Aufstieg und Fall: der Kaiserplatz in Aachen


Wer sich historische Postkarten von Aachen um die Jahrhundertwende anschaut, wird stutzig. Eins der beliebtesten Motive war doch tatsächlich der Kaiserplatz. Er gehörte mit anderen Sehenswürdigkeiten der Stadt in die Riege der Orte, auf die man stolz war und prangte gemeinsam mit dem Polytechnikum (der heutigen RWTH) oder neben Abbildungen von Rathaus, Marschiertor und Elisengarten auf Ansichtskarten. Darauf zu sehen: Kinder, die über den Platz tollen, Damen, die im Sonntagskleid und mit Schirm promenieren, und Straßenbahnen, die – teils noch von Pferden gezogen – Menschen von hier nach dort befördern.

Der Platz war um 1900 eine exklusive Adresse. Zu verdanken war dies großenteils dem reichen Bürger Gerhard Rehm. Um 1860 kaufte er das heute nach ihm benannte Rehmviertel – den Bereich zwischen Adalbertsteinweg und Jülicher Straße. Ursprünglich wollte er es der Stadt zum Bau des Polytechnikums überlassen, aber diese entschied sich für den Standort Templergraben. Das Rehmviertel ließ er schließlich mit zahlreichen hochwertigen Gründerzeithäusern, aber auch mit Arbeiterblocks für die umliegenden Großfirmen bebauen. In Sichtweite seines Viertels wurde 1879 auf seine Initiative anlässlich der goldenen Hochzeit des Kaiserpaares ein gusseiserner Brunnen aufgestellt, den Rehm von der Weltausstellung in Paris mitgebracht hatte. Bei dieser Gelegenheit erhielt der Platz, der vormals Adalbertsrundplatz hieß, seinen neuen Namen und das Rondell inklusive Bepflanzung.

Im Zweiten Weltkrieg wurde dem Areal schwer zugesetzt. Der Brunnen wurde bereits 1939 für die Rüstungsindustrie eingeschmolzen und 1944, gegen Ende des Krieges, wurde der Platz drei Tage heftig umkämpft, die Bausubstanz war anschließend zu 80 Prozent zerstört. In den 50er Jahren entstanden neue Wohn- und Geschäftshäuser, das Kino Gloria-Palast und ca. 1975 eine – damals hochmoderne – Unterführung mit Ladenlokalen unter der Erde. Der Fortschritt veränderte auch den Kaiserplatz stetig. Die 1880 eingeführte Straßenbahn wurde 1974 abgeschafft. Der Auto- und Busverkehr floss dort durch die Stadt, wo früher die Spaziergänger lustwandelten.

Gut bekommen ist das dem Knotenpunkt nicht. Zu laut und dreckig wurde es für Anwohner, auch das Rehmviertel verkam immer mehr zum Brennpunkt. Bereits Anfang der 90er Jahre standen fast alle Ladenlokale in der Unterführung leer und die Drogenszene hatte sich an den Kaiserplatz verlagert, geschlafen wurde in der Unterführung. Ob die Läden zuerst gingen oder die Drogensüchtigen zuerst kamen und wie das eine das andere bedingte, lässt sich nicht mehr genau nachvollziehen. Die Unterführung wurde jedenfalls wieder geschlossen, die Szene aber blieb am Platz. Um das ganze Areal aufzuwerten, beschlossen Stadt und Investoren 2006 das Shopping-Mall-Großprojekt Kaiserplatz-Galerie. Kino, Wohnungen und alte Ladenlokale wichen, lange tat sich überhaupt nichts mehr. Dann wurde das Einkaufszentrum doch gebaut und hieß nun Aquis Plaza. Im Rest der Geschichte befinden wir uns derzeit.

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