Eine Reise in den Selfkant und zum westlichsten Punkt Deutschland

Der AVV bringt mich für acht Euro und ein paar Gequetschte nach Geilenkirchen, wo ich Selfkantkenner Thomas K. treffe. Von der Bahn gehtʼs aufs Rad und in Richtung Nordwesten. Thomas hat die Tour im Groben vorher festgelegt und 40 Kilometer veranschlagt. Sportlich bei 28 Grad Hitze, aber was tut man nicht alles. Der Start ist unentspannt, denn wir müssen erst mal bergan, um aus dem Loch, in dem die Wurm-Metropole liegt, herauszukommen. Spätestens ab Gillrath aber ist die Landschaft flach wie ein Bügelbrett. Dort wartet eine der echten Attraktionen auf uns, die der Selfkant zu bieten hat: einer der beiden Endbahnhöfe der heutigen Selfkantbahn. Die etwa 5,5 Kilometer lange Strecke der Selfkantbahn ist der noch erhalten gebliebene Abschnitt einer im April 1900 in Betrieb genommenen Kleinbahnstrecke, die von Alsdorf bis Tüddern führte und knapp 38 Kilometer lang war. Sie trug den Namen Geilenkirchener Kreisbahn bzw. Geilenkirchener Kreisbahnen, da sie über zwei getrennte Streckenäste verfügte. Bahnsteig und Gleiswerk in Gillrath wurden minutiös restauriert. Man fühlt sich umgehend in das beginnende zwanzigste Jahrhundert versetzt. Wenn hier Bahnbetrieb ist (aus denkmalpflegerischen Gründen), ist die Illusion perfekt. Leider bewegt sich gerade gar nichts, als wir ankommen, und es gibt auch keinerlei rollendes Material zu besichtigen. Dafür werden wir gegen Ende der Tour in Schierwaldenrath entschädigt werden.

Von Gillrath aus geht es Richtung Gangelt und dort am Wildpark vorbei. Dieser ist nicht zu verwechseln mit dem ehemaligen Safaripark „Löwensafari und Freizeit-Park Tüddern“, der 1990 geschlossen wurde. Ein Besuch des Wildparks erscheint lohnenswert, muss aber auf ein anderes Mal verschoben werden, da wir möglichst viel vom Selfkant sehen wollen und erstmal unser wichtigstes Etappenziel, den westlichsten Punkt Deutschlands, ins Visier nehmen wollen. Wir lassen also Bisons, Bären und diverses Großwild hinter uns beziehungsweise radeln im Bogen darum herum und weiter in Richtung Tüddern.

Nach ein paar Kilometern unterqueren wir die ehemalige N 274, die heute L 410 heißt. Sie wurde im Zuge der Rückgabeverhandlungen, die 1957 begannen, als Transitstrecke angelegt, um den Bewohnern von Heerlen und Roermond eine direkte und zollfreie Durchfahrt durch das bald wieder deutsche Gebiet zu ermöglichen. Erst nachdem die Transitregelung durch die Schengener Abkommen im Wesentlichen gegenstandslos wurde, konnte die Strecke 2002 wieder ins deutsche Verkehrsnetz integriert werden und erhielt Anschlüsse an die umliegenden Ortschaften. Hier bietet sich an, über die staatspolitische Bedeutung des Selfkant nachzudenken. Im späten Mittelalter zum Herzogtum Jülich gehörend, fiel die Region 1794 an Frankreich und wurde nach 1815 Preussische Rheinprovinz. 1948 wurde das Gebiet als Faustpfand für geforderte Reparationszahlungen unter niederländische Auftragsverwaltung gestellt und war damit praktisch ein Teil der Niederlande. Seit genau 0:00 Uhr des 1. August 1963 schließlich gehört der Selfkant (und übrigens auch die Gemeinde Elten im Münsterland) wieder zu Deutschland, das dafür eine Ausgleichszahlung von 280 Millionen Gulden leistete (inflationsbereinigt wären das heute etwa eine halbe Milliarde Euro). Der Deal soll vor allem auf Initiative Konrad Adenauers zustande gekommen sein. Was sich im Vorfeld jenes ersten August ereignete, ging in die Geschichte des internationalen Schmuggels ein, nachzulesen bereits 1963 in einem Artikel im Spiegel (Link s. u.).

Bei Süsterseel beginnt der Selfkant. Wir passieren den Ort und das Tüdderner Fenn und reiten in Tüddern ein. In dem kleinen Ort gibt es weiter nichts Spektakuläres zu sehen außer einem Hofladen, der sich auf Blaubeeren spezialisiert hat. Also fahren wir gleich weiter nach Millen, wo eine über tausend Jahre alte Kirche steht. St. Nikolaus befindet sich mitten im Ortskern am Kirchplatz (wo sonst?) und wurde im 10. Jahrhundert errichtet.

