Ein schwarzer Hund, nur als schwarzer Fleck auf Fotos mit Herrchen und Frauchen zu erkennen. Ein Kaninchen mit Keks, Kaffeekanne oder Toilettenpapierrolle auf dem Kopf. Eine Frau im Taxi, fotografiert in verschiedenen Orten. Schicke Damen vor Grünzeugs. Menschen, unsichtbar geblieben hinter einem Finger, der die Linse verdeckt.
Erik Kessels hat unzählige Fotografien gesichtet, gesammelt und in neue Zusammenhänge gestellt. Lustig, feinfühlig und auch melancholisch stimmend ist die Ausstellung, die dabei zustande gekommen ist. Sie ist noch bis zum 5. November im NRW-Forum Düsseldorf zu sehen.

Erste Kessels-Retrospektive in Düsseldorf

Erik Kessels, Werbe-Ikone aus den Niederlanden, hat für das NRW-Forum Düsseldorf die Corporate Idetity entwickelt. Er ist nicht nur Werber, sondern auch Künstler, Kurator, Publizist und leidenschaftlicher Beobachter und Sammler von Fotografien aus allen Jahrzehnten. Er stöbert in alten analogen Alben und natürlich auch im Internet. Er sammelt das Unvollendete und Unperfekte und verleiht ihm durch die Präsentation in Büchern und in Ausstellungen neue Wichtigkeit.
Derzeit zeigt das Museum in einer Retrospektive die wichtigsten Arbeiten der vergangenen 20 Jahre, sowie 60 Bücher, die Kessels publizierte. Die Themen sind verschieden, das Prinzip ist dasselbe: gefundene Fotografien aus Familienalben, Archiven und dem Netz werden durch die Auswahl und Aufbereitung aus ihren Kontexten gelöst und bekommen neue Bedeutungen. Etwas Zufälliges hat die Ausstellung dabei nicht. Mit dem zielsicheren Auge eines Grafikers wurden die Motive gesichtet, ausgewählt und gekonnt präsentiert.

Obwohl das NRW-Forum mit seinen zwei Räumen im Erdgeschoss eher überschaubar ist, bietet diese Ausstellung unglaublich viel Stoff für Denkanstöße.

Für die Arbeit „24hrs in Photos“ (2011), die einen direkt beim Eintreten im ersten Raum erwartet, hat Erik Kessels einen einzigen Tag ausgewählt und die Bilder ausgedruckt, die bei Flickr an diesem Datum hochgeladen wurden. Entstanden ist ein Berg mit über einer Million Fotos, der bis unter die Decke des Ausstellungsraumes reicht. Damit will er verdeutlichen, dass Menschen heute vor dem Mittagessen mehr Bilder sehen können, als früher in ihrem ganzen Leben. Gleichzeitig verlieren die Bilder an Wert, werden in der Masse kaum noch wahrgenommen und verschwinden letztlich in dieser.

Eine andere Bedeutung hatten Bilder früher.
In Vitrinen stellt Kessels wunderschöne alte Fotoalben aus, die wie aus einer anderen, lange zurückliegenden Welt anmuten.

In Almost Every Picture

„In Almost Every Picture“ ist ein immer wiederkehrendes Serienmotiv bei Kessels. Seine wahrscheinlich bekannteste Serie aus dieser Reihe erzählt die Geschichte eines Ehepaares, das über Jahre vergeblich versucht, seinem geliebten schwarzen Hund ein Gesicht zu verleihen. Egal welches Bild man betrachtet – dort wo der Hund zu sehen sein soll, ist lediglich ein schwarzer Fleck. Erst ganz am Ende der Reihe erkennt man bei einem vollkommen überbelichteten Bild Schnauze und Augen des Tieres. Die Bilder funktionieren aber nicht nur durch die Geschichte dahinter, sondern auch durch die Komposition und das Spiel mit Kontrasten.


