Vincent ertrinkt. Nicht in seinem geliebten Meer, er ertrinkt in der grausamen Gleichgültigkeit seines Vaters, in dem Strudel der Medikamente gegen sein Tourette-Syndrom, er ertrinkt in der Trauer um seine tote Mutter. Aber vor allem ertrinkt er in seiner inneren Einsamkeit. Einer Einsamkeit, die er mit Marie und Alex teilt, zwei Patienten der psychiatrischen Klinik, in die ihn sein Vater, ein aufstrebender Politiker, gewissenlos abschiebt.

Dann folgt das Unausweichliche, etwas, das jedem Anstaltsaufenthalt anscheinend folgen muss: der Ausbruch des Trios, der Road-Trip ins Ungewisse, die Reise zu sich selbst. Ein immer wiederkehrendes Motiv, das Autor Florian David Fitz auf eine frische, unverbrauchte Art erzählt, ohne Schnörkel und Schleifchen. Er lässt tief in die Seelen seiner kranken und verlorenen Figuren blicken und verkündet die schlichte Botschaft, dass Liebe und wahre Freundschaft die inneren Gefängnismauern zersprengen können.

Ein wahrlich theatralisches Thema, das allzu leicht in Rührseligkeit abgleiten kann, und so sitze ich am Anfang etwas unbehaglich in einem Boot der Emotionen und lasse mich auf den Wogen des Vincent’schen Meeres treiben. Meine Befürchtungen, im Wirbel der Gefühle unterzugehen, schwinden jedoch mit jeder Geste und jedem Satz, denn Regisseurin Maren Dupont steuert das Gefährt mit erstaunlicher Leichtigkeit, mal sanft schaukelnd, mal gefährlich nahe der tosenden Brandung, und gewährt einen humorvollen und bewegenden Blick auf die Protagonisten, frei von Pathos und marktschreierischer Gefühlsduselei.

Dass ihr dies so mühelos gelingt, liegt mitunter an dem nuancenreichen und eindringlichen Spiel des Ensembles, allen voran Malte Sachtleben als Vincent. Jedes Zucken, jedes obszöne Wort schleudert er mit der Zielsicherheit eines Bogenschützen auf das Publikum, jede zarte Geste jede zarte Geste geht einem genauso durch Mark und Bein.
Angela Ahlheim wirkt kraftvoll und zerbrechlich zugleich, die von der Magersucht ausgezehrte Seele Maries ist bei ihr in den besten Händen, und Klaus Beleczko spielt den Zwangsneurotiker Alex mit solcher Wucht, dass man ihn am Ende statt mit Blumen gerne mit Einweghandschuhen bewerfen möchte.
Regina Winter (Dr. Rose) und Daniel Wandelt (Vater von Vincent) geben dem ungleichen Psychologen-Politiker-Duo Esprit und Leichtigkeit.
Mehr Meer geht kaum.

Vincent will Meer
Schauspiel von Florian David Fitz, Das Da Theater
Inszenierung: Maren Dupont, Bühne: Frank Rommerskirchen, Kostüme: Nadine Dupont

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