Michael Shermer, amerikanischer Wissenschaftshistoriker und Gründer der Skeptics Society, glaubt an die Selbsttäuschung als eine fest im Gehirn verwurzelte Überlebensfertigkeit. Die Wahrheit klingt aber auch oft wie ein schlechter Scherz. So ist es allzu menschlich, geradezu evolutionär bestimmt, eine Gewissheit, die man schwerlich akzeptieren kann, als Schabernack abzuspeichern, sich zu beruhigen und gleichzeitig eine ordentliche Dosis Dopamin freizusetzen. Tschakka!

Gottlieb Biedermann und sein Babettchen fügen sich geradezu beispielhaft dieser evolutionären Vorbestimmung. Plötzlich beherbergen sie zwei Brandstifter auf ihrem Dachboden, deren schonungslose Ehrlichkeit den Gastgebern gegenüber nicht zu Entsetzen, vielmehr zu hysterischen Spaßbekundungen bei denselben führt. Schließlich sind sie Gutmenschen, und Güte darf auch vor unbekannten Landstreichern nicht haltmachen. Nicht einmal dann, wenn die Gegend durch zahlreiche Brandstiftungen grau geworden ist. Nicht einmal dann, wenn besagte Landstreicher Benzinfässer auf dem Biedermannʼschen Dachboden lagern. Und dann auch noch diese Zündschnur; welch herrliche Spaßvögel!

Gewiss, die ganze Sache ist nicht völlig angstfrei, nicht ganz ohne Bedenken, dennoch rennen Babette und Gottlieb Hand in Hand und offenen Auges in ihr Verderben.
Annette Schmidt und Jochen Deuticke geben hervorragende Biedermänner ab. Ihr Spiel ist so überzeugend, dass man am liebsten aufspringen würde, um die beiden Geblendeten wachzurütteln. Selbsttäuschung ist kein Kinderspiel, sie erfordert mitunter immense Kraft und Ausdauer, eine Herausforderung, die Schmidt und Deuticke glänzend bewältigen.
Hätte Regisseur Matthias Fuhrmeister, wie es eigentlich seine Art ist, das Stück von dem starken Spiel des Ensembles leben lassen, wäre es eine gelungene Inszenierung geworden. Leider ist er in diesem Fall der trügerischen Pimp-up-Idee auf den Leim gegangen und hat dieses „Lehrstück ohne Lehre“, dessen Interpretationsmöglichkeiten schon manch Schüler und Gelehrte in die Verzweiflung trieben, mit unnötigen und kaum funktionierenden Comedy-Auswüchsen und diversen Musikeinlagen regelrecht zugeballert, die weder dem fabelhaften Humor noch dem tiefen Ernst dieses Dramas gerecht werden. Gottlob, dass Gottlieb samt seiner Babette und dem Rest der illustren Gesellschaft genug Augenschmaus liefern, um über dieses Manko, zumindest teilweise, hinwegzusehen.
Foto: Manfred Leuchter

Biedermann und die Brandstifter
Drama von Max Frisch, Theater K.
Inszenierung: Matthias Fuhrmeister

Fr, 14.07. | Sa, 15.07. | Sa, 22.07. | So, 23.07.
Im Herbst geht es weiter:
Mi, 06.09., 20:00 Uhr  | Fr, 08.09., 20:00 Uhr | So, 10.09., 18:00 Uhr | Fr, 15.09., 20:00 Uhr | Sa, 16.09., 20:00 Uhr | Do, 21.09., 20:00 Uhr

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