Zu einer Zeit, in der bereits die Erwähnung einer Reise ins beschauliche Transsilvanien als das Non plus ultra des Schaurigen galt, harmlose Fledermäuse in mystische Tiefen des Bösen verfrachtet wurden und die Wälder noch von (Wer-)Wölfen bevölkert waren, zu dieser Zeit entstand der Erzählzyklus „Nachtstücke“ von E. T. A. Hoffmann. Doch bei Hoffmann ging es um weit mehr, als kindliches Gruseln. Für ihn war die Psyche eine Art Kuriositätensammlung, unheimlich und faszinierend zugleich, die er mit all ihren Leiden fassen und begreifen wollte.
Ein breites Spektrum menschlicher Empfindungen charakterisiert seine Figuren, in dem das Lachhafte, Melancholische und Verwunderliche neben dem Diabolischen einen ebenbürtigen Platz erhalten.

Luana Bellinghausen, Torsten Borm, Thomas Hamm, Hannes Schumacher und Musiker Malcolm Kemp stürzen sich hemmungslos in die reißende Flut der Hoffmann’schen Träume, in der es von Menschenfressern, Orakeln und allerlei Märchenwesen nur so wimmelt. Wut, Trauer, Wahnsinn, Liebe und auch eine große Portion Ironie spiegeln sich in ihren kerzenbeschienenen Gesichtern wider, Regisseur Stefan Rogge fordert eine mimische Hochleistung nach der anderen von seinen Darstellern, denen sie mit einer unbändigen Spielfreude willig nachkommen. Sie vermögen diese sonderlichen Traumgestalten mit so viel Leben und Geist zu füllen, dass sie, einem echten Traum gleich, die Mauer zwischen Fiktion und Realität, Schauspieler und Figur zum Einstürzen bringen.

Mit einer breiten Palette an schrägen, bizarren Einfällen verwandelt Rogge die Bühne in einen unbeschreiblichen, weil unfassbaren Ort der Traumwelt. Sein Sammelsurium an Ideen versprüht die morbide Anziehung der schwarzen Romantik ohne sie als ein Abklatsch ihrer wirken zu lassen. Die Kostüme, eine wohldosierte Mischung aus Steam Punk, Gothic und Karnevalsglanzstücken, tragen entscheidend zu der skurrilen Atmosphäre bei. Anleihen aus der Popkultur der 90er (Courtney Love lässt grüßen) und der Gastauftritt des „Mimimi Mann“ Beaker aus der Muppet-Show fügen sich geschmeidig in die Inszenierung ein, in einem Traum ist eben alles möglich und Ironie hat noch nie geschadet. Die meisten Szenen bei echtem Kerzenschein spielen zu lassen ist ein weiterer Coup Rogges.

Den leichten Staub, den diese phantastischen Geschichten 200 Jahre nach ihrer Niederschrift angesetzt haben, hat diese Inszenierung im Nu weggefegt.

Nachtstück
nach Motiven von E.T.A. Hoffmann
Theater Aachen – Mörgens
Inszenierung, Bühne und Kostüme: Stefan Rogge | Musikalische Leitung: Malcolm Kemp
Termine im Dezember: 10.12., 13.12., 22.12.

Foto: Marie-Luise Manthei

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