Bei der ersten von Kessels Serien hat ein Ehemann über 12 Jahre seine Frau bei Ausflügen kunstvoll in Szene gesetzt und porträtiert. Man beobachtet sie beim älter werden. Kleidungsstil und Frisur verändern sich, schließlich geht sie mehr und mehr im Hintergrund unter, bevor die Serie endet. In drei langen Reihen übereinander gehängt ergeben die groß abgezogenen farbstichigen Bilder ein wunderbares Gesamtkunstwerk.
Witzige Serien sind auch dabei. So hat sich eine Dame immer wieder in voller Kleidungsmontur im Wasser ablichten lassen und sprüht dabei vor Lebensfreude.
Ein Tierfreund hat ab 1999 eine der ersten Fotoserien auf einem Blog präsentiert. Sie zeigen sein Kaninchen, das immer andere Gegenstände auf seinem Kopf balanciert. Auf den letzten Fotos sieht man das Tierchen alt werden. Die Serie endet mit der Beerdigung des kleinen Hüpfers.
Ein Taxifahrer hat über Jahre eine körperbehinderte Kundin durch Europa gefahren. Bei jeder Fahrt hat er ein Foto von ihr in seinem Taxi geschossen.

Dann wieder werden dem Betrachter die vielen Auswüchse der digitalen Ära beispielhaft vor Augen geführt. Halbnackte Ladys posieren auf Särgen – warum auch immer. Ein Blondine fährt ihren Wagen im Matsch oder Sand fest und versucht, ihn auszugraben. Diese Serien sind auf leuchtenden Neonröhren ausgestellt, was ihnen eine absurde Präsenz gibt.

Auch in seinen eigenen Fotoalben hat Kessels gekramt und „Strangers in My Photoalbum“ (2007) gefunden. Diese Personen, die verschwommen irgendwo im Hintergrund oder am Rand erscheinen, hat er vom Bildmotiv abgetrennt und alleine vergrößert und ihnen so eine eigene Bedeutung verliehen.

Eine andere Serie zeigt große Ausdrucke von Motiven bei denen der Fotograf einen Finger vor der Linse hatte. Neben der alten Dame beim Kartenspiel fehlt das Antlitz ihres Gatten. Bei einem Familienfoto ist nur ein Jugendlicher am Rand zu sehen, die restliche Familie ist verdeckt, – wie mag sie wohl ausgesehen haben?
Bei einer Serie von Polaroids, die Kessels hat abziehen lassen, sieht man Menschen am Strand. Aber bei allen Personen ist dort, wo der Kopf sein sollte nur ein Loch zu sehen. „Warum?“, fragt man sich. Wer waren diese Menschen? Wie es zu der Serie kam erfährt man zwar, das Gesicht der Personen wird man jedoch nie kennenlernen.

Anrührend ist eine Serie von zwei Zwillingsschwestern, die sich zwar nicht besonders ähnelten, sich aber immer gleich kleideten und sich beim Flanieren durch Städte fotografieren ließen. Auf einem Foto sieht man eine Schwester dunkel gekleidet. Ab dann ist sie nur noch alleine zu sehen. Der Platz neben ihr bleibt leer.

Initialzündung

Kessels gibt bei einigen Werken Einblick in seine Familiengeschichte. Da ist sein Vater, der leidenschaftlich Autos umgebaut hat. Nach einem Schlaganfall bleibt sein Werk unvollendet.
Ein kurzes Video zeigt Kessels als 11-Jährigen beim Tischtennisspiel mit seiner jüngeren Schwester. Vier Wochen später verunglückte diese tödlich. Nach Kessels Darstellung war dies Erlebnis die Initialzündung für seine Beschäftigung mit alten Fotografien. Er begriff die Endlichkeit des Lebens und das Überleben der Personen in den Bildern, die von ihnen angefertigt wurden und die eine ikonische Bedeutung erlangen konnten. Durch seine Auswahl gibt Kessels auch Fremden ein Gesicht und holt sie zurück in die Erinnerung.

& Friends

Fünf Freunde Kessels haben von ihm ein wenig Platz erhalten, Werke zu präsentieren. Ruth van Beek (geboren 1977) sammelt Bilder, überall wo sie sie findet (Bücher, Second-Hand, Tierbilder …). Durch Ausschnitte und Faltungen werden diese neu zusammengesetzt. Die Besucher können sich einen Schwarzweiß-Print eines dicken Kaninchens mitnehmen. Peter Piller (1968 geboren), hat ca. 6.000 Zeitungsfotos gesammelt, die er sortiert und zu thematischen Serien zusammenstellt. Hier zeigt er eine Serie von Fotos die Menschen beim Gedenken an den 11. September 2001 zeigt.

Links:
www.nrw-forum.de
www.kesselskramerpublishing.com

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