatte jedoch nicht geahnt, dass diese Endstation so weit am Ende liegt, dass sie dank meiner Planungsinkompetenz, was Reisen anbelangt (ja, 38 Kilometer sind eine „Reise“), für mich an diesem Samstag unerreichbar bleiben sollte.
Und das kam so.

Eigentlich wollte ich letzte Woche genau planen, wie ich meinen Samstagstrip nach Morschenich angehen wollte. Morschenich liegt ungefähr genau gegenüber der Ecke des Selfkants, den mein Kollege Eckhard Heck ansteuerte – ich dachte, das würde gut passen. Allerdings hatte ich keine Zeit, zu planen.
Ich wollte schon eine meiner netten Assistentinnen im Büro dafür einspannen – macht man das nicht so, dass man Dienstreisen vom Vorzimmer vorbereiten lässt? Aber ich wusste, dass auch hier zu viel zu tun war. Und so kam es, wie es kommen musste. Am besagten Tag war nichts vorbereitet und ich war schon später dran als gewollt. Also schnell die AVV-App herunterladen. Aber da ich ehrlich gesagt, seit Jahren keine App heruntergeladen habe, hatte ich natürlich das Passwort vergessen. Ok, kein Problem, es kann schließlich nicht so schwierig sein, einen gerade mal 38 Kilometer entfernten Ort zu erreichen, dachte ich und ging los Richtung Bahnhof. Den Zug muss ich wohl um eine Minute verpasst haben – jedenfalls durfte ich mir in der maximalen Wartezeit von 30 Minuten das Zeitschriftenangebot anschauen und eine Cola Zero kaufen. An der Kasse stellte ich fest, dass ich kein Geld mehr im Portemonnaie hatte. Ich kratzte das bisschen Restgeld zusammen, um zusammenzuzählen, dass mir genau drei Cent fehlten. So was von peinlich! Da mussten die armen Menschen hinter mir nicht nur warten, dass ich mein Kleingeld in Cent abzähle, nein, es fehlten auch noch drei! Ich musste die eingebuchte Flasche zurückgehen lassen. Und dann die Überraschung: Gleich drei Mitmenschen sprangen mir zu Hilfe! Die Kassiererin höchstpersönlich wollte mit ihrem Geld aushelfen, die Dame hinter mir bot sich an und der Mann mit Migrationshintergrund an der Kasse neben mir hatte auch direkt das fehlende Kleingeld zur Hand. „Die Menschlichkeit ist noch nicht verloren gegangen“ sagte er, als er mir die drei Cent reichte. Schließlich hatten wir sogar zwei Cent zu viel, die in den Spendentopf an der Kasse wanderten. Das war ja nochmal gut gegangen. Fröhlich ging die Reise weiter.

Bis Düren war es ein Katzensprung für 8,30 Euro. Schnell aus dem Bahnhof raus und in den nächsten Imbiss. Der Weg zur Sparkasse wurde mir gewiesen und ich lief schnellen Schrittes schnurstracks in die Dürener Nordstadt, vorbei an türkischem Imbiss, Gemüseläden mit riesigen Holzkisten mit Melonen und Krautköpfen davor, Barbierstube und anatolischem Kulturverein. Auf der Straße Frauen mit Kopftuch, Kinderwagen und Kleinkind an der Hand und viele Männergrüppchen, die sich die Zeit auf der Straße vertrieben. Ich fühlte mich wie im Türkeiurlaub, in dem ich noch nie gewesen bin.
Schnell zurück zum Bushof am Bahnhof, ich wollte nicht wieder alles verpassen. Es gelang mir nicht. Wartezeit bis zum nächsten Bus der Linie 209 rund 50 Minuten. Nach 30 Minuten erfuhr ich, dass ich auf der falschen Seite sitze, der Bus fahre im Kreis, ich solle auf der anderen Seite einsteigen. Ok, addierten sich noch einmal 30 Minuten dazu, zudem fährt dieser Bus nur noch bis Arnoldsweiler und nicht mehr bis Morschenich. Mir schwante langsam, dass man mich heute dort nicht mehr willkommen heißen wird. Ich war ja schon bereit, zu Fuß nach Arnoldsweiler zurückzulaufen, nun sollte ich also nicht mal mehr hinkommen. Die Challenge würde doch schwieriger werden als angenommen, und meine Endstation war einfach verlegt worden. Das gefiel mir gar nicht.
Zeit umzudisponieren.

Mein neuer Plan: einfach den erstbesten Bus nehmen und dorthin fahren, wo er mich hinbringt! Auch das war leichter gesagt als getan. Der erste Busfahrer hatte nicht vor, mich diese Idee umsetzen zu lassen. Er hielt zwar an und ließ hinten jemanden aussteigen. Mit seinen Kopfhörern auf den Ohren stierte er jedoch nur geradeaus und würdigte mich an der Vordertür keines Blickes. Die Türe blieb verschlossen, ich musste den Bus davonziehen lassen – wohin auch immer.
Einige Minuten später kam die nächste Chance. Der Bus hielt: „Wohin fahren sie?“ „Mariaweiler.“ „Dann bitte dahin, Endstation.“ Endlich geschafft. (Fahrkarte, 1,90 Euro.)

