Eine der interessantesten und unterbewertetsten Bands der 80er kehrt nach langer Abstinenz auf die Bühne zurück: Im September spielen Shriekback mit achtköpfiger Besetzung live in Maastricht. Aus diesem Anlass ein kurzes, skizzenhaftes Porträt der Band und ein exklusives Interview mit Gründungsmitglied Carl Marsh.

Funky, roh und ungeschliffen, dann wieder dunkel, sphärisch und geheimnisvoll, zwischen Post Wave, Funk und Disco balancierend – Shriekback waren immer schon ein stilistisches Chamäleon. Der Bandstart fiel in die umtriebige, zwischen Kreativität und DIY-Noise oszillierende Phase der britischen Independent-Szene kurz nach Punk und New Wave. 1981 wurden Shriekback von Ex-XTC-Keyborder Barry Andrews, Bassist Dave Allen (Gang of Four) und Gitarrist Carl Marsh gegründet, kurz darauf kam Drummer Martyn Baker dazu. Das erste Album erschien auf Y Records von Dick O’Dell, der zuvor Platten von The Slits, The Pop Group und Pigbag veröffentlich hatte. Er schätzte die im besten Sinne genialische Unberechenbarkeit von Andrews, den an Parliament erinnernden P-Funk-Bass von Allen, der bald signifikant zum Sound von Shriekback beitragen sollte, und den unbedingten Willen zu Experiment und Innovation. O’Dell gab der Band eine Carte Blanche – das Resultat war die EP Tench und der Anfang einer äußerst fruchtbaren Serie an Releases auf Y. Mit den Tracks My Spine (is the Bassline) und Lined Up gelangen Shriekback sogar zwei veritable Clubhits; mit Care und Jam Science schufen sie zwei wegweisende Alben, auf denen sie ihr Klangspektrum sukzessive erweiterten und ausdefinierten. Kein Wunder, dass auch BBC-Legende und Trüffelschwein John Peel bald auf die Band aufmerksam wurde. Zwischen 1982 und 1985 entstanden drei Peel-Sessions, erst letztes Jahr in einer limitierten Auflage komplett veröffentlicht wurden. 1985, inzwischen war die Band zu Arista gewechselt, erschien Oil and Gold, ein aus heutiger Sicht erstaunlich zeitloses Album und nach Ansicht vieler ihr bestes. Trotz enormer Reputation und dem Ruf als exzellenter Liveband – Shriekback blieben immer weitgehend unter dem Radar, der ganz große kommerzielle Durchbruch blieb aus.

Diverse personelle Rochaden, Kollaborationen und Alben später, bei denen Shriekback ein loses Projekt rund um Frontmann Barry Andrews blieb, kehrten Marsh und Barker für das Album Without Real String or Fish zur Band zurück. Im Frühjahr dieses Jahres starteten Shriekback eine erfolgreiche Kickstarter-Kampagne, mit dem Ziel, wieder auf Tour zu gehen. Ähnlich wie zu ihren umtriebigsten Live-Zeiten in den 80ern besteht das Bühnen-Line-up aus stolzen acht Musikern. Neben Andrews, Marsh und Barker sind Scott Firth (P.i.L), Steve Halliwell sowie die Backgroundsängerinnen Wendy und Sarah Partridge (wieder) dabei. Die Premiere von Shriekback Live 2.0 fand Anfang Juni im Sheperd’s Bush Empire in London statt. Vom Material dieses Konzerts ist eine Live-CD entstanden – und erste Tracks zeigen: Sie klingen besser denn je. Am 21. September spielen Shriekback in der Muziekgieterij in Maastricht.

