Er ist noch da. Zumindest die Erdaufschüttung, die einmal die legendäre Tribüne des Würselener Walls befestigte, und eine einsame Treppe nach oben. Und er ist zwischen die Fronten geraten, denn mindestens drei Gruppen wollen ihn für sich beanspruchen. Für die Anwohner des hochpreisigen Wohngebietes „Alter Tivoli“ bietet er einen Lärmschutz zu Stadion und Autobahn, für die Stadt soll er weiteren lukrativen Baugrund hergeben und die Gruppe „Kulturgut Tivoli erhalten“, die von Aktivisten der Karlsbande Ultras gegründet wurde, setzt sich für den Erhalt von Wall und Treppe ein und möchte diese unter Denkmalschutz stellen lassen. Was ist da los?

Die Rangeleien um den Würselener Wall laufen nicht erst seit gestern. Während die anderen Baugrundstücke auf dem Gelände des alten Tivoli nach dem Abriss 2012 heiß begehrt waren, zieht sich der Verkauf der Wallgrundstücke hin. Vier Terrassenhäuser im Hang auf 600 qm großen Grundstücken waren geplant, die sich aber mit Problemen wie fehlenden Fenstern auf der Rückseite und hohen Kosten als nicht so attraktiv herausstellten. So sollten die Abtragung des Walls und der spätere Wiederaufbau auf die Käufer umgelegt werden. Die Bebauung des Areals, auf dem der alte Tivoli stand, mit Einfamilienhäusern und kleineren Wohneinheiten, Supermarkt, Kindergarten, Hotel und Gewerbeeinheiten ist abgeschlossen, der Wall rottet auch heute noch langsam vor sich hin und passt nicht wirklich ins Bild des schicken Wohngebiets, das gerade erst neue Grünanlagen und einen Alemannia-schwarz-gelben Spielplatz für insgesamt 433.000 Euro erhalten hat.

Aufgeschreckt wurden die Anwohner, als neue Bauanträge für Terrassenhäuser im Wall gestellt wurden, die nicht mehr als Einfamilienhäuser, sondern als Dreifamilienhäuser geplant waren. Im Internet wurden die Wohnungen bereits zum Kauf angeboten – mit Preisen ab 595.000 bis 649.000 Euro für ca. 131 qm große Wohnungen nicht gerade Schnäppchen. Baubeginn sollte im Frühjahr 2017 sein – die Anwohner wurden am 22. Februar von einer „Bauherrengemeinschaft Würselener Wall“ darüber informiert, dass „voraussichtlich Anfang Mai 2017“ die eigentlichen Baumaßnahmen beginnen würden. Doch die Angebote sind inzwischen aus dem Netz verschwunden und passiert ist: nichts. Vielleicht liegt das daran, dass die Anwohner, die sich inzwischen zu einer Interessengruppe zusammengeschlossen haben, von ihrem Recht Gebrauch gemacht haben, Einsicht in die Akten zu nehmen und Einspruch zu erheben. Bemängelt werden gleich acht Punkte, die sich nicht an den Bebauungsplan halten würden, wie zum Bespiel ein jetzt deutlich niedriger geplanter Wall. In ihrem Brief vom 12. März 2017 an die Stadt, Oberbürgermeister und Architekten erbittet die Anwohnergruppe eine Rückmeldung bis zum 21. März. 2017. Eine Antwort erhalten haben sie bis heute nicht. Sollte gegen ihren Einwand mit dem Bau begonnen werden, behält sich die Gruppe rechtliche Schritte vor und hat das in ihrem Schreiben an die Stadt bereits deutlich gemacht.

