Atmen


Theater Aachen, Mörgens, Spielzeit 2017/18

„There’s nothing I can do in my life to compensate for the fact that the world would be better without me in it,” sagte Autor Duncan Macmillan in einem Interview mit dem Guardian. Eine düstere Ansicht – betrachtet man jedoch die Menschheitsgeschichte – voll poetischer Schlichtheit. Macmillan ist aber kein Dystopie-Prediger, kein Schwarzmaler, vielmehr ein feiner Beobachter und fanatischer Rechercheur. Seine Aussagen basieren auf klimawissenschaftlichen Erkenntnissen, auf fundierter Nachforschung und Sondierung.

Bei „Atmen“ gibt es kein Durchatmen. Macmillan legt seine Ängste, die Ängste einer ganzen Generation, in die Hände, in die Münder zweier Menschen, die sich in einem einzigen verschachtelten Dialog durch die Strapazen und Euphorien des Lebens tragen. Vielleicht würde ein Innehalten guttun, weniger reden, mehr handeln, einfach tun, statt zu überlegen und zu diskutieren. Vieles geht einem durch den Kopf, während man die beiden Abgehetzten auf der Bühne sieht. Es ist der Widerschein des eigenen Lebens, der eigenen mal mehr, mal weniger intensiven Hetze.
Macmillan verschachtelt graziös globale Themen mit der ganzen Skala persönlicher Empfindungen – Kind, kein Kind, wenn Kind, dann wann Kind und überhaupt unser CO2-Fußabdruck … – und lässt dabei immer die Schwere spüren, ohne auf Leichtigkeit zu verzichten. Dass die 10.000 Tonnen CO2, die jeder von uns während eines Lebens auf das Universum loslässt, dem Gewicht des Eiffelturms entsprechen, scheint genauso wichtig zu sein wie die große Frage nach der eigenen Verantwortung der Welt gegenüber.

Furios hetzen Shari Asha Crosson und Hannes Schumacher durch die kleine und doch so wichtige Existenz der beiden Charaktere. Hannes Schumacher, dem jede Rolle auf den Leib geschnitten zu sein scheint, weil er jede Rolle bis zum Äußersten verinnerlicht, spielt den Mann, der ein wenig entrückt scheint, ein wenig linkisch und hilflos (ein übrigens interessantes Männerbild), dem Leben und der Stärke seines weiblichen Gegenparts ausgesetzt.
Shari Asha Crosson, zum ersten Mal Gast in Aachen, redet sich durch das Stück wie ein schimmernder Wasserfall, die ganze Koloratur eines Regenbogens in sich tragend. Stark und dennoch voller Zweifel, in sich ruhend und trotzdem ruhelos. Eine starke Leistung!

Die Batterien des Lebens aufladen, darum geht es wohl, bis man wieder bei null angelangt ist und das mühselige Strampeln ein Ende hat. Stefan Hermanns Inszenierung lässt in ihrer Schlichtheit viel Freiraum für Spiegelungen – man sieht sich selbst in der Tretmühle des Daseins, schwitzend, keuchend, zweifelnd und hoffend. Und in all diesem Wirrwarr flackern hell die Leuchtbuchstaben vor dem geistigen Auge auf: Das Leben ist schön! (ek)

Atmen
Komödie von Duncan Macmillan
Theater Aachen – Mörgens
Inszenierung: Stefan Herrmann, Bühne: Sandra Linde, Kostüme: Elisabeth Gers
Aufführungen: 28.09., 06.10., 15.10., 29.10, jeweils 20:00 Uhr

Foto: Ludwig Koerfer

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