Der Kaiserplatz und seine Imageprobleme – vom Postkartenmotiv zur Schmuddelecke und wieder zurück? Die Suchthilfe Aachen arbeitet mit großem Einsatz am Image des vorderen Adalbertsfelsen.

Im Schein der Straßenlaterne hebt sich King Kong mit ihrer stattlichen Größe von vier Metern strahlend vom dunklen Nachthimmel ab. Ihre Sonnenblumenschwester ein paar Meter weiter hat es nicht so gut getroffen. Auf dem Weg nach oben in luftigere Höhen ist oder wurde sie abgeknickt. Eine Kartonschiene an ihrem Stängel dokumentiert einen liebevollen Rettungsversuch. Verantwortlich für die neue Blumenpracht an Aachens Sorgenkind, dem Kaiserplatz, sind ausgerechnet diejenigen, die dem einstigen Schmuckstück von Aachen in den letzten zwei Jahrzehnten ein denkbar schlechtes Image verpasst haben. Hier residiert die Drogenszene, vor über 20 Jahren vertrieben aus dem Elisengarten und vor Ort betreut von der Aachener Suchthilfe. Diese betreibt in den kleinen Ladenlokalen aus den 50er Jahren unter dem Namen Troddwar ein niedrigschwelliges Kontaktcafé und eine medizinische Ambulanz.
Mark Krznaric, Leiter der Einrichtung, und Laurids Elsing, Sozialarbeiter und Streetworker, kümmern sich gemeinsam mit ihrem Team hier täglich um circa 120 feste Klienten und weitere Personen, die neu hinzustoßen. Zum Angebot gehören die gesetzlich vorgeschriebene psychosoziale Begleitung bei Substitution von harten Drogen und die Beratung bei allen Themen rund um „Safer Use“, aber auch bei Themen, die den Alltag betreffen, wie Einkommenssicherung, Behördenangelegenheiten sowie Unterstützung bei der Suche und beim Erhalt des Wohnraums.
Ein wichtiger Aspekt ist, dass die Klienten lernen, ihre Umgebung so wenig wie möglich mit ihrem Konsum zu belasten. Um ihnen dabei zu helfen, wird Spritzbesteck kostenlos ausgetauscht. Wer neues benötigt, ohne altes abzugeben, muss es bezahlen. Damit soll erreicht werden, dass möglichst wenige gebrauchte Spritzen in der Stadt landen.

Spritzbesteck und ein warmes Mittagessen

Auch wenn täglich 500 bis 600 Sets ausgetauscht werden, kommen immer wieder Spritzen nicht zurück. Seit über fünf Jahren setzt die Suchthilfe daher fünf geschulte Ein-Euro-Jobber/-innen ein, die an fünf Tagen die Woche die Stadt an den Hotspots der Szene nach Spritzen absuchen und diese fachgerecht entsorgen.
Eine medizinische Ambulanz kümmert sich zudem um Verletzungen und andere Notfälle. Auch wenn in Deutschland jeder krankenversichert ist, kommt es doch zu Situationen, in denen keine Versicherung greift, beispielsweise wenn Abhängige aus dem Gefängnis entlassen werden und es versäumen, nach Ende der Pflichtversicherung, die im Gefängnis gegeben ist, direkt die richtigen Schritte für eine nahtlose Weiterversicherung zu veranlassen. Auch wenn medizinische Hilfe vor Ort vorhanden ist, versucht das Team der Suchthilfe, seine Klienten zu einem eigenständigen Leben mit Selbstverantwortung zu verhelfen. Das Ziel ist in diesem Fall eine eigene Krankenversicherung und der Besuch eines Hausarztes. Manchmal finden auch Flüchtlinge den Weg in die Ambulanz. Hier wird unbürokratisch geholfen und nach Möglichkeit in zuständige Einrichtungen vermittelt.

Zentrum vor Ort ist das gemütliche Kontaktcafé, wo sich Besucher zwischen 12:30 und 15:30 Uhr für 1,80 Euro mit einem gesunden, frisch gekochten Mittagessen versorgen oder einen Kaffee trinken können. Wer die Einrichtung besucht, muss sich an die Hausregeln halten. Das heißt: kein Konsum vor Ort, kein Handel mit Drogen und keine Gewalt.