Der ganze Ort wirkt auf angenehme Weise nostalgisch. Neben der Kirche ist eine Streuobstwiese, wo wir Rast unter einem Apfelbaum machen. Zum ersten Mal fällt mir auf, wie ruhig es hier ist. Auf der ganzen Fahrt sind uns bisher maximal vier Autos und sechs Menschen begegnet. Das nenne ich mal Entschleunigung. Wer hier lebt, erwartet vermutlich genau das. Und günstiges Bauland. Die Menschen wohnen hier und pendeln zum Arbeiten nach Sittard, Maastricht, Neuss oder Düsseldorf. Wir brechen auf in Richtung Isenbruch. Als wir dort ankommen, im westlichsten Ort Deutschlands, haben wir mehrfach die deutsch-niederländische Grenze überquert, was sich hier kaum vermeiden lässt. Oft bildet der Rodebach die Grenze, den wir hin und wieder kreuzen. Hier und da steht ein Grenzstein. Meist erkennt man aber erst an den Verkehrsschildern, dass man gerade mal wieder „rübergemacht“ hat.

Isenbruch wirbt nicht nur damit, der westlichste Ort Deutschlands zu sein, sondern zählt sich als Vertreterin des Selfkant auch zum sogenannten Zipfelbund. Diesem Bund gehören außerdem noch Görlitz, List auf Sylt und Oberstdorf an. Jede der vier Gemeinden markiert einen geographischen Eckpunkt der Republik.

Was „unseren“ Zipfel angeht: Schon auf den ersten Blick sieht man, dass sich hier gekümmert wird. Es gibt eine öffentliche Toilette (für Wagenladungen von Ausflüglern), zahlreiche Infotafeln, die in Wort und Bild Auskunft über den Ort geben, und einen recht hübschen Pavillon. Am allerallerwestlichsten Punkt, den eine rote Stange kennzeichnet, kann man gar in den Niederlanden sitzen, während die Füße noch in Deutschland baumeln. Toll!

Den meisten Besuchern hätte das vermutlich mehr als genügt. Und mal ehrlich: Es ist halt zufällig der westlichste Punkt. So what? Ein bisschen weniger Lametta hätte es auch getan. Doch leider hat es sich das Zipfelmarketing nicht nehmen lassen, einen über alle Maßen mit dem Begriff „Zipfel“ zuzuscheißen, und sich zu diesem Zweck einiges einfallen lassen. Beispielsweise den Zipfelpass. Um den zu bekommen, muss man eine Übernachtung in einem der Zipfelorte nachweisen. Zipfelstürmer darf sich nennen, wer alle vier Orte besucht, dort übernachtet und das innerhalb von vier Jahren bewerkstelligt. Na, fängt es schon an zu nerven? Ging mir auch so. Noch ein paar mehr oder weniger bedeutende Fakten dazu: Der Rekord im Bereisen aller vier Zipfelgemeinden wurde 2013 aufgestellt und liegt, inklusive einer Übernachtung, bei 80 Stunden. Der prominenteste Zipfelstürmer dürfte Jörg Kachelmann sein. Ihm wurde 2008 der „Preis der Deutschen Zipfel“ verliehen, also zwei Jahre bevor sein persönlicher Zipfel anderweitig (und offiziell zu Unrecht) in die Schlagzeilen geriet. Am Tag der Deutschen Einheit treten die vier Gemeinden gemeinsam als 17. Bundesland auf. Jeder Zipfelstürmer erhält ein Geschenk. Der Selfkant spendiert beispielsweise niederländische Holzschuhe! Danke, wir verzichten. Wir möchten hier weder übernachten noch verweilen.

