Am 9. Juni hatte die Initiative „Aachen containert“ allen Grund zur Freude: Der Prozess gegen zwei Containerer aus Aachen wurde eingestellt, nachdem sich über 126.000 Menschen aus ganz Deutschland an der Unterschriftenaktion „Containern ist kein Verbrechen“ beteiligt hatten. Keine zwei Wochen später wurde Niklas E. beim Retten von Lebensmitteln verhaftet. Jetzt läuft eine Anzeige wegen besonders schweren Diebstahls gegen den jungen Idealisten.

Mit dem Thema Lebensmittelverschwendung hatte sich Niklas E. noch nie wirklich befasst, als dieses zufällig in Person einer Bekannten in sein Leben trat. Sie berichtete davon und erzählte, dass sie selbst containern geht. Für Niklas war das noch Anfang des Jahres ein abstraktes, wenig greifbares Thema. Als er aber sah, was da aus Müllcontainern der Supermärkte herausgefischt wurde, war er zugleich fassungslos und dann Feuer und Flamme: „Ich konnte es einfach nicht glauben und beschloss sofort, mich anzuschließen. Nicht weil ich Geld sparen wollte, sondern aus Überzeugung. Ich ging dann sechs Wochen lang regelmäßig containern und brachte viele der Dinge, die ich einsammelte, zu Stellen, wo sie dann von Menschen, die sich nicht so viel leisten können, abgeholt wurden.“
So war es auch am Abend des 26. Juni geplant. Niklas und eine Begleiterin begaben sich auf das Gelände eines Brander Supermarktes und sammelten eine Tasche und einen Karton voll Lebensmittel aus Müllcontainern. Dabei betraten sie auch einen kleinen Raum, der nicht abgeschlossen war und wo sich Container befanden.
Während sie noch dabei waren, Lebensmittel einzusammeln, hörten sie Lärm und dann ging alles ganz schnell. 14 Polizeibeamte mit acht Fahrzeugen waren vorgefahren und stellten die jungen Leute, die sich im ersten Schrecken verstecken wollten. Es kam eins zum anderen: Da Niklas und seine Begleiterin in der Nachbarschaft wohnten, hatten sie nichts weiter mitgenommen als Haustürschlüssel und ein Smartphone. Beides wurde unverzüglich konfisziert. Da sie sich nicht ausweisen konnten und die Bitte, die Ausweise nebenan in Polizeibegleitung kurz abholen zu dürfen, abgelehnt wurde, mussten sie getrennt voneinander mit auf die Wache. Dort folgte die Polizeiroutine: komplett ausziehen, Leibesvisitation und ab in die Zelle.

Die Polizisten, die am nächsten Morgen nach Wachablösung Dienst hatten, wunderten sich darüber, wen sie in den Zellen vorfanden und dass die jungen Leute nur containert hatten. Es fällt die Vokabel „lächerlich“. Sie lassen sich in einem privaten Gespräch die Hintergründe des Containerns erläutern. Auch der Punkt, dass die Kollegen es abgelehnt hatten, die Ausweise zu holen, konnte nicht nachvollzogen werden.

Niklas E. ist ein sehr verständnisvoller Mann mit einem hohen Gerechtigkeitssinn. Er möchte davon absehen, die Polizisten zu belasten, auch tue es ihm leid, dass der Supermarkt in die Schlagzeilen gerate.
Die Anzeige wegen schweren Diebstahls, die von der Polizei gestellt wurde und auf die im schlechtesten Fall eine Bewährungsstrafe folgen kann, empfindet er jedoch als unverhältnismäßig: „Als studierter Wirtschaftswissenschaftler weiß ich, dass es derzeit vor dem Gesetz als schwerer Diebstahl gilt, was ich getan habe. Dennoch empfinde ich es als nicht verhältnismäßig, für weggeworfene Lebensmittel, die wir, ohne einzubrechen, aus Mülltonnen entnommen haben, genauso belastet zu werden wie nach Einbruch und Diebstahl zum Beispiel eines Laptops“, fasst er zusammen.
Niklas möchte weiterhin containern gehen, um Lebensmittel zu retten. Auch in Zukunft wird er darauf achten, alles wieder penibel aufzuräumen und ordentlich zu hinterlassen. Er freut sich, dass sein Umfeld aus Freunden, Familie und Arbeitgeber positiv reagiert und hinter ihm steht. Auch das Netzwerk „Aachen containert“ wird in diesem Fall erneut aktiv werden, um ihn bestmöglich zu unterstützen. Es ist zu hoffen, dass die Klage fallengelassen wird – oder noch besser: dass ein Freispruch für klare Verhältnisse sorgt.
Infos: aachencontainert.blogsport.de

Fotos: Katrin Lückhoff, Birgit Franchy

zurück Shriekback – In an Ocean of the Senses
weiter Pflegefamilien für minderjährige Flüchtlinge gesucht