Abhängig und doch ein mündiger Bürger – auch Abhängige haben Pflichten

Lange wurde überlegt, was zusätzlich getan werden kann, um die schlechte Stimmung am Kaiserplatz und die Konflikte mit den Nachbarn zu entschärfen. Eine Idee beinhaltete die offenere Gestaltung der Räumlichkeiten. Ende des Jahres wurden die Milchglasfolien von den Fenstern entfernt, sodass man von außen in die Räume schauen kann. Im Café sorgen Blumen auf den Tischen für eine freundliche Stimmung und als wichtige Instanzen wurden der Besucherrat und das Frauencafé gegründet. Hier werden Klienten bewusst mit in die Planungen für eine bessere Zukunft einbezogen. Circa zehn Menschen nehmen regelmäßig an den Treffen teil und im Besucherrat entstand der Wunsch, den ganzen Bereich vor dem Treffpunkt aufzuwerten. „Vorher war da nur ein Rattengebüsch“, gibt Mark Krznaric zu Protokoll, „und unsere Gäste fragten, ob sie das nicht mit einem Garten schöner gestalten könnten.“
Die Idee für „Querbeet“ war geboren. Die Stadt willigte ein, Troddwar die Patenschaft für die Grünfläche vor der Einrichtung zu übergeben. Bollerwagen, Rasenmäher und Gartengeräte wurden angeschafft und über die Bepflanzung beratschlagt. Die Sonnenblumen der Sorte „King Kong“ werden dabei gerne genommen, weil sie sich am sonnigen Kaiserplatz herrlich entwickeln.

Der Erfolg ließ nicht lange aus sich warten. Während Anwohner und Besucher der Stadt vorher einen großen Bogen um die Mittelinsel des Kaiserplatzes machten, trauen sie sich jetzt wieder am Café vorbei oder kommen sogar auf einen Kaffee herein. Ein Designermarkt Ende September sollte dazu dienen, noch mehr Menschen offen für einen Besuch in den Räumlichkeiten zu machen. Der Plan ging auf – nächstes Jahr wird aller Voraussicht nach wieder ein Markt stattfinden. Auch wenn sich die Klienten rund um den Kaiserplatz an so einem Tag von ihrer Einrichtung fernhalten, so haben sie doch bei der Planung mitgewirkt und auch die Deko und Blumendosen zum Verkauf vorbereitet.
Bewusst laden Mark Krznaric und Laurids Elsing die Anwohner und Geschäftsleute der Nachbarschaft zum Dialog ein und sprechen auch mit ihren Klienten über die Außenwirkung. Sozialromantik sei dabei fehl am Platze, reflektieren die beiden Sozialarbeiter. Natürlich gebe es Probleme, beispielsweise wenn schwerstabhängige Menschen sich dann doch wieder in einem Hausflur einen Schuss setzen. „Das sind Menschen in psychischen Ausnahmesituationen – wir wissen meistens, um wen es sich handelt, und besprechen immer wieder, wie wichtig es ist, nicht öffentlich zu konsumieren.“
Die Arbeit der Suchthilfe Aachen verfolgt einen akzeptierenden Ansatz. Das bedeutet, dass die Abhängigkeit als solche zwar akzeptiert wird, der Abhängige jedoch als mündiger Bürger angesehen wird, der seinerseits in der Pflicht steht, sich gesellschaftsverträglich zu verhalten.
Nicht immer gelingt das. „Wenn Anwohner etwas beobachten und in Sorge sind, laden wir sie jederzeit gerne zu einem offenen Gespräch ein.“ Dann könne man auch eingreifen, indem man wiederum mit seinen Klienten Lösungen erarbeite.

