70 Jahre Dauergartenverein Eupener Straße e. V. und die Gärten der Städter in Aachen

Sommer 1947: Vor rund zwei Jahren endete der Zweite Weltkrieg, Aachen befand sich in mühevollem Aufbau und die Bevölkerung hungerte, als engagierte Bürger beschlossen, zwischen dem Bunker Eupener Straße und den Bahngleisen eine Kleingartenanlage zu errichten. Das Gelände war denkbar unwegsam und wies einen großen Höhenunterschied auf. Heute erzählt man sich, dass unter dem höheren Teil ein umgestürzter Eisenbahnwaggon liege, mindestens aber der Schutt aus Burtscheid aufgehäuft sei. Der untere Teil der Anlage war Sumpfgebiet – überflutet vom kleinen Bodenhofbach. So bot auch dieses Stück Land nicht gerade optimale Voraussetzungen. Nichtsdestotrotz wollten 58 Pächter das Gelände urbar machen, um Gemüse zu ziehen und Kleintiere zu halten. Letzteres war ursprünglich in Kleingartenanlagen nicht vorgesehen und ist auch heute wieder verboten. Im Jahr 1947 galten aber andere Regeln. Zu den bemerkenswerten Notizen der ersten Sitzungen gehört so auch die Vorgabe, dass sich die Pächter an Nachtwachen beteiligen müssten, um das Obst, Gemüse und Kleinvieh zu verteidigen. Bei Nichterfüllung drohte „ein scharfes Durchgreifen und die Zustellung einer Abmahnung“. Immerhin galt zu dieser Zeit die Beschaffung von Lebensmitteln nicht als „stehlen“, sondern als „organisieren“ oder „fringsen“, hatte doch der Erzbischof von Köln, Josef Kardinal Frings, in seiner Silvesterrede von 1946 den Mundraub in diesen schweren Zeiten legitimiert. Wer also in den Besitz eines Gartens kommen konnte, konnte ebenso gewiss sein, dass er sein Hab und Gut verteidigen musste.
Die Menschen machten sich daran, den Bach einzudämmen und die Anlage einzufrieden. Der Zulauf stieg, schon ein Jahr später zählte die Anlage 85 Pächter.

Fotoarchiv Dauergartenanlage Eupener Straße

Marlies und Josef Brandenberg waren 48 Jahre lang bis 2016 die Pächter von Garten 38. Ebenso wie Uwe Kolf, der 47 Jahre stolzer Garteneigentümer war, haben sie noch Pächter der ersten Stunde kennengelernt. Die Geschichte von dem Schutt und dem umgestürzten Eisenbahnwaggon stammt aus ihrer mündlichen Überlieferung, Schriften diesbezüglich existieren nicht. Wenn sie aus dem Nähkästchen plaudern, erinnern sie sich vor allem an zwei Dinge: viel Arbeit und viel Spaß. „Wir Alten haben das Ding aufgebaut. Wir haben Tag und Nacht gearbeitet“, so Uwe Kolf. Jede freie Minute wurde im Garten verbracht, Strom und Wasserleitungen wurden verlegt und das Vereinsheim wurde errichtet – alles in Eigenleistung. Im Gegenzug feierte man viel in der Anlage. Jedes Fest wurde zusammen begangen, sei es Hochzeit, Sommerfest, gemeinsames Fußballschauen oder Karnevalfeiern. 2.638 Stunden hat Gerd Assmann, heutiger Vorstand und seit 25 Jahren Gartenbesitzer, ehrenamtlich im Vereinsheim gekellnert. „Vor 25 Jahren, da hatten wir bei Feiern noch Türsteher und mussten irgendwann zumachen, so voll wurde das damals. Da standen selbst beim Frühschoppen die Menschen in vier Reihen vorm Tresen“, berichtet er. „Heute interessiert das keinen mehr.“ Gärten seien zwar immer noch beliebt, es bestehe aber weitaus weniger Interesse am Vereinsleben, ist die Beobachtung, die die langjährigen Mitglieder machen. Auch für die Gemeinschaftsarbeit ließen sich die Mitglieder immer weniger begeistern. „Die zahlen lieber etwas mehr und lassen jemanden dafür kommen, anstatt es selber zu machen.“ Überhaupt seien die Menschen – über zehn Nationalitäten sind heute im Verein vertreten – lieber unter sich, auch der Spielplatz werde kaum noch genutzt. Aggi Dornseifer vom Vorstand liefert einen Erklärungsansatz mit: „Der Zusammenhalt ist nicht mehr da! Vielleicht gibt es auch einfach zu viele Möglichkeiten der Freizeitgestaltung.“

Wahre Begeisterung kommt in der Runde immer dann auf, wenn von früher erzählt wird. Ein besonderes Schnäppchen gelang Josef Brandenberg, der als Installateur tätig war, als es um die Ausstattung des neuen Vereinsheimes ging. Zu der Zeit wurde gerade das alte Klinikum an der Goethestraße aufgegeben (1984) und die Heizkörper wurden herausgerissen. Brandenberg fragte nach und die guten Stücke konnten kostenlos abgeholt werden. „Wir fuhren mit Schubkarren rüber und holten sie fürs Vereinsheim ab – hier stehen sie noch heute“, berichtet er stolz. Nach vier Jahren Bauzeit und mehreren tausend Stunden Eigenleistung konnte das Haus 1988 schuldenfrei eingeweiht werden.
Bevor man mit dem Bau des Vereinsheims anfing, hatte ganze 20 Jahre ein Damoklesschwert über der Anlage gehangen. Erstmals 1959 war der Bau einer vierspurigen Umgehungsstraße durch die Gärten im Gespräch. 20 Jahre später war das Thema immer noch nicht vom Tisch. Aber „Eine grüne Front wehrt sich“ berichtete die AVZ, so hätten 2.500 Bürger dem damaligen OB Dr. Kurt Malangré eine „Protestnote“ mit 2.500 Unterschriften übergeben – man war sich einig, dass der Gartenverein bestehen bleiben müsse.

Uwe Kolf, Ernest Lambertz und Gerd Assmann erzählen von früher

Beim Sinnieren über alte Zeiten fallen der Runde auch einige Moritaten ein, sogar (natürliche) Todesfälle habe es hier schon gegeben und ein Mitglied habe sich beim Sprung vom Dach beide Beine gebrochen, als es die Damenwelt habe beeindrucken wollen. „Nennen Sie uns die unheimliche Kolonie“, scherzt ein Gartenfreund.
Und dann geht es schon wieder um die Feiern im Vereinsheim. Plötzlich sprechen alle durcheinander und verfallen in Öcher Platt. Vom Salat von der Ramenasse ist die Rede und Musik auf der Quetschmühl und der Verkleidung zu „fing Heere“ – der Zuhörer kann kaum noch folgen. „Das war eine schöne Zeit“, bringt es Gerd Assmann wieder auf den Punkt.

Zur 70-Jahr-Feier am 16. September ab 14:00 Uhr möchte der Verein mit einem großen Fest an die früheren Feierlichkeiten anknüpfen. Besucher willkommen.

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