Ein Ausstellungsprojekt mit den Künstlern Thomas Rentmeister und Bjørn Melhus im KuK Monschau

Die Redewendung „Das ist doch Schnee von gestern“ steht für Dinge oder Ereignisse, die aus einem bestimmten Grund – meist aufgrund zeitlichen Fortschritts – überholt oder uninteressant geworden sind. Die Empfindung, dass etwas Schnee von gestern ist, kann durch eine Weiterentwicklung oder den vollständigen Ersatz durch etwas Neues entstehen. Interessanterweise scheint sich die Zeitspanne, innerhalb deren etwas veraltet, immer mehr zu verkürzen. Technische Neuerungen bewirken seit jeher einschneidende Veränderungen, die sich auch im Alltag wiederfinden. Die mobile und digitale Kommunikation verstärkt dieses Gefühl noch einmal besonders augenfällig, auch durch immer kürzere Innovationszyklen: Kaum jemand lebt heute noch ohne Mobiltelefon, E-Mails und Messenger-Dienste haben den Brief weitestgehend verdrängt, Online-Enzyklopädien ersetzen Nachschlagewerke, Nachrichten werden mobil gelesen, das klassische lineare Fernsehen weicht Streams on Demand.

„Schnee von gestern“ beinhaltet über die reine Tatsache, dass etwas obsolet geworden ist, hinaus aber auch eine abwertende Konnotation, die dem Gegenüber Unwissenheit unterstellt – und es schlicht nicht mehr auf der Höhe der Zeit verortet. Dieser Aspekt, wo sich zwei unterschiedliche Positionen gegenüberstehen – die eine scheinbar veraltet, die andere neu und „zeitgemäß“ –, sind die beiden Pole, zwischen denen sich die Ausstellung bewegen wird. So stehen sich die Arbeitsweisen der beiden Künstler auf den ersten Blick konträr gegenüber: Während Thomas Rentmeister eher im klassischen Sinn Skulpturen schafft, arbeitet Bjørn Melhus mit dem Medium Film. Ziel der Ausstellung ist es, die materiellen Arbeiten von Rentmeister in einem unmittelbaren Dialog mit den nicht greifbaren, filmischen Inszenierungen von Melhus zu zeigen. Beide Künstler werden sich auf ganz unterschiedlichen Ebenen mit dem Schnee von gestern, dem Wandel, der Veränderung auseinandersetzen.

Weißes Rauschen, White Noise, Fernsehschnee

Als White Noise oder auch Fernsehschnee bezeichnet man das einstige Rauschen im analogen Äther, das mit der Digitalisierung des Fernsehens im 21. Jahrhundert gänzlich verschwunden ist. Dieses weiße Rauschen zieht sich metaphorisch als Imaginationsraum, der die Werke verbindet, durch die Ausstellung. Der „Schnee von gestern“ hat als weißes Fernsehrauschen viele Geister beflügelt, ihn als Übergang zu einer nichtmateriellen, metaphysischen Welt zu sehen. In seiner Vorstellung sieht Thomas Rentmeister diesen Schnee immer wieder hinter der gewölbten, schwarz umrandeten Glasscheibe namens Bildröhre, in eine hölzerne Kiste, den Fernseher, eingefasst. In nahezu jedem Wohnzimmer im Westdeutschland der 1960er und 1970er Jahre stand dieses Möbelstück meist in der zentralen Blickachse des Raumes – wie ein Altar, zu dem alle aufblicken.

Schnee, Winter, Weihnachten, Jahreswechsel

Auch andere Assoziationen werden durch das weiße Rauschen geweckt: Der Fernsehschnee evoziert Bilder der kalten Jahreszeit, vom Winter, vom realen Schnee. Draußen wird es früh dunkel, ungemütlich und kalt, innen ist es hell, warm und beschaulich. Je weiter der Herbst fortschreitet, umso unentrinnbarer stößt man auf Zeichen des nahenden Weihnachtsfests. Einkaufspassagen sind verschwenderisch illuminiert, Weihnachtsmärkte versuchen, eine feierliche Stimmung zu verbreiten, Glühweinstände und bis zum Exzess dekorierte Läden locken zum Konsum – und entfernen sich damit ironischerweise Lichtjahre von der ursprünglichen Intention des Advent: Ruhe, Besinnlichkeit, Einkehr. Stattdessen dominieren Hektik, Stress, überfüllte Straßen. Beide Künstler hinterfragen, inwiefern Vermarktung und Kommerzialisierung Traditionen und Rituale aushöhlen – mittlerweile auch schon ein Klassiker der Konsumkritik. An Silvester ist das Weihnachtsfest bereits Schnee von gestern. Zum Jahreswechsel erinnert man sich an das Vergangene, fasst gute Vorsätze (meist auch nicht ganz neu). Der unaufhaltsame Lauf der Zeit vergegenwärtigt die Vergänglichkeit aller Dinge und des eigenen Daseins.

Fazit – ein Rückzugsort

Das weiße Rauschen kann als gemeinsame Keimzelle für Thomas Rentmeister und Bjørn Melhus angesehen werden, deren Entwicklung jedoch höchst unterschiedliche Ausprägung erfuhr. Die Farbe Weiß ist dabei ein wiederkehrendes Motiv, das als Materialisierung des weißen Rauschens gelesen werden kann. Ziel der gemeinsamen Ausstellung ist es, in der Vorweihnachtszeit abseits von Tourismus und hektischem Einkaufstreiben einen Rückzugsort zu schaffen, in dem der Besucher zur Ruhe kommen kann. Installationen und Skulpturen treten immer wieder miteinander in einen Dialog und regen zum Hinterfragen eigener Gewohnheiten an – ohne dabei auf eine gute Dosis Humor zu verzichten.
Kunst- und Kulturzentrum der StädteRegion Aachen (KuK), Austraße 9, 52156 Monschau
www.kuk-monschau.de
19.11.-22.12.2017 | Vernissage: 19.11., 12:00 Uhr

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