Kollision – Chronik einer Eskalation


Vordere Reihe: Mustafa Alzuabidi, Ahmad Ghorbani, Abdullah Alhamad | hintere Reihe: Zanyar Hannan, Youssef Abojobbah, Mohammed Baker | Foto: Bruno Valentim

Falafel trifft auf Kartoffel. Keine Verschmelzung der Aromen, kein harmonisches Miteinander; Karambolage wäre treffender, denn es mangelt nicht an Scherben.
Alles beginnt mit einem Paar Schuhe, das findige, vom Krieg in ihren Heimatländern gezeichnete Jungs dem kleinen Streber aus gutem Hause in einem nicht ganz fairen Spiel abnehmen. Der Vater des Jungen, der mit dem Geld, lässt die Sache nicht auf sich beruhen. Die Mutter, die mit den Eiern in der Hose, stachelt mit einer kuriosen Synthese aus Besorgnis und Coolness die Situation an. Dabei sind sie doch so liberal, so offen für diese neue Gesellschaftsform, in der erst die Mischung aus Bratkartoffelsalz und Harissa die richtige Würze ergibt. Schließlich sitzen wir alle im selben Boot.

Der Philosoph Sir Karl Popper, dessen Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ sich wie ein roter Faden durch das Stück schlängelt, schrieb: „Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die unbeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.“ Eine verzwickte Sachlage, die zu lösen vielleicht man weit mehr braucht, als nur eine offene Gesellschaft.

Auf der Bühne des Mörgens Theaters wird aus dem gemeinsamen Boot ein langer Tisch, an dem man den eigenen Platz sucht. Sechs jugendliche Flüchtlinge und die Vorzeigefamilie aus deutschen Landen ringen um Worte und Akzeptanz, um Verständnis und Anerkennung. Wie vertrackt dies jedoch sein kann, welch behutsame Gratwanderung die Umsetzung dieses Miteinanders bedeutet und wie sehr alles eine Frage der Perspektive ist, zeigt eindrucksvoll Stefan Hermanns Projekt.

Die geflüchteten Jugendlichen Youssef Abojobbah, Abdullah Alhamad, Mustafa Alzuabidi, Mohammed Baker, Ahmad Ghorbani, Zanyar Hannan, und die Schauspieler Katharina Waldau, Ramon Linde und Karl Walter Sprungala bestechen durch ihr differenziertes und natürliches Spiel, man fühlt sich wie ein Voyeur, durch den schmalen Spalt der nicht ganz zugezogenen Vorhänge in ein fremdes Wohnzimmer lugend.
Stefan Hermann und dem Ensemble gelingt es, die Chronik dieser Eskalation in vielschichtiger Manier aufzuzeigen, einen Schuldigen sucht man vergebens, denn Konflikte sind wie eine Zwiebel, man muss viele Schichten lösen, eher man zu dem Kern vordringen kann. Und dorthin gelangt, verweigern uns unsere tränendurchnässten Augen selten eine klare Sicht.

Popper sagte auch: „Wir sind jetzt verantwortlich für das, was in der Zukunft geschieht.“
Eine Verantwortung, die wir alle tragen müssen. (ek)

Kollision – Chronik einer Eskalation | Theater Aachen – Mörgens | Ein Theaterprojekt von Stefan Herrmann in Kooperation mit dem Theater Aachen und der Brotfabrik Bonn | Inszenierung: Stefan Herrmann |
Aufführungen: 04. | 19.11.2017

zurück Erik Kessels & Friends – Bildern Bedeutung geben
weiter Die Unsichtbaren