MOVIE: Ihr habt vor kurzem den ersten Live-Gig nach 25 Jahren gespielt, im Sheperd’s Bush Empire in London. Wie hat sich das angefühlt? Und wer hatte die Idee mit der Kickstarter-Kampagne, die das letztendlich möglich gemacht hat?
Carl Marsh: Oh ja – das hat lange gedauert,
nicht wahr? In gewisser Hinsicht war es nicht die Idee von jemandem speziell, Kickstarter zu nutzen (oder eine andere Crowdfunding-Plattform), es war einfach die einzige Möglichkeit, das zu realisieren. Jahrelang sind wir gefragt worden, wann wir wieder live spielen, und die Antwort war „Vermutlich niemals“, weil a) nicht genug Mitglieder der ursprünglichen Band zusammen waren, um b) etwas auf die Bühne zu bringen, das diesem sehr unterschiedlichen Material gerecht geworden wäre – wir reden hier von einem potentiellen Set aus 13 Alben – und das mehr als ein müder Abglanz der Band zu ihrer Live-Blütezeit wäre, bedeutet eine gewaltige Menge an Start-up-Finanzierung. Punkt a) war größtenteils abgehakt, als Barry, Martyn und ich uns für Without Real String or Fish wiedervereinigt haben. Drei von uns zusammen schienen ein machbarer Start für eine Liveband. Die beschränkten potentiellen Optionen für b) waren entweder Crowdfunding, massiver Support eines Major-Labels oder die Heirat mit einer steinreichen Erbin. Ich denke, wir haben die richtige Entscheidung getroffen.
Und ja, es ist fantastisch, wieder mit diesem Haufen talentierter Bastards zu spielen – die erweiterte Shriekback-Familie, in riesigen, groovigen Lärm vereint. Wir brauchen viel mehr davon. Ich bin aus nachvollziehbaren Gründen voreingenommen, aber aus meiner Sicht klingt es wirklich außergewöhnlich. Fantastisches Publikum in Sheperd’s Bush, es war ein großartiger Abend.

Wenn es um die Auswahl von Locations für andere Gigs in Europa geht, ist das Paradiso in Amsterdam eine naheliegende Wahl. Wie kamt ihr auf Maastricht? Habt ihr in den 80ern mal in der Region gespielt?
Ja, das Paradiso ist so eine großartige Location, ich freue mich riesig darauf. Was Maastricht anbetrifft – ich hab dort kurz nach Oil and Gold gespielt, einige der anderen vielleicht auch in jüngster Zeit. Es ging darum, Shows in tollen Locations zusammenzubekommen, die zeitlich machbar sind, und diese beiden passten perfekt! Wir würden gerne mehr machen – Vorschläge willkommen.

Ihr hattet immer schon eine Affinität zum Thema Wasser – das Meer und die Tiefsee mit all den Fischen, vor allem den etwas seltsamen, bizarren Kreaturen, was ja sich auch im Bandlogo niederschlägt. Wie ist diese Liebe zur Unterwasserwelt entstanden?
Keine Ahnung. Tench (Name des ersten Albums und übersetzt „Schlei“ = karpfenartiger Fisch) wurde so genannt, weil Barry und Dave zu dieser Zeit Fische gehalten haben und wir dachten, die Art und Weise, wie die Fische den Boden des Aquariums durchstöberten und alles mitnahmen, was sie an Nahrung kriegen konnten, wäre vielleicht ähnlich zu der Art, wie wir unsere Platten machten. Und wie Tiefseefische Strategien entwickelten, dass eine sehr seltsame Umgebung zu ihren Gunsten funktioniert. Darüber hinaus tendieren wir dazu, das, wonach wir musikalisch suchen, in ziemlich abstrakte Begriffe zu formulieren, ein großer Teil hat solche Referenzen. „Ich möchte, dass der Bass so klingt wie ein Wal, der überraschend mit einem U-Boot zusammenprallt.“ Zeugs wie dieses halt. Und viele der Begriffe waren/sind „aquatisch“, warum auch immer. Und ich meine, wer mag sie nicht, diese smarten Oktopusse, Mörderhaie, Bartwürmer und die Farbe ändernden Tintenfische?

Eure Sound-Signatur war schon immer sehr einzigartig, aber schwer zu definieren. Vor einiger Zeit habt ihr eure Follower auf Facebook gefragt, wie sie denn den musikalischen Stil von Shriekback beschreiben würden (mit interessanten Ergebnissen). Mir kommen, wenn es um die allgemeine Atmosphäre geht, bestimmte Dinge in den Sinn: eine gewisse nachtaktive Klarheit, tiefe und dunkle, aber angenehme Stimmungen im Unterbewusstsein, etwas sehr Urbanes im Stil, aber auch verbunden mit der rauen, wilden Natur. Welche Elemente eurer musikalischen DNA sind wohl die hervorstechendsten, wiedererkennbarsten?
Nun, „nachtaktive Klarheit“ trifft es ziemlich genau. Eigentlich beschreibt es alles in einem Satz. Offen für Instinkte und Intuition zu sein und das dann intelligent und technisch verfeinern, darum geht es, denke ich. Fördern und verfeinern (mine and refine).

