Historisch lässt sich die Entstehung der Gartenanlage Eupener Straße 1947 leicht einordnen, denn es existierten bereits Vorbilder in Aachen. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte es eine wahre Kleingartenschwemme gegeben, mindestens 17 der zwischen 1919 und 1931 entstandenen Anlagen gibt es heute noch auf dem Stadtgebiet. Damals wurden die Brachgelände bewusst an Familien und Frauen der im Krieg dienenden Männer vergeben, denn man wollte ein Aushungern des Volkes verhindern. Die preußische Eisenbahnverwaltung stellte ab 1914 7.000 Morgen bisher landwirtschaftlich und gärtnerisch nicht genutzte Eisenbahnländereien zur Gewinnung von Lebensmitteln zur Verfügung, dies erklärt auch die zahlreichen Gartenanlagen, die man durch das Zugfenster in ganz Deutschland sehen kann.
In Köln erhielten im Ersten Weltkrieg 2.750 Familien unentgeltlich Land für den Kartoffel- und Gemüseanbau. In Bochum legten Kriegerfrauen 800 Gärten auf Schutt an. In einem Bericht des „Deutschen Vereins für Wohnungsreform“ von 1915 heißt es: „Das Interesse an Kleingärten ist infolge des Krieges im allgemeinen bedeutend gewachsen. Insbesondere bei Frauen der Krieger, welche einen vortrefflichen Eifer und Fleiß bekunden. Besonders günstig ist auch der Einfluss auf die Gemütsstimmung der Frauen und Kinder“. Auch bei Lazaretten wurden kleine Gärten angelegt, und man konnte die positive Wirkung auf die Verwundeten und Rückkehrer beobachten.
Eine ganz praktische Überlegung gab es in den Städten zudem: Auf diese Weise konnte nicht nur das hungernde Volk sich selbst verpflegen, nein, die Nutzung der Gelände war auch noch gewinnbringend für die Gemeinden, denn das Gelände konnte zukünftig verpachtet werden. Man konnte auf lange Sicht damit Geld machen, anstatt in die Unterhaltung von teuren Parks Geld zu investieren.

Schaut man noch weiter zurück, muss man bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts blicken. Die Industrialisierung trieb die Menschen in die Städte, wo sie unter schlechten Bedingungen in großen Wohnblocks hausten. In einigen Städten wurden auf Privatinitiative hin erste „Armengärten“ angelegt, in Kiel beispielweise ab 1830 durch die „Gesellschaft freiwilliger Armenfreunde“.
In Leipzig lebte zu der Zeit Moritz Schreber, der zwar als Urvater der Schrebergärten gilt, diese aber nicht selbst erdacht hat. Vielmehr setzte er sich für die Ertüchtigung von Kindern an der frischen Luft ein, um die Folgen der Industrialisierung zu mindern. Erst nach seinem Tod 1864 entstand in Gedenken an Schreber draußen ein Spielplatz für Kinder. Der Lehrer Heinrich Karl Gesell legte dort auch Beete und Gärten als Beschäftigungsmöglichkeit für die Kinder an, die diese aber gar nicht wie gedacht annahmen. Vielmehr stürzten sich die Eltern darauf und brachten auch den Wunsch mit, eigene Parzellen abteilen zu dürfen: die Geburtsstunde der „Schrebergärten“.

Um 1903 besuchte der Aachener Arzt Dr. Dedolph Leipzig und wollte sich die Kinderspielplätze der Stadt anschauen. Nach seiner Rückkehr nach Aachen wandte er sich sofort an die Stadt und die Zeitungen, um seine Entdeckung mitzuteilen, denn die Spielplätze fand er „inmitten von hunderten, zierlichen, gut gepflegten Gärten“. Eine Entdeckung, die er „den Aachenern dringend zur Nachahmung empfehle“.
Aber Dr. Dedolph empfahl nicht nur, er berief Versammlungen in Aachener Wirtschaften ein, um potentielle Mitstreiter zu finden, denn die Gärten hatten es ihm wirklich angetan: „Ein wirkliches Paradies hat der menschliche Fleiß aus dem oft wenig kultivierten Boden hervorgezaubert“, preist er das Projekt aus Leipzig an und beschreibt die positiven Auswirkungen auf Eltern und Kinder: „Kinder lernen etwas über Pflanzen und Tiere – ein solches Kind wird kein Tierquäler!“ Positiven Einfluss sieht er besonders auch auf die Familienväter: „Wo wären die Menschen alle, wenn sie nicht hier sein könnten? In den Wirtshäusern – auch die Kinder Tabakqualm und Bierdunst ausgesetzt. Durch das Gärtchen wird der Hausherr so manchen Tag und so manche Stunde seiner Familie erhalten, es hilft der Entfremdung mit ihren unsäglich traurigen Folgen begegnen.“
Dedolph wies aber außer auf die pädagogische Bedeutung auch explizit auf die wirtschaftliche hin. Seine Recherchen belegen, dass nicht nur die arme Bevölkerungsschicht in Leipzig Gefallen an den Gärten gefunden hatte, sondern dass sie bei Arm und Reich dermaßen beliebt waren, dass binnen zehn Jahren die Zahlen von 2.582 Gärten (1890) auf 7.741 Gärten (1900) bohnengleich in die Höhe geschossen waren.
Als Mitstreiter für sein Unterfangen suchte Dr. Dedolph besonders nach Lehrern, er erwog auch die Gründung von Genossenschaften, um günstige Gärten zur Verfügung stellen zu können, denn ein Haus mit Garten sei für viele unerschwinglich, und „noch viele Jahrzehnte hindurch werden sich noch viele Tausende von Familien damit begnügen müssen, in Häusern ohne Garten oder gar in Mietskasernen zu leben“.
Der „Vater“ der Schrebergartengesellschaft in Aachen blieb so hartnäckig an seinem Vorhaben, dass Aachen tatsächlich zur ersten Stadt im Rheinland wurde, die Gärten nach dem Vorbild Leipzigs einführte.
Fast monatlich berief er Treffen ein. Bei einer Volksversammlung im Mai wurden bereits konkrete Orte benannt, wo das Vorhaben durchgeführt werden könne – darunter viele Standorte, an denen sich heute tatsächlich Anlagen befinden, wie zum Beispiel am Hangeweiher und an der Jülicher Straße.
Im Juni 1903 wurde eine Anlage am Muffeter Weg ins Auge gefasst, „seitlich des zoologischen Gartens“.
Sorgfältig archiviert findet man im Stadtarchiv Zeitungsartikel, die Dedolphs Strebsamkeit belegen. Im Juli wies er bei einem Treffen auf weitere Vorzüge seiner Idee hin: „Den Menschen, die sich tagsüber in dumpfen Räumen aufhalten, Gelegenheit geben, ihre freie Zeit im Grünen zu verbringen und die Schäden sitzender Lebensweise durch körperliche Arbeit in der frischen Luft auszugleichen.“ Ein Mann der Arbeiterschicht, der auch zum Treffen erschienen war, meldete sich zu Wort und unterstrich die Wichtigkeit des Anliegens. Aachen brauche Gärten, „in denen sich der Arbeiter selbst sein Ost und Gemüse ziehen könne, das besonders hier in Aachen in den besseren Qualitäten so teuer sei, dass es für den Arbeiter unerschwinglich sei“. Wie schwierig es ist, in den Anfängen Ideen durchzusetzen, zeigt die Zahl der Menschen, die zu diesem Zeitpunkt überzeugt wurden, Anteile an der ersten Anlage zu kaufen: Zwöf waren es an der Zahl und 40 waren nötig, um zu starten.