Im naiven Glauben, dass wir uns hinter Isenbruch mit frischen Getränken eindecken können, steigen wir wieder in den Sattel. Nach vier Orten ohne Kiosk, Tankstelle oder Supermarkt gehen wir auf dem Zahnfleisch. Dabei soll hier irgendwo der umsatzstärkste Aldi westlich des Rheins stehen. Wir sehen ihn nicht. Wie so vieles, was hinter den Mais- und Getreidefeldern verborgen sein mag. Schließlich rettet uns eine Minitankstelle in Saeffelen das Leben und ein paar Kilometer weiter erreichen wir Gangelt-Breberen und die Breberer Mühle. Sie liegt an der sogenannten Mühlenroute und ist eine von vier noch vollständig erhaltenen Mühlen in der Region. Normalerweise werden hier Führungen nur samstags oder außer der Reihe für Gruppen angeboten. Wir haben Glück, denn es ist auch ausnahmsweise freitags jemand vom Mühlenverein vor Ort und wir bekommen eine kleine Privatführung.
Der Rückweg nach Geilenkirchen ist von hier aus ein Klacks. Wir stoppen nochmal kurz in Schierwaldenrath, dem anderen Endpunkt der Selfkantbahn. Dort stehen etliche historische Waggons, die es zu bewundern gilt, und es laufen ein paar Mechaniker palavernd herum. Offenbar gab es ein bisschen Rumgefahre und als Mann weiß man ja, wie aufregend es ist, mit Zügen zu spielen. Am Schluss gehtʼs dann wieder hinab ins Wurmtal.

Bleibt festzuhalten, dass es im Selfkant tatsächlich nicht übermäßig viel zu sehen gibt, und das ist gut so. Wer ideale Bedingungen zum entspannten Radfahren sucht, ist hier genau richtig und mit ein bisschen Vorbereitung kann man sicher auch „Durststrecken“, wie wir sie erlebten, vermeiden. Auf meinem Daytripper-Programm stehen für die Zukunft auf jeden Fall die Mühlenroute und der nördliche Selfkant, den wir diesmal weitgehend ausgelassen haben.

Infos

Der Wildpark Gangelt und die ehemalige Löwensafari

Der Wildpark Gangelt wurde bereits 1969 eröffnet und hat im Gegensatz zur Löwensafari die Zeit überdauert. Auf einer Fläche von 50 Hektar gibt es neben Wildparkklassikern wie Luchs, Wolf, Bär & Co. auch Exotischeres wie Bisons und große Greifvögel zu sehen. Das sowie ein integrierter Abenteuerspielplatz und ein Kinderzoo prädestinieren den Park als Ausflugsziel für Familien. Die Eintrittspreise sind moderat (Familienkarte 22,50 Euro). Alle relevanten Informationen zur Anfahrt und zu den Öffnungszeiten findet man auf www.wildpark-gangelt.com.'Der Safaripark „Löwensafari und Freizeit-Park Tüddern“ wurde 1968 eröffnet. Von den ursprünglich geplanten 70 Hektar wurden seinerzeit nur 35 Hektar umgesetzt. Aufgrund des wirtschaftlichen Misserfolgs wurde der Park 1990 geschlossen. Heute sieht man leider nichts mehr davon. Die Geschichte des Parks und schöne Fotos findet man auf der Webseite der ZOOAG Bielefeld

Die Turmwindmühle in Gangelt-Breberen

Die Mühle, die heute als Museumsmühle betrieben wird, wurde 1842 erbaut und nahezu einhundert Jahre lang als Getreidemühle betrieben. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem sie schwer beschädigt wurde, setzte man sie wieder instand und tauschte die mit Segeltuch bespannten Flügel gegen sogenannte Ventikantenflügel aus Metall aus, die eine optimalere Windausnutzung ermöglichten.
Besichtigungstermine und alles Wissenswerte, auch zur Mühlenroute, findet man auf der Webseite des Vereins Historische Mühlen im Selfkant e. V. unter www.muehlenverein-selfkant.de

Schmuggeln mer ma

Die Tatsache, dass am 1. August 1963 im Selfkant die Grenze zwischen Deutschland und den Niederlanden praktisch über Nacht verschwand, führte im Vorfeld zu regen Aktivitäten. Viele Geschäftsleute horteten auf niederländischer Seite wochenlang Waren in Schuppen und Garagen, um sie dann zollfrei nach Deutschland zu überführen, ohne sie auch nur einen Zentimeter bewegen zu müssen. Die ganze Geschichte in einem Artikel des Spiegel vom 14.08.1963.

Infos zur AVV

Mit dem Bus an den westlichsten Punkt Deutschlands oder mit dem Fahrradbus in die Region starten.
Wer sich lediglich für den Westzipfel interessiert, der kann mit den Linien 436 oder 438 die Endhaltestelle Isenbruch Rodebachaue anfahren. Außerdem hält der AVV eine Webseite mit Tourentipps bereit, deren Ausgangsorte jeden Samstag sowie Sonn- und Feiertag vom 8. April bis 5. November mit dem Fahrradbus angefahren werden können. Die Webdresse lautet www.avv.de/de/freizeit/rund-ums-rad/tourentipps. Dort ist auch ein 34 Kilometer lange Tour durch den Selfkant verzeichnet.

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