Fotoausstellung von Marco Rose


Parallel zur Vernissage des Fotografen Richard Kalvar beginnt im Monschauer KuK eine neue Ausstellungsreihe mit fotografischen Arbeiten der Gruppe SHIFT, ambitionierter Fotografen der Region. Den Anfang macht Marco Rose.

Die gnadenlose Präzision der Portraits von Marco Rose reduziert seine Modelle nur scheinbar auf einen Fetzen Fleisch unter dem Mikroskop. Die übermenschliche – oder muss man sagen: unmenschliche? – Bildschärfe denunziert ihr Objekt nicht, wie es auf den ersten Blick scheinen mag, sondern mystifiziert es, dramaturgisch höchst wirkungsvoll, zu einem überindividuellen Archetypus des kollektiven Unbewussten.
Das Portrait von Martin Schulz z. B. wirkt nicht wie das eines unter widrigen Realitäten schwankenden Hoffnungsträgers der Sozialdemokratie, sondern wie ein promethischer Halbgott aus antiker Vorzeit, der selbst einen 20 Meter großen Helmut Kohl mühelos im Schlammcatchen besiegen würde. Wir sehen: Realismus in seiner extremsten Form, schlägt in sein Gegenteil um: in einen illusionistisch überhöhten Idealismus – bigger than life.
Was im gleißenden Licht extremer Nahsicht Roses Fotopapier zu verätzen scheint, ist keine reale, sondern eine lediglich geträumte Natur, nicht bzw., wenn überhaupt, im Reich der Ideen existierend und begehrliche Seitenblicke auf Nietzsches Übermenschen werfend.
Die von einfältigen Betrachtern angesichts der Malerei des Hyperrealismus immer gern gestellte Frage: „Ist das in Wirklichkeit nicht ein Foto?“ dreht Marco Rose um: Angesichts seiner Fotos fragt man sich: „Ist das nicht ein Gemälde?“

Interview mit Marco Rose

Was wäre die denkbar dümmste Frage, die man einem Fotografen stellen könnte? 

Vorschlag: „Was wollen Sie mit Ihren Fotografien ausdrücken?“
Weitere Ideen?
Soll das Kunst sein?

Die Welt ertrinkt in Fotografien. Welche spezifische Form des Irreseins wird eigentlich benötigt, um diesen bis zum Mars reichenden Bilderberg nicht nur nicht abzutragen, sondern neue Bilder hinzuzufügen?
Ein bestimmtes Maß an Sendungsbewusstsein und Selbstüberschätzung ist zumindest hilfreich. Je mehr ich mich mit Fotografie beschäftigt habe, je mehr großartige Fotografen und deren Arbeiten ich kennengelernt habe, desto weniger habe ich effektiv fotografiert. Heute nehme ich meine Kamera nur noch sehr gezielt zur Hand und verlasse mich dann aber komplett auf mein Gefühl. Die Welt ist voller Individuen, voller einzigartiger Momente. Deshalb kann es niemals zu viele gute Fotos geben, auch wenn es auf den ersten Blick so scheint, als wäre jedes Bild bereits gemacht, jedes Motiv bereits abgelichtet worden.

„Dignity cannot be fotographed.“ Bob Dylan
Ist das Wesentliche auf Fotografien unsichtbar?
Nein. Man kann Würde sehr wohl fotografieren. Man kann auch den Mangel an Würde dokumentieren – nehmen Sie zum Beispiel die schon etwas älteren Donald-Trump-Porträts von Martin Schoeller. Sie offenbaren das Wesentliche dieses Charakters auf eine faszinierende, abstoßende Art und Weise.

Was ist das Entscheidende an einem guten Foto: der erzählerische/dokumentarische Inhalt oder die visuelle Gestaltung?
Das eine geht nicht ohne das andere.

„Eine Fotographie zeigt nie die Wahrheit.“ Richard Avedon
Gibt es einen fotografischen Realismus?
Den gibt es sicherlich. Aber ein einziges Foto alleine kann die Wahrheit nur annähernd wiedergeben. Es zeigt immer die Wahrheit aus der Sicht des Fotografen. Denn es fließen so viele subjektive Entscheidungen des Fotografen in die Entstehung eines Bildes mit ein: Welchen Ausschnitt wählt er, welche Brennweite benutzt er, wann drückt er ab? Genau das unterscheidet das Foto vom Film. Und das macht schließlich auch die Faszination aus.

