L’incoronazione di Poppea


Suzanne Jerosme | Foto: Wil van Iersel

Fortuna und Virtu können herzlich wenig gegen die Macht Amors unternehmen; mag diese noch so grausam und unmoralisch erscheinen, noch so körperlich und oberflächlich, der Sieg ist ihr sicher. Der lustvoll gewissenlose Nero begehrt die schönste Frau Roms, die holde Poppea, die ihrem grausamen Liebhaber in nichts nachsteht. Natürlich, sie begehrt ihn, genauso wie er sie begehrt, doch ihre Lust auf ihn mischt sich unverhohlen mit der Sehnsucht nach dem Thron, mit dem unbedingten Wunsch nach Macht.
Seit dem ersten geschriebenen und gesungenen Wort fallen unglückliche, doch rein und ehrenhaft verliebte Paare wie die Fliegen um, während in Monteverdis letztem Werk „L’incoronazione di Poppea“ die beiden Antihelden in den Olymp ihrer Träume aufsteigen dürfen. Fühlt man auch eine gewisse Antipathie, spätestens beim Erklingen der ersten Akkorde von „Pur ti miro, pur ti godo“, einem der beeindruckendsten Liebesduette der Operngeschichte, werden Betrug, Mord und Verrat im Nu vergessen, man verschmilzt auf den zartesten Klängen schwebend mit Poppea und Nero in ihrer begierigen Umarmung.

Mögen Bühne und Kostüme auch einen Hauch zu viel an Monsieur Gaultier erinnern, sie lassen einen von einem genüsslichen Taumel in den nächsten stolpern. Innerhalb und außerhalb eines flatterig bedeckten Kokons geht es flatterhaft zu. Es wird gestöhnt und gerekelt, geliebt und gelitten, das physikalische Gesetz der Anziehung und Abstoßung durchgerührt und geschüttelt. Die Bühnen- und Kostümbildnerinnen Pia Greven und Sandra Münchow unterstreichen mit ihren ausgefallenen Kreationen die ekstatische, durch und durch verdorbene Welt Neros.

Jarg Patakis Inszenierung ist ein hedonistisches, sinnlich überbordendes Fest, in dem erotischer Reigen, moralischer Kampf und aalglatte Intrigen gleichermaßen zur Vollendung kommen.
Pataki lässt spielen und toben, an Dekadenz, Wahrem und Unwahrem teilhaben, reizt das Ensemble bis zum Äußersten, ohne die Musik ihrer Schwingen zu berauben. Die erstrangige Besetzung ist nicht nur stimmlich ein Hochgenuss. Regisseur Pataki schafft eine besondere Harmonie, eine ungekünstelte, unbefangene Atmosphäre inmitten der gezielt künstlichen Welt, in der jeder Akteur seine spezielle Rolle ausfüllt und gleichzeitig als Rädchen der turbulenten Bühnenfamilie eine perfekte Einheit modelliert.

Was Pataki auf der visuellen und inhaltlichen Ebene gelingt, schafft Kapellmeister Justus Thorau auf der musikalischen. Mit einem großen Aufgebot an barocken Instrumenten, wie Gambe, Theorbe, Cembalo und Psalterium, wird das Aachener Orchester der beeindruckenden Instrumentierung und speziellem Klang in Monteverdis Werk mehr als gerecht.

Eine Fülle von audiovisuellen Eindrücken prasselt während dreieinhalb Stunden auf das Publikum ein. Doch anstatt sich gegenseitig zu erdrücken, bleiben Bilder und Töne haften und lassen die Inszenierung im Kopf zu einem einzigartigen, pittoresken Kunstwerk weiter wachsen. (ek)

L´incoronazione di Poppea
Oper von Claudio Monteverdi
Theater Aachen, Bühne
Musikalische Leitung: Justus Thorau, Inszenierung: Jarg Pataki, Bühne: Pia Greven, Kostüme: Sandra Münchow
Termine:
Oktober: Do, 05.10., 19:30 Uhr | Sa, 07.10., 19:30 Uhr | Sa, 14.10., 19:30 Uhr | Mi, 18.10., 19:30 Uhr | So, 22.10. 18:00 Uhr | So, 29.10., 15:00 Uhr
November: Fr, 17.11., 20:00 Uhr
Dezember: Sa, 30.12., 19:30 Uhr | Fr, 19.01., 19:30 Uhr

Foto: Suzanne Jerosme by Wil van Iersel

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