Ihnen liegt auch daran, das Thema schnell abschließend zu klären, schließlich könnte dann auch der Wall einmal in eine annehmbare Form gebracht werden. Ein kompletter Erhalt – samt Treppe – ist den Anwohnern durchaus recht, auch wenn sich dort immer wieder Jugendliche treffen und sich so benehmen, wie Jugendliche sich eben benehmen. Ein Anwohner, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will: „Jugendliche treffen sich doch sowieso hier, ob nun mit Treppe oder ohne. Wenn die Treppe weg ist, dann eben auf den Bänken oder auf dem Wall.“

 

Das Presseamt der Stadt Aachen, am 17. August 2017 dazu befragt, ob sich der Würselener Wall in akuter Gefahr befinde, antwortet: „Der derzeitige Zustand, zum Teil z. B. noch mit den alten Treppenruinen, ist keiner, der in dieser Form belassen wird.“ Zum aktuellen Stand heißt es: Die dortigen Grundstücke sollen für Wohnbebauung verkauft werden. Es gebe Interessenten und das entsprechende Verfahren laufe. Man gehe davon aus, „dass womöglich noch in diesem Jahr mit der Bebauung begonnen wird“. Durch die Baumaßnahmen würde der Wall in Teilen abgetragen. Es sei geplant, die Grünflächen des Würselener Walls später wieder anzupassen. Der Wall würde dann, allerdings mit einer etwa einen Meter geringeren Höhe, als Grünfläche für das Wohngebiet „Alter Tivoli“ gestaltet.

Was nach Abschluss der Bauarbeiten mit dem Wall geplant ist, hört sich im Grunde recht attraktiv an: Da ist von einem neuen, beleuchteten und barrierefreien Weg hinter dem Wall in Richtung Emmastraße die Rede, den Fitnessgeräte säumen sollen. Eine neue Hangrutsche könnte vom Wall herunterführen und eine Tischtennisplatte soll aufgestellt werden. Zudem ist eine lichte Bepflanzung geplant und die Böschung soll mit einer Blühwiese eingesät werden. Alles durchaus im Sinne der Anwohner, wenn da nur die Terrassenhäuser nicht wären, die den Wall deutlich verkleinern würden und zudem viel höher gebaut werden sollen, als ursprünglich vorgesehen.

Mai 2009: Das letzte Spiel auf dem alten Tivoli. Abschied vom Würselener Wall. Foto: Carolus Ludovicus

Ganz gegen den Abriss ist die Gruppe „Kulturgut Tivoli erhalten“ aus dem Dunstkreis der Karlsbande Ultras, die bisher nicht immer für positive Schlagzeilen gesorgt haben. Mit ihrer Tivoli-Rettungsaktion treffen sie jedoch den Nerv von Anwohnern, Alemannia- und Tivolifans gleichsam und haben schon für Aufmerksamkeit nicht nur in ganz Deutschland, sondern auch über die Landesgrenze hinweg gesorgt, wo sie von Fans aus Kerkrade unterstützt werden. Auf der Seite www.tivoli-erhalten.de/petition/ haben inzwischen über 1.090 Fans für den Erhalt des Würselener Walls gestimmt. Hierbei ist auch vorgesehen, die Treppe unter Denkmalschutz zu stellen. Die Seite erinnert an die Historie des Stadions, das seinen Ursprung im Jahre 1908 fand, als der Fußball gerade erst anfing populär zu werden. Am 03. Juni 1928 wurde das Stadion eingeweiht, der Würselener Wall entstand erst 1953. Gebaut wurde er teilweise auf Schutt aus dem zerstörten Aachen.

Wie soll nun die Zukunft von Wall und Treppe aussehen? Soll es ein nostalgisches Denkmal werden, wo Besucher vor einer Gedenktafel in Erinnerungen schwelgen, Anlaufstelle vor Alemanniaspielen mit Veranstaltungen und Vorträgen – so, wie es sich „Kulturgut Tivoli erhalten“ vorstellen kann?
Einen populären Unterstützer hat die Kampagne schon mit dem Aachener Stadtsportbund gefunden. Der Vorsitzende Björn Jansen schreibt am 04. August 2017: „Der Stadtsportbund Aachen unterstützt gerne das Bestreben von Aachener Sportbegeisterten, für den ehemaligen Würselener Wall der Kultstätte Tivoli ein Denkmal zu errichten … Auch nach dem offiziellen Abriss des Stadions im September 2011 und der Neubebauung sind der alte Tivoli sowie der Würselener Wall nach wie vor für viele Aachener bedeutsame Wahrzeichen.“

Der Abpfiff für das letzte Wahrzeichen der Aachener Kultstätte Tivoli ist also noch nicht erklungen. Es geht in die Verlängerung.

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