Lassen Sie sich gern fotografieren?
Das hängt von der Person hinter der Kamera ab.

Die normale Rollenverteilung bei einer Porträtsitzung ist die, dass sich der Porträtierte unbehaglich und der Fotograf sich als großer Zampano fühlt. Als einzige Ansage des Fotografen ein, die die Unmenschlichkeit der Situation entschärfen könnte fällt mir ein: „Lächeln Sie jetzt nicht!“ Weitere Ideen?
Großer Zampano? Mit der Nummer kommt man nicht weit. Ich mag ernste Gesichter, ja. Entscheidend für ein gutes Porträt ist jedoch die Chemie zwischen den Beteiligten. Die kann auf Anhieb stimmen, oft muss man sich aber auch erst kennenlernen. Das hängt ganz von der Situation ab. Unmenschlich sollte sich das nicht anfühlen, sonst läuft etwas gewaltig schief.

„Bei einem Porträt suche ich nach der Stille in einer Person.“ Henri Cartier-Bresson
Ein schöner Satz. Das kann man nicht besser formulieren.

Was mich immer ärgert ist das Zitat: „Das Foto macht immer noch der Fotograf, nicht der Apparat.“ 
Ich würde den Anteil des Apparates auf 80 % und den des Fotografen auf 20 % ansetzen.
Das ist Quatsch. Es gibt großartige Fotos, die technisch völlig unzulänglich sind. Man braucht auch keine teure Technik, um gute Fotos zu realisieren. Der deutsche Magnum-Fotograf Thomas Dworzak etwa macht inzwischen viele seiner Bilder mit dem Handy. Für mich persönlich ist die Fototechnik zweitrangig. Ich interessiere mich mittlerweile auch nicht mehr sonderlich dafür. Bei einer Ausstellung wollte ein Besucher einmal wissen, wie ich „diese beeindruckende Schärfe“ hinbekommen hätte. Ich nannte ihm den Typ eines ziemlich günstigen Standard-Objektivs, das ich damals verwendete. Da wandte sich der Besucher beinahe angewidert ab. Mit „so etwas“ würde er doch nicht fotografieren wollen, sagte er verblüfft. Der Mann hatte einfach nicht begriffen, worum es in der Fotografie geht. Man kann eben auch mit extrem teuren Kameras schlechte Fotos machen. Das beobachte ich leider ziemlich häufig.

„Die Fotografie ist ein Handwerk. Viele wollen daraus eine Kunst machen, aber wir sind einfach Handwerker, die ihre Arbeit gut machen müssen.“ Henri Cartier-Bresson
Das sehe ich anders. Fotografie ist eine Form von vielen, sich künstlerisch auszudrücken. Und wann aus dem Handwerk Kunst wird? Diese Frage stellt sich doch unabhängig davon, ob ich einen Pinsel oder eine Kamera verwende. Auch die Malerei ist zunächst nur ein Handwerk – und viele selbsternannte Kunstmaler bleiben doch zeitlebens Handwerker. Man braucht die Fotografie nicht zu überhöhen. Aber sie zu unterschätzen, wäre ein Fehler.

Benutzen Sie die Videofunktion Ihrer Kamera?
Nein.

Was würden Sie gerne an Ihrer Fotografie verbessern?
Ich wünschte mir schlicht mehr Zeit, um außergewöhnliche Menschen aufzuspüren und zu porträtieren. Ich hätte auch gerne etwas von der Kühnheit eines guten Streetfotografen. Aber für dieses Genre fehlt mir offenbar die nötige Chuzpe.

Welches Foto eines anderen Fotografen, hätten Sie gerne gemacht?
Ganz spontan: Marilyn Monroe, Last Sitting, von Bert Stern. So sinnlich, so berührend, so melancholisch.

Welcher Fotograf oder Künstler inspiriert Sie?
In loser Reihenfolge: David Bailey, William Turner, David Bowie, Martin Schoeller, Richard Avedon, Rankin.

Ihr Tipp an andere/angehende Fotografen?
Die Technik beherrschen lernen und dann möglichst wieder vergessen.

 

Die Ausstellung ist vom 17.09. bis 08.10.2017 im KuK, Monschau zu sehen.
Vernissage: Sonntag, den 17.09., 12:00 Uhr

zurück Richard Kalvar „Earthlings“
weiter Komma wieder in’ Bunker ...