Das Album, das vermutlich mit dem meisten Lob und Ruhm bedacht wurde (und das zu Recht), ist „Oil and Gold“ mit modernen Klassikern wie „Nemesis“, „Malaria“ oder „This Big Hush“. Meiner bescheidenen Meinung nach ist es nicht nur eins der besten Alben der 80er, sondern hatte auch einen äußerst progressiven Ansatz, auch im Hinblick auf das Coverdesign. Würdest du zustimmen? Und woher hattet ihr die Idee für den Albumtitel?
Würde ich zustimmen, dass es ein großartiges Album ist? Verdammt noch mal, warum nicht? Das Cover spiegelt die Widersprüche in puncto Inhalt und Struktur wider, die wir lieben. Ein gewisses produktives Unbehagen vielleicht. Soweit ich mich erinnere, stammt der Titel von einer meiner Songtext-Ideen, die es dann nicht aufs Album geschafft haben (er tauchte dann trotzdem später auf einem meiner Alben auf – ich bin sehr gut im Recycling) und der wieder diese Widersprüche reflektiert: zwei Substanzen, ohne die wir anscheinend nicht auskommen, eine davon schmutzig, billig und notwendig (für ein kleines Weilchen länger noch jedenfalls), die andere funkelnd, teuer und begehrenswert.

Euer 14. Studioalbum ist vermutlich gerade immer noch in Arbeit. Gibt es einen Termin für die Veröffentlichung? Und wenn du die Art und Weise, früher an einem Album zu arbeiten, mit der von heute vergleichst – vor allem, wenn man die verbesserten technologischen Möglichkeiten in Betracht zieht: Ist es heute einfacher oder schwieriger, einen Track zu machen?
Wir arbeiten in der Tat an diesem Biest. Veröffentlichungstermin? Noch nicht ganz sicher, vielleicht gegen Ende des Jahres. Einen Track machen? Überwiegend viel einfacher heute. Manuelle Kontrolle, die Möglichkeit, in Echtzeit und über weite Entfernungen zusammenzuarbeiten, eine (quasi) unendliche Soundpalette, viel mehr Zeit für viel weniger Geld. Und zusammen mit der Möglichkeit, die Arbeit über Internet/Social Media zu verbreiten und zu verkaufen, ist das eine hübsch mächtige Sache. Ich vermisse es wirklich nicht, auf einem Major-Label zu sein, was immer das auch heutzutage heißen mag. Auf der anderen Seite – im Guten wie im Schlechten – tendiere ich dazu, ein Mensch zu sein, der von Deadlines angetrieben wird. Und der Gedanke, dass ich eine einzige Chance habe, morgen einen Song in einem Studio zu schreiben und aufzunehmen, das £ 1.200 am Tag kostet, hat sicherlich die Sinne geschärft. Ich bin immer noch dabei, mich umzugewöhnen, wenn ich ehrlich bin. Und du musst eine Menge an technischem Kram lernen, der früher das Problem von jemand anders war. Aber was sollʼs, es gibt kein Zurück.

Irgendwelche Tracks oder Alben von zeitgenössischen Künstlern/Bands, die zurzeit auf dem Plattenteller, dem iPhone oder der Spotify-Playliste sind? Was magst du besonders daran?
Ich tendiere dazu, nicht zu viele Sachen zu hören, wenn ich gerade an Songs schreibe, aber in den letzten Tagen (laut der Player-History auf meinem Handy und Laptop) waren es The Wave Pictures, Grinderman und Björk. Björk kennt keine Grenzen. Mein Neujahrsvorsatz dieses Jahr war, mehr Björk zu sein. Bislang noch erfolglos. Oh, ich habe gerade auch die Tracks gefunden, die ich mir beim Radiohören letztens gemerkt habe: Dick Dale, Pavement, Cecil Taylor, Tamikrest, Peter Perrett, The Oh Sees, Mark Lanegan, The Surfing Magazines und François & the Atlas Mountains. Such was raus aus diesem Haufen.

Nun zur letzten Frage: Wir haben fünf Songs aus eurem eindrucksvollen Katalog herausgepickt. Welches Meerestier würdest du mit jedem einzelnen Track assoziieren?

Evaporation

Tief, langsam, mächtig – riesiger Tintenfisch

Fish below the Ice

Schnell und zielgerichtet – Lachs, Hai, Delphin (obwohl Delphine nichts mit Eis zu tun haben, oder?)

Faded Flowers

Schwärme von kleinen farbigen Dingen, die verschmelzen und sich wieder zerstreuen – ozeanische Reue

My Spine (is the Bass Line)

Barracuda? Aber ein gutmütiger Barracuda

Horrors of the Deep

Sirenen und Meerjungfrauen!

Vielen Dank für die Antworten. Wir sehen uns in Maastricht.
Yeah man. Bring your dancing shoes.

www.shriekback.com
www.muziekgieterij.nl/agenda/shriekback

Zur englischen Version dieses Artikels

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