Opulente Sonderausstellung rund um das Kulturgut aus dem Zapfhahn

„Opa wurde 100jährig, stets trank er Degraa obergärig.“ Den alten Werbespruch kann in Aachen jeder herunterbeten. Er ist ja auch zu schön. Dennoch scheint angezeigt, die Geschichte dieser und anderer Allgemeinplätze zum Thema Biergenuss einmal historisch präzise zu verorten. Das dachte man sich auch im Neuen Stadtmuseum am Katschhof und schritt mutig zur Tat, denn lang und reich ist sie, die Aachener Geschichte vom Bier und vom Brauen, und das Unterfangen kein einfaches. Bei den hunderten von Ausstellungsstücken, vom Bierdeckel bis zum Zapfhahn und vom Flaschenetikett bis zum Barhocker, die für die Ausstellung „Bier & Wir“ zusammengetragen wurden, drängt sich zunächst die Frage auf, woher das alles stammt, was da im Oktober im Centre Charlemagne seinen Platz finden soll. Nun, ganz augenscheinlich hat das Thema bei den Aachenern einen Nerv getroffen, denn die Ausstellungsmacher wurden von allen Seiten geradezu mit Devotionalien aus Privat- und Firmenbesitz zugeschüttet. Die rege Beteiligung im Vorfeld legt den Schluss nahe, dass es hoch an der Zeit war, das besondere Verhältnis der Aachener zum Gerstensaft und zu allem, was damit zusammenhängt, in ein museales Ausstellungskonzept zu gießen. Das Ergebnis, verdichtet durch eine akribische historisch-wissenschaftliche Untermauerung, wird man ab dem 14. Oktober ganze vier Monate lang begutachten können.

First things first: die kleine Kneipe in unserer Straße

Ein naheliegendes und ebenso spannendes wie nahezu uferloses Thema sind die Aachener Kneipen und Lokale. Ein Feld, das man unmöglich erschöpfend beackern kann. Die wichtigsten Vertreter jedoch, von Albrecht-Dürer-Stube bis Zounds, werden ihren Platz finden. Historische Raritäten wie ein Tondokument aus dem Jahr 1982, auf dem die unvergessene Madame Dumont zu hören ist, sowie elektrisierendes Filmmaterial aus den frühen Tagen der nachweislich ersten Diskothek der Welt, dem Scotch-Club, werden wohl die allermeisten Besucher erstmals zu hören bzw. zu sehen bekommen. Auch etliche noch existierende Lokale, allen voran unkaputtbare Institutionen wie der Domkeller oder das Café Kittel, dürfen nicht fehlen. Soweit greifbar, wurden Original-Artefakte und historische Fotos gesammelt, die anhand von Kurzporträts in Textform kommentiert und von Fall zu Fall durch aktuelle Fotos komplettiert werden. In Szene gesetzt wird das Ganze in einer aufwendigen und eigens entworfenen Kulisse, durch die der ein oder andere sich an seine Stammkneipe erinnert fühlen wird.

Das Ende vom Lied. Vom Sterben der Aachener Brauereien

Einen weiteren Schwerpunkt der Ausstellung bildet ein Blick auf das Aachener Brauereiwesen, dessen Blütezeit man auf das Ende des neunzehnten Jahrhunderts datiert. Damals gab es rund 80 Brauereien im Stadtgebiet. Weil man für das Bierbrauen Wasser in rauen Mengen und in guter Qualität benötigte, befanden sie sich in der Nähe der Aachener Bäche. Diese und andere Aspekte werden anschaulich vertieft und, analog zu den Zechtümpeln, in entsprechender Brauhaus-Kulisse präsentiert. Beispielhaft werden sechs Traditionsbrauereien ausführlich dargestellt. In diesem Komplex geht es auch um einen oft übersehenen Teil der Aachener Industriegeschichte, denn alles, was man zum Brauen braucht, wie etwa Kupferkessel, Pumpen und dergleichen, wurde auch in der Region hergestellt.

Zurück zu den Anfängen. Die Geschichte des Bieres

Von dort aus greift das Ausstellungskonzept dann weit in die Vergangenheit. Nicht unter Umgehung, aber ohne besondere Erwähnung von Kaiser Karl, der sich zum Thema Bier kaum äußerte, und wenn, dann nur abfällig, wie Einhard berichtet. Bekanntlich wurde schon lange vor der Einführung des deutschen Reinheitsgebots (beim Datum einigte man sich später auf den 23. April 1516) in Deutschland und anderswo so etwas wie Bier gebraut. Was genau man sich darunter vorstellen muss, wird ein Kapitel der Ausstellung bilden, in dem man zum Beispiel etwas über Brotbier und die Rolle der Klöster erfährt, aber auch, dass die ganze Brauerei früher eigentlich Frauensache war.

Da braut sich was zusammen

Trotz der eingangs getroffenen Feststellung, dass die Zeit reif ist: Die Ausstellung, sie kommt spät. Denn etliche Zeitzeugen, die die Aachener Kneipenlandschaft noch aus der Nachkriegszeit und vielleicht sogar noch die letzten aktiven Brauereien aus eigener Erfahrung kannten, sind mittlerweile verstorben oder nicht mehr ausfindig zu machen. Beobachtet man jedoch die aktuelle Entwicklung, dann kommt die Show genau zum richtigen Zeitpunkt. Regionale Produkte liegen allgemein im Trend. Auch die Bierlandschaft ist in Bewegung und entwickelt sich hin zur regionalen Produktion. Das sagt etwa Thomas Reinold-Cramer von der Privatbrauerei Joh. Cramer & Cie. KG in Wollersheim in der Nordeifel gegenüber der Aachener Zeitung und will nicht ausschließen, dass vielleicht in naher Zukunft auch dort wieder ein Bier gebraut wird. Derzeit werden die Produkte des seit 1791 existierenden Unternehmens von Großbrauereien nach überlieferter Rezeptur hergestellt.
Bereits sehr konkret sind die Pläne bei der Cornelius-Bräu GmbH in Aachen, wo man sich aktuell mit der Wiedereinführung eines originären Produktes beschäftigt. Das Cornelius Sanctus steht schon jetzt in den Regalen ausgewählter Einzelhändler und Supermärkte sowie auf der Getränkekarte einiger Restaurants, soll aber, wie eine Nachfrage ergab, schon bald nicht mehr im Auftrag gebraut werden, sondern in der Metzgerstraße aus eigenen Kesseln der Cornelius-Bräu kommen.
Eckhard Heck

Bier & Wir – Brauen, trinken, feiern in Aachen, Centre Charlemagne – Neues Stadtmuseum, 14.10.2017-25.02.2018 | Eröffnung: Freitag, 13.10.2017, 19:00 Uhr
Führungen unter fachkundiger Anleitung sind ebenso vorgesehen wie Stadtspaziergänge auf den Spuren der Aachener Braukunst, ein nachempfundenes Kneipenquiz und die Wiederaufführung des Films „Beer Brothers“ von Michael Chauvistré und Miriam Pucitta.
Termine unter www.centre-charlemagne.eu. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.

Aufmacher: aus dem Archiv von Runi Förster

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