Vergessen hatte ich, warum ich Busfahren nicht mag. Es war heiß, stickig. Und muss man sich hier nicht anschnallen? Der Geruch nach heißem Kunststoff hing in der Luft, Kinder schrien sehr laut und der Bus wackelte sehr stark. Kurzum: Mir wurde schlecht. Ich erinnerte mich daran, wie ich einmal aus einem Bus aussteigen musste, um mich zu übergeben. Kein guter Gedanke in dieser Situation. Ich beschloss an dieser Stelle, aufzugeben und bei nächster Gelegenheit den Bus zu verlassen. Er hielt. Der Busfahrer lachte. Ich war inzwischen der einzige Fahrgast. Ich sagte: „Ist das die Endstation?“ „Ja“, sagte er, „aber wo wollen sie eigentlich hin?“ Das frage ich mich auch nicht selten. „Genau hierhin“, sagte ich „hier bin ich richtig. Fährt auch noch ein Bus zurück?“ „Ja. Einer.“

Ich hatte geplant, ein Foto von dem Bushäuschen zu machen. Es gibt keins. Ich schaute auf Google nach Sehenswürdigkeiten in Mariaweiler. Es gibt keine.
Von rechts näherte sich eine schwarz-weiße Katze. Na, das konnte ja heiter werden. Ich wollte zu einem Haus gehen, an dem wir vorbeigefahren waren und das einen Vorgarten hatte, in dem nur Steine lagen und ein paar Figuren standen.
Auf dem Weg kam ich an einem Haus vorbei, in dessen Vorgarten nur Steine lagen und keine Figuren standen. In der Mitte eine stachelige Palme, die hier nicht hingehörte, zwei Blumenkübel mit roten Blumen daneben. Ich verweilte kurz, überlegte, ob dies ein gutes Fotomotiv abgeben könnte und aus welchem Winkel, als ein Mann wild die Türe aufriss. „Sind Sie in mein Auto hineingefahren?“ „Nein“, sagte ich wahrheitsgemäß, „ich bin zu Fuß unterwegs, ich habe nur Ihren Vorgarten bewundert“. Ich hatte seinen gelben Sportwagen – welcher Marke auch immer, auf den er offensichtlich sehr stolz war – hinter mir natürlich bemerkt, dessen Fenster offen stand. Er ließ mich ziehen. Ich sah davon ab, die Kamera herauszuholen oder zu dem anderen Haus zurückzugehen. Wer weiß, was da für Autos standen, die mich nicht interessierten, ihre Eigentümer aber umso mehr. Ich ging um die nächste Ecke. Der Mann kam mir von vorne erneut entgegengelaufen: „Man hat Sie gesehen!“, warf er mir an den Kopf. „Zwei Menschen haben Sie gesehen, wie Sie den Kopf in mein Auto gesteckt haben! Meine Frau und mein Nachbar. Er hat sofort angerufen!“ „Ich habe den Kopf nicht in Ihr Auto gesteckt“, sagte ich wahrheitsgemäß. „Ich hatte schon mal Ärger!“, sagte der Mann. Das glaubte ich ihm aufs Wort. „Aber nicht mit mir“, sagte ich beschwichtigend. Was kommt als Nächstes?, dachte ich, die gerade einen Artikel zu den Hexenprozessen in Aachen geschrieben hatte. Werden sie mich an den Mariaweiler Pranger stellen? Sehe ich heute vielleicht wie jemand aus Rumänien aus – wo ich ja herkomme? Ich bekam ein schlechtes Gewissen. (Warum eigentlich?) Er scheint mir doch zu glauben und lässt mich ziehen.

Viel mehr lässt sich über Mariaweiler nicht sagen. Ich komme an weiteren Einfamilienhäusern vorbei, deren Eigentümer es nicht gerne zu grün werden lassen. Trotzdem zwitschern die Vögel. Es gibt einen Friedhof mit Gräbern von Kriegsgefallenen und einen Millennium Grill. Ich esse eine türkische Pizza mit Salat und kaufe mir Wasser für den Fußmarsch nach Düren. In der Zwischenzeit habe ich beschlossen, Mariaweiler vorzeitig zu verlassen und nicht die ganzen drei Stunden auszukosten, die mir die Wartezeit auf den nächsten und letzten Bus verschaffen würde.
In Richtung Ortsausgang komme ich an dem Hotel- und Tagungsgebäude Mariaweiler Hof aus den 90er Jahren vorbei, das mit einem futuristischen Aufbau in Rot überrascht.
Ich mache ein Foto und frage Eigentümer Jan Mayer, was sich in dem Aufbau verbirgt. Es sei ein gemütlicher Tagungsraum, erläutert er. Im Netz erhält das Hotel gute Kritiken, es wird bemängelt, dass es oft ausgebucht sei. Ich weiß nicht, von wem und was die Menschen hier machen, aber es sei ihnen auf jeden Fall gegönnt.
Auf meinem Weg die fünf bis sechs Kilometer zurück zum Bahnhof und durch eine Einfallstraße von Düren begegnen mir noch einige interessante Fotomotive. Ich bin froh, diese Gegend zu Fuß erkundet zu haben.

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