Eigenverantwortung stärken

Das Projekt „Querbeet“ indes hilft den Teilnehmern, ein anderes, positiveres Bild von sich zu bekommen. Einstellungen wie „Wir werden eh von allen gehasst, keiner mag uns“ weichen der Erkenntnis, dass man selbst dazu beitragen kann, von den Bürgern anders wahrgenommen zu werden. Die Einstellung „Wir wollen trotz unserer Probleme gute Nachbarn sein“ greift immer weiter um sich und die Klienten spornen sich gegenseitig an, Dinge zu verbessern.

Eine Gruppe hatte zum Beispiel die Idee, vor der Einrichtung die Kippen und Kronkorken nicht mehr einfach auf die Straße zu werfen, sondern aus einer Dose einen Aschenbecher zu machen und sich selbstständig um die Entleerung zu kümmern. In Blechdosen wurden außerdem Blumen gepflanzt und in Guerillamanier an Straßenlaternen befestigt.
„Manchmal werden unsere Blumendosen abgetreten“, erzählt Vitali, der vom Jobcenter zur Betreuung des Projekts als Gärtner vermittelt wurde. „Wir verstehen nicht, wer so etwas Schönes kaputt macht.“ Alles in allem laufe es aber gut und erfahre eine solch positive Resonanz, dass Troddwar inzwischen auch Patenschaften in anderen Stadtteilen übernommen hat. Sogar im schicken Frankenberger Viertel werden zwei Flächen gepflegt. Die Anwohner nehmen das begeistert an.
Mark Krznaric: „Menschen, die keiner haben will, kommen plötzlich an und machen etwas schöner.“ Das gefalle den Anwohnern, die sich auch gerne auf Gespräche einlassen. „Zieh einem Menschen eine Weste an und gib ihm eine Blume in die Hand, dann entsteht Kommunikation“, erklärt er. Für die Besucher der Suchthilfe sei es eine ungewohnte Erfahrung, sich mit den Bürgern der Stadt normal zu unterhalten. Manche seien anfangs schüchtern, andere gingen sofort offen in die Gespräche.

Markus, der bei der heutigen Tour im Frankenberger Viertel dabei ist, beschreibt seine Motivation so: „Ich mache mit, weil ich dann etwas zu tun habe. Ich habe auch schon einmal alle Fenster der Einrichtung am Kaiserplatz geputzt. Heute kehre ich Laub weg und entferne das Unkraut am Brunnen im Frankenberger Park. Das ist alles schöner, als nichts zu tun.“ Anwohnerin Ellen, die regelmäßig am Frankenberger Park vorbeikommt, hat die Veränderung natürlich schon bemerkt: „Das ist eine total tolle Idee“, meint sie. „Das müsste man überall machen, weil es so schön ist!“ Also ist vielleicht doch ein bisschen Sozialromantik im Spiel, aber warum auch nicht, wenn es so schön ist.

Problem: Wochenende

An einem Sonntag will ich mir den Kaiserplatz noch einmal ganz in Ruhe anschauen. Hat er außer der neuen Blumenpracht noch irgendetwas Attraktives zu bieten? Das beliebte ehemalige Studentencafé Lokma ist inzwischen auch Geschichte. Ein neuer Eigentümer versucht sein Glück. Ich gehe daran vorbei, den Adalbertstift hinauf. Dort oben hinter der Kirche ist es geradezu idyllisch. Wohnhäuser um einen kleinen Platz, ein paar Blumenkübel vor den Türen. Fast würde man vergessen, wo man ist, wäre da nicht das Vorbeirauschen des Straßenverkehrs. Aber doch, dies ist ein nettes Eckchen. Eigentümlich die Ansicht, wenn das Auge Sankt Adalbert und Aquis Plaza zugleich einfängt. Die Kuppeln von Aquis Plaza erinnern irgendwie an Lego-Bionicle-Dosen, wie sie da in der Sonne glitzern.
Ich steige hinab, will die Runde vervollständigen und komme an der Stelle zwischen Kaiser-Friedrich-Denkmal und Drogenhilfe an. Auf dem Boden liegt eine Frau. Mehrere aufgeregte Drogenabhängige rufen durcheinander und versuchen, sie wiederzubeleben. Ich laufe hinüber und rufe den Notarzt. „Das passiert hier öfter“, sagt ein Anwohner, der vorbeikommt.
Offensichtlich wird die Arbeit der Drogenhilfe immer wieder an ihre Grenzen stoßen. Vor allem sonntags, wenn die Suchthilfe mit ihren engagierten Mitarbeitern nicht besetzt ist.
Text & Fotos: Birgit Franchy

Aufstieg und Fall: der Kaiserplatz in Aachen

Wer sich historische Postkarten von Aachen um die Jahrhundertwende anschaut, wird stutzig. Eins der beliebtesten Motive war doch tatsächlich der Kaiserplatz. Er gehörte mit anderen Sehenswürdigkeiten der Stadt in die Riege der Orte, auf die man stolz war und prangte gemeinsam mit dem Polytechnikum (der heutigen RWTH) oder neben Abbildungen von Rathaus, Marschiertor und Elisengarten auf Ansichtskarten. Darauf zu sehen: Kinder, die über den Platz tollen, Damen, die im Sonntagskleid und mit Schirm promenieren, und Straßenbahnen, die – teils noch von Pferden gezogen – Menschen von hier nach dort befördern.

Der Platz war um 1900 eine exklusive Adresse. Zu verdanken war dies großenteils dem reichen Bürger Gerhard Rehm. Um 1860 kaufte er das heute nach ihm benannte
Rehmviertel – den Bereich zwischen Adalbertsteinweg und Jülicher Straße. Ursprünglich wollte er es der Stadt zum Bau des Polytechnikums überlassen, aber diese entschied sich für den Standort Templergraben. Das Rehmviertel ließ er schließlich mit zahlreichen hochwertigen Gründerzeithäusern, aber auch mit Arbeiterblocks für die umliegenden Großfirmen bebauen. In Sichtweite seines Viertels wurde 1879 auf seine Initiative anlässlich der goldenen Hochzeit des Kaiserpaares ein gusseiserner Brunnen aufgestellt, den Rehm von der Weltausstellung in Paris mitgebracht hatte. Bei dieser Gelegenheit erhielt der Platz, der vormals Adalbertsrundplatz hieß, seinen neuen Namen und das Rondell inklusive Bepflanzung.

Im Zweiten Weltkrieg wurde dem Areal schwer zugesetzt. Der Brunnen wurde bereits 1939 für die Rüstungsindustrie eingeschmolzen und 1944, gegen Ende des Krieges, wurde der Platz drei Tage heftig umkämpft, die Bausubstanz war anschließend zu 80 Prozent zerstört. In den 50er Jahren entstanden neue Wohn- und Geschäftshäuser, das Kino Gloria-Palast und ca. 1975 eine – damals hochmoderne – Unterführung mit Ladenlokalen unter der Erde. Der Fortschritt veränderte auch den Kaiserplatz stetig. Die 1880 eingeführte Straßenbahn wurde 1974 abgeschafft. Der Auto- und Busverkehr floss dort durch die Stadt, wo früher die Spaziergänger lustwandelten.

Gut bekommen ist das dem Knotenpunkt nicht. Zu laut und dreckig wurde es für Anwohner, auch das Rehmviertel verkam immer mehr zum Brennpunkt. Bereits Anfang der 90er Jahre standen fast alle Ladenlokale in der Unterführung leer und die Drogenszene hatte sich an den Kaiserplatz verlagert, geschlafen wurde in der Unterführung. Ob die Läden zuerst gingen oder die Drogensüchtigen zuerst kamen und wie das eine das andere bedingte, lässt sich nicht mehr genau nachvollziehen. Die Unterführung wurde jedenfalls wieder geschlossen, die Szene aber blieb am Platz. Um das ganze Areal aufzuwerten, beschlossen Stadt und Investoren 2006 das Shopping-Mall-Großprojekt Kaiserplatz-Galerie. Kino, Wohnungen und alte Ladenlokale wichen, lange tat sich überhaupt nichts mehr. Dann wurde das Einkaufszentrum doch gebaut und hieß nun Aquis Plaza. Im Rest der Geschichte befinden wir uns derzeit.
Text & Foto: Birgit Franchy

 

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