Schätzungen darüber, wie viele Juden im Dritten Reich im Untergrund versteckt wurden und überlebten, gehen weit auseinander. Für Berlin geht man von 7.000 Untergetauchten aus, von denen 1.700 überlebten. Deutschlandweit sollen es rund 15.000 Menschen gewesen sein, die versuchten, sich zu verstecken. Von den Helfern wurden 3.000 bekannt, es müssen jedoch weitaus mehr gewesen sein. Die meisten waren 40 bis 50 Jahre alt, zwei Drittel davon Frauen.

Während man früher davon ausging, dass alle Helfer uneigennützig handelten, weiß man heute aus Überlieferungen von Überlebenden, dass dies nicht immer der Fall war. In einigen Fällen ging es um Geld oder um jede Form von Dienstleistungen. Die Helfer gingen ein hohes Risiko ein. Allein auf die Beschaffung von Lebensmitteln für Juden stand die Deportation ins Konzentrationslager.

Mindestens 1.500 Kinder überlebten in Klöstern und kirchlichen Einrichtungen, wo man versuchte, ihre Identität zu verschleiern.Viele Deutsche Juden – bekanntes Beispiel ist die Familie von Anne Frank, die ursprünglich aus Aachen kam – versteckten sich in den Niederlanden und in Belgien. Dort überlebten 25.000 Juden. Gemeinsam haben die Überlebensgeschichten eins: Sie zeugen von ungeheurem Überlebenswillen der Versteckten – und von Glück. Denn mit einfachem Schwarz-Weiß-Denken war es nicht getan.

Jede Geschichte zeigt einen schwierigen täglichen Kampf ums Überleben auf. Nicht immer war einfach zu erkennen, wer gut ist und wer Feind. Die eigene arische Familienlinie konnte zum Gegner werden, der Nachbar, der sich hinter seiner SS-Zugehörigkeit versteckte, zum Helfer.

Versprich mir, dass du am Leben bleibst

„Versprich mir, dass du am Leben bleibst“, gibt Hans dem jungen Isaak mit auf den Weg, als dieser sein Versteck verlässt. Hans, selbst nahezu mittellos, hat den jungen Juden in seiner Wohnung versteckt und sogar seine Kleidung mit ihm geteilt.
Durch einen Zufall ist der 19-jährige Isaak Behar am 13.12.1942 nicht zu Hause, als seine Eltern und seine beiden Schwestern deportiert werden. Fortan irrt er als U-Boot durch die Stadt, schläft in Kellern oder bei Menschen, die ihn verstecken. Für sein Überleben nennt er zwei Gründe: seinen unbezwingbaren Willen zu überleben und jede Menge Glück. Denn nicht immer verhält er sich vernünftig, fordert trotzig das Schicksal heraus. Zweimal gelingt es ihm zu entkommen, als er deportiert werden soll. Und immer wieder trifft er auf Menschen, die ihm helfen und ihr eigenes Leben für ihn aufs Spiel setzen.
Isaak Behar: Versprich mir, dass du am Leben bleibst. Ein jüdisches Schicksal. Ullstein, Berlin 2002.

Versuche, dein Leben zu machen

Margot betritt einen Frisiersalon und lässt sich die Haare rot färben, denn Juden haben keine roten Haare. Zuvor hat sie den Judenstern abgenommen. Es sind die ersten Entscheidungen in ihrem Leben, die die gerade 21-Jährige selbstständig trifft.
Kurz vorher hat sie von einer Bekannten ihrer Mutter eine mündliche Nachricht erhalten: „Versuche, dein Leben zu machen“ sind die letzten Worte der Mutter an die Tochter. Diese hat sich entschieden, ihrem jüngeren Sohn Ralph zu folgen, der am Morgen von der Gestapo festgenommen wurde. Dabei wollten die drei nach jahrelangen Vorbereitungen gerade gemeinsam fliehen. Margot bleibt alleine zurück und taucht unter. Lässt sich die Haare färben und sogar eine „nichtjüdische Nase“ machen. Die junge, attraktive Frau wird von diversen Helfern versteckt, nicht alle von ihnen handeln selbstlos. Sie muss die Erfahrung machen, dass Gegenleistungen gefordert werden, sei es Geld, Arbeit im Haushalt oder mehr. Schließlich wird auch sie deportiert und überlebt Theresienstadt.
Margot Friedlander mit Malin Schwerdtfeger: Versuche, dein Leben zu machen. Als Jüdin versteckt in Berlin. Rowohlt Berlin, 2008.

Mama, was ist ein Judenbalg?

Helmut Clahsen schildert seine Kindheit als Halbjude in Aachen. Seine Mutter, Konzertpianistin am Theater Aachen, verliert ihren geliebten Beruf und wird ins Krankenhaus nach Forst eingeliefert, wo sie nach langen medizinischen Versuchen verstirbt. Der kleine Helmut, von den eigenen arischen Tanten verfolgt, wird den größten Teil seiner Kindheit versteckt. Organisiert hat das eine Freundin der Mutter. Helmut und sein Bruder kommen in Klöstern unter, wo sie an mehr oder weniger wohlmeinende Ordensschwestern geraten, schlagen sich teils alleine durch und werden schließlich bis zum Ende des Krieges auf einem Bauernhof in Belgien versteckt. Nach dem Krieg geht der inzwischen 14-Jährige erstmals in die Schule und realisiert, dass viele Nazis immer noch da sind. Seine Eindrücke aus der Nachkriegszeit schildert er in dem Buch „Und danach, David? Ist Goliath wirklich besiegt?“. Helmuth Clahsen lebte bis zu seinem Tod 2015 in Aachen.
Helmut Clahsen: Mama, was ist ein Judenbalg? Eine jüdische Kindheit in Aachen 1935-1945. Helios-Verlag, Aachen 2003.

Film zum Thema:

Die Unsichtbaren


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