  Im September 1903 dachte man indes darüber nach, den Plan fallen zu lassen. Nur 20 Anteilnehmer konnten bis dahin gefunden werden, die sich an der Finanzierung der Idee durch Anteilsscheine beteiligen wollten. Im Gespräch war inzwischen eine Fläche hinter einem Spielplatz an der Stolberger Straße. Dr. Dedolph malte die Idee immer wieder mit neuen Details aus, so könne man aus einem Wärterhäuschen an der Anlage heraus auch Getränke und Obst verkaufen und einen Unterstand bauen, Obstbäume pflanzen und Bänke aufstellen.
12 Mark solle die Pacht für einen 100 Quadratmeter großen Garten kosten und 115 Gartenfreunde hätten sich bereits gemeldet und Interesse an einem Gärtchen bekundet.
Außer der Stolberger Straße waren noch zwei weitere Gelände im Gespräch, zwei Privatmänner hatten ihre Grundstücke an der Welkenrather Chaussee und der Eupener Straße/Soldatengasse für die Realisierung der Idee angeboten.
Nur Dedolphs Idealismus ist es zu verdanken, dass er an der Idee festhielt. Im Oktober 1904 formulierte er erneut seine Hoffnung, „dass auch die besser situierten Einwohner das gemeinnützige Unternehmen durch Entnahme von Anteilsscheinen fördern; gilt es doch nach dem Vorgehen anderer Städte, dem weniger bemittelten Mitbürger die soziale Wohltat eines Familiengartens zu beschaffen“.
Sein Einsatz lohnte sich. Ende 1904/Anfang 1905 entstand die erste Gartenanlage an der Stolberger Straße, kurz darauf gefolgt von der Anlage auf Privatgrund an der Soldatengasse.
Im Jahr 1911 rief die Stadt Aachen zur Fotodokumentation aller Familiengärten, Armengärten, Schul- und Seminargärten und Hortgärten auf, was darauf hindeutet, dass es zu der Zeit schon einige mehr gab. Das Fotomaterial ist leider nicht erhalten.

Die letzten wenigen Gartenanlagen kamen in den 80er Jahren hinzu. Seitdem zählt der Stadtverband Aachen der Familiengärtner e. V. rund 2.500 Mitglieder in 43 Vereinen. Einen Artikel von 1959, der 4.500 Mitglieder aufzählte, nennt Hermann Jansen, Vorsitzender des Stadtverbandes, schlichtweg falsch. In den Zahlen habe es keine nennenswerten Schwankungen gegeben. Hier steht Aussage gegen Aussage. Auch ob der Name Dedolphstraße in Burtscheid auf Dr. Dedolph zurückgeht, vermag niemand mehr zu sagen. Im Stadtarchiv ist nur erfasst, dass die Straße mit Ratsbeschluss vom 01.03.1929 in Dedolphstraße benannt wurde. Zu dem Zeitpunkt war Dedolph bereits zwölf Jahre tot. In Aachen gab es da schon fast 20 Familiengartenanlagen.

Quellen: Booklet „1947-1997. 50 Jahre Dauergartenverein Eupener Straße e. V.“ | Gespräche mit (ehemaligen) Pächtern Eupener Straße | ARCH + / Januar 2010 „Post Oil City“ | Stadtarchiv Aachen: Zeitungsartikel ab 1903, Vereinsunterlagen, Dokument „Zentralverband Deutscher Arbeiter- und Schrebergärten 1903“ | Stadtverband Aachen der Familiengärtner e. V., www.kleingarten-aachen.de

Gartenzwergmotive mit freundlicher Genehmigung von Karl Moeller | Historic Gnomes | www.homegnome.de

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