Uraufführung von Bölls „Aussatz“ im Theater Aachen 1970


Stadtarchiv Aachen präsentiert Archivalie des Monats Oktober

Als 1970 im Theater Aachen (damals „Stadttheater“) die Uraufführung „Aussatz“ von Bölls gezeigt wird, berichten 50 Theaterkritiker über die Generalprobe und Aufführung. Hauptperson des Stücks ist der katholische Priester Bonifatius Christ, der sich selbst tötet, weil er von kirchlichen Instanzen zu Unrecht verdächtigt wird, ein Verhältnis zu einer jungen Frau zu haben.

„Aussatz“ war die einzige Uraufführung Heinrich Bölls in Aachen. Am 7. Oktober 1970 wurde das Stück in den Kammerspielen gezeigt. Böll, der zuvor durchwachsene Erfahrungen mit den Inszenierungen seiner Bühnenstücke gemacht hatte, war zuversichtlich, dass „Aussatz“ in Aachen Erfolg haben würde. Er hatte zahlreiche Diskussionen mit dem Aachener Chefdramaturgen Helmar Harald Fischer und Regisseur Klaus Wagner geführt und für die Uraufführung eine neue Version des Stücks geschrieben.

Das bundesweite Medieninteresse an Generalprobe und Aufführung war so groß, dass am Tag nach der Uraufführung eigens für die Pressevertreter eine Zweitpremiere dargeboten wurde, nach der Heinrich Böll allen Anwesenden Rede und Antwort stand. In den Feuilletons aller großen überregionalen Tageszeitungen wie zum Beispiel FAZ, Süddeutsche Zeitung und die ZEIT, erschienen Kritiken – wie zu erwarten – mit einer großen Spannbreite zwischen Lob und zuweilen auch harter Kritik.

Mechanismen der Vertuschung und Manipulation

„Aussatz“ zeigt die Mechanismen in geschlossenen, durch Loyalität geschützten Milieus. Bei der Kirche setzen nach der Selbsttötung des Priester Bonifatius Christ Mechanismen der Vertuschung und Manipulation ein, die als einen der möglichen Gründe für den Suizid von Christ auch die Erkrankung an Aussatz ins Spiel bringen.

„Herzlicher Beifall“ des Publikums

Das Publikum der Uraufführung zeigte sich sehr zufrieden: „Das Publikum zeigte sich von der Aufführung sehr angetan und spendete Darstellern, Regisseur und schließlich auch dem Autor Heinrich Böll herzlichen Beifall. Ein schwacher, unentschlossener Buhrufer kapitulierte schnell angesichts der Woge freundlicher Zustimmung.“ Auch Heinrich Böll war mit der Aufführung und der Reaktion des Publikums einverstanden: „Ich war sehr überrascht – angenehm überrascht!“ (AVZ, 9.10.1970)

Das Aachener Stadtarchiv zeigt aus seinen Magazinen regelmäßig interessante Stücke als „Archivalie des Monats“. Die jeweilige Archivalie mit einem kurzen Begleittext wird dann einen Monat lang in einem Schaukasten im Foyer des Stadtarchivs am Reichsweg sowie digital auf der Homepage des Archivs präsentiert.
Die Archivalie des Monats Oktober wurde im Hinblick auf Heinrich Bölls 100. Geburtstag am 21. Dezember ausgewählt. Das Programmheft aus dem Jahre 1970 sowie die Theaterkritiken sind im Stadtarchiv erhalten (siehe Foto).

Quellen: Stadtarchiv Aachen, Sammlung Theater und Konzert, Nr. 49
Foto: Copyright © Stadt Aachen / Daniela Gerstäcker

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