Buchtipp: Cioma Schönhaus – Der Passfälscher


„Im Grunde ist das, was wir hier tun kriminell. Aber unter einem kriminellen Regime ist das, was wir machen die einzig angemessene Verhaltensform“. Diese Worte richtet Dr. Kaufmann, ehemals Oberregierungsrat und hochdekorierter Kämpfer im ersten Weltkrieg, an den jungen Cioma Schönhaus. Kaufmann ist als evangelisch getaufter Jude von den Nazis zum Hilfsarbeiter degradiert worden. Seine Kontakte zur bekennenden Kirche nutzt er, um Widerstand zu organisieren. Mitglieder der Kirche werfen sonntags statt Geldspenden ihre Ausweise und Pässe in den Opferstock, diese übergibt Kaufmann dem jungen Grafiker Cioma Schönhaus, der die Passbilder geschickt austauscht und so zahlreichen Juden zu einer neuen Identität verhilft.
Aufgeschrieben hat die Geschichte Cioma Schönhaus als 83-Jähriger im Jahre 2004. Es ist eine der vier Biografien, die in dem Film „Die Unsichtbaren“ von 2017 beleuchtet wurden.

Schönhaus, geboren 1922 in Berlin, war als kleines Kind mit seinen Eltern nach Isreal ausgewandert. Die Familie konnte dort nicht Fuß fassen und kehrte nach Berlin zurück. Zu spät erkennen sie, was für eine Gefahr das Naziregime birgt. Als die Eltern im Juni 1943 deportiert werden, fügen sie sich widerstandslos in ihr Schicksal, noch nicht ahnend, was sie erwartet. Der gerade 20-jährige Cioma denkt nicht daran, es ihnen gleichzutun. Seine Firma reklamiert ihn als unabkömmlichen Arbeiter und er kann in Berlin bleiben. Als er kurz darauf erfährt, dass er auch in der Firma nicht mehr sicher sein wird, taucht er unter und macht die Bekanntschaft von Dr. Kaufmann. Cioma Schönhaus, der ein Jahr auf einer Schule für Grafiker war, ist ein geschickter Zeichner und entdeckt sein Talent, Ausweisdokument, bzw. Stempel zu fälschen. Er verhilft nicht nur sich, sondern in der Hochphase wöchentlich mehreren Juden zu neuen Identitäten.
Das Buch erzählt die Geschichte eines hochintelligenten Jugendlichen und jungen Mannes, der alles gibt, um zu überleben und das Leben zu genießen. Raffiniert schmiedet er immer neue Pläne, um durchzukommen. Dabei ist er wahnsinnig geschickt und dann wieder so tollpatschig, dass dem Leser der Atem stockt.
Nur ein Jahr können Dr. Kaufmann und Cioma Schönhaus und ihre Verbindung ihre Arbeit ausüben. Schönhaus wird polizeilich gesucht, nachdem er seine Brieftasche verliert. Dr. Kaufmann fliegt auf, als eine seiner Schützlinge von einer übereifrigen Nachbarin verraten wird. 50 Menschen werden daraufhin verhaftet, 26 davon ermordet, darunter Dr. Kaufmann. Cioma Schönhaus hat sich zu diesem Zeitpunkt schon abgesetzt. Mit einem Fahrrad und wieder einer neuen Identität wagt er das Unmögliche: Er möchte in die Schweiz fliehen.

Die Geschichte von Cioma Schönhaus ist ein Beispiel für die Schicksale junger Juden, die im zweiten Weltkrieg als „U-Boote“ untergetaucht sind. Meist waren es junge Menschen, an der Schwelle zum Erwachsenwerden, genau in der Phase, in der ein unbedingter (Über-)Lebenswille herrscht und der Mut, Dinge einfach zu machen. Während die ältere Generation tat wie ihr geheißen, weigerten sich Jugendliche vehementer. Judensterne wurden abgerissen, man versuchte sich zu benehmen wie alle auf der Straße und täglich wurde um das Leben und ein bisschen Normalität gekämpft.
Wer viele Geschichten der U-Boote gelesen hat, fängt an, die Helferkreise und die Feinde zu kennen, Lebensgeschichten überschneiden sich im Untergrund. So hatte Cioma Schönhaus beispielsweise mit der späteren Gestapo-Kollaborateurin Stella Goldschlag die Grafikerschule besucht und für sie geschwärmt. Sie begegnen sich im Untergrund wieder, gehen jedoch nach kurzer Überlegung getrennter Wege. Hat sie ihn verschont? Oder wurde sie erst später zur Kollaborateurin?
Er überlebt, wie ca. 1.700 von 7.000 untergetauchten Juden in Berlin. Viele davon sicherlich mit seiner Hilfe und den von ihm erstellten Ausweispapieren und neuen Identitäten.
Bis zu seinem Tod 2015 lebte er in der Schweiz und arbeitete viele Jahrzehnte als Grafiker.

Cioma Schönhaus
Der Passfälscher
Die unglaubliche Geschichte eines jungen Grafikers, der im Untergrund gegen die Nazis kämpfte
Fischerverlage, 2004

Filmtipp:

Die Unsichtbaren

Weitere Buchtipps zum Thema:
http://movieaachen.de/2017/10/26/buecher-zum-thema-leben-im-untergrund-in-der-ns